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Und am Abend die Luft

Für manche ist die Sonne ein Schlachter.

 


„Und am Abend, die Luft...?“, fragst du.

„Und die Luft am Abend, ja“, sage ich, „die lässt sich ertragen.“

Wenn das Blaue der langen Dämmerung in die Nacht schwappt, und die Natur ihren schweren, öligen Schweiß ausatmet,  nach Pflanzen im Saft und Rauch und stehendem Wasser irgendwoher, und das ganze abkühlt und destilliert am Nachthimmel. Ja. Die Abendluft im Sommer lässt sich ertragen. Sonst nichts.

Warum ich den Sommer nicht mag, hast du gefragt, ganz kindliches Staunen; das fragst du mich wirklich - du, für den der Sommer keine Jahreszeit ist, sondern ein Element, ein grundlegender Gemütszustand, du bist im Sommer wie in deinem Körper zu Hause.

Und ich kann dir nicht erklären, dass Sommer mir weh tut, dass mich alles Helle schmerzt, weil es in mir nichts Helles mehr gibt, außer vielleicht dumpfen Abglanz von Abglanz, tief in den Katakomben weggesperrt.

Weil ich gelernt habe, das Licht zu fürchten; ich, für die die Sonne ein Schlachter ist mit sieben blutigen Messern, jedes für eine meiner dünnen Häute gewetzt; sie schälen mich gewaltsam aus der Notunterkunft der Gedanken und schleudern mich vor die gnadenlosen Augen der Welt, wund und bloß, und ich habe keine Handhabe gegen die weiße grelle der Gegenwart; habe nur verrostete soziale Prothesen gegen den Alltag, einen ungesunden Menschenverstand, ich bin ohne Kontakt-Stellen zur Welt gekommen, eine Beziehungs-Waise, meine Verbindungen sind Verbundenes, Wehes, und im Sommer brennt die Gegenwart erbarmungsloser als sonst auf der Haut, zusammen mit der Sommersonne versengt sie mein hilfloses Mimikry zu Angst, schwarzer verkrusteter Angst, für jeden zu sehen, klar wie die helle Sonne, wie der helle Tag, sagt man auch, die Sonne bringt es an den Tag, zerrt, zerrt mich an einer Leine aus Stacheldraht dem Tag entgegen, die Sonne duldet nichts Verborgenes, im Sommer sind keine Schatten in den Augen der Menschen, alles ist offen und ausgeleuchtet, keine Schatten, in denen man sich verbergen, verkriechen könnte vor dem gnadenlosen Licht; jeder sieht alles, sieht meine unzulängliche, ungefällige, verkrüppelte Gestalt mit der blutverkrusteten Angst drauf, alles schmeißt sein Urteil in meine Richtung, leichthin, wie einen Apfelbutzen über den Zaun, aber tödlich treffsicher, Sommergourmets tragen den glücksverwöhnten Kopf oben und sind zu Schelmereien aufgelegt, zu Urteilen und Gelächter, ich ein dankbares Ziel, und du willst wissen, warum ich den Sommer nicht mag.

„Mein Sommer ist ein Spießrutenlauf durch die Hölle der Blicke“, kann ich dir nicht sagen. „Mein Sommer ist ein Abgrund vor dem Bett. Mein Sommer ist ein Gefängniswärter“, sage ich nicht.

Ich schweige, blicke zurück in dein offenes, fragendes Gesicht und wünsche mir Schatten, irgendwo.

„Die Früchte“, sage ich, „ich mag die Früchte im Sommer“, und du lachst und fängst an zu erzählen von deinen Sommern, von denen ich schon alles gelesen und gehört habe, bevor du es erzählst, denn sie sind alle gleich, diese Sommer - sie kommen anscheinend zu jedem irgendwann, irgendwie; Sommer zwischen Naivität und Erfahrung, endlose wilde Ferientage, Sommer des Älterwerdens, der Extreme, der Experimente, leise lyrische Sommer, Spaß Spiel Sport Liebe.

Man braucht Freunde für solche Sommer, und jedwede Ängstlichkeit lässt sich da nicht brauchen.

Man braucht unverdorbene Hoffnung, die ungesehen immer ein paar Schritte voranläuft, ein kleiner, fröhlicher Welpe im Gebüsch, und die Sorglosigkeit muss man nicht einladen, sie ist immer schon da.

Ich lausche deinen Fabeln und sage nichts, aber ich wünsche mir den Abend herbei, die Erlösung der Schatten, und die laue, von Pflanzenduft schwer gesättigte Luft, wie sie jetzt abends ist, wenn der Tag aufgehört hat zu schreien und ich die Anspannung ausschwinge und ein ganz klein wenig Frieden schließen kann mit dem Sommer: Diese Abendluft in Einmachgläser füllen, denke ich, und sorgfältig im Keller verstauen, und im Winter heimlich herunterschleichen und sich daran berauschen, vielleicht, wenn der Winter doch ein ganz klein wenig fade geworden ist mit seinen immer gleichen Farben.

Du hörst mitten im Satz auf zu sprechen. Du blickst mich ernst und forschend an. In deinen Augen ist ein hell erleuchtetes, offenes Zimmer, aber mir scheint, es hat auf einmal jemand die Jalousien ein bisschen runtergelassen.

„Wenn du möchtest“, sagst du und schweigst wieder.

„Wenn du möchtest…?“



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