published in 'PublicMe' on Juptr.io

0
0

Verwirrte Gedanken über Toleranz-Grenzen

 

Die gesellschaftlich anerkannteste Antwort auf die Frage Sind Sie tolerant? lautet wohl Ja! eventuell noch ein entrüstetes Natürlich vor-oder angehängt. Ein Zögern oder Differenzierungen sind sofortige Indizien, die die Antwort Lüge strafen.

Doch lohnt es nicht, einmal einen Moment inne zu halten, bevor man antwortet? Nur die Zeit, die die Antwort nicht zu einer reflexartigen Handlung werden lassen würde. Die Zeit, die es benötigen würde, zu reflektieren über die Unsinnigkeit der Frage…

Nehmen wir uns einmal diesen Augenblick: Das Ideal der Toleranz basiert auf gemeinhin anerkannten Menschenrechten, niemanden auf Grund seiner Meinung, Sexualität, Religion, Rasse, Hautfarbe oder auch nur seines Geschlechts zu diskriminieren, zu verletzen oder zu töten. In Deutschland wurde dies im ersten Punkt des Grundgesetzes folgendermaßen formuliert: Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Nun hat leider nicht jeder Staat oder jedes Land diese glänzende Fassade. Überall werden Menschen aus den oben genannten Gründen beleidigt, geschlagen, gefoltert und abgeschlachtet und das jeden Tag. Soweit ist dies wohl jedem bekannt und wird klar als intolerantes Verhalten eingestuft.

Doch gehen wir einen Schritt weiter, nur einen winzigen Sprung. Menschen, die um ihre geistige und körperliche Unversehrtheit fürchten müssen, fliehen. Sie richten den gehetzten Blick voller Hoffnung auf Orte, an denen sie nicht geschlagen, beleidigt, gefoltert oder getötet werden. Sie lenken ihre Schritte dorthin, wo Menschen reflexartig mit Ja! auf die Frage nach Toleranz antworten. Der Weg dorthin ist meist beschwerlich und mit Gefahren verbunden. Einige ereilt sogar auf der Flucht genau das Schicksal, vor dem sie zu fliehen suchen. Sie müssen Entbehrung, Diskriminierung, Schläge, Folter, Vergewaltigung und sogar Tod in Kauf nehmen, um ihr Ziel zu erreichen: Freiheit! Man könnte sagen, sie tolerieren diese Gefahren für die Erfüllung ihrer Träume, sodass ihre von Hoffnung getragene Toleranzgrenze dessen, was sie zu ertragen fähig sind, steigt.

Diejenigen, die an den Grenzen der Länder ihrer Hoffnung angelangen, müssen nun hoffen, dort toleriert zu werden. Denn schon hier beginnt die Maske des lächelnden Paradieses zu bröckeln.

Wird ihnen das Recht auf Würde und Toleranz zugestanden, öffnen sich die Pforten des goldenen Käfigs und sie werden mit den Wirklichkeiten hinter den hauptsächlich von Reflexmustern gesteuerten Bewohnern dieser Länder der Freiheit und Toleranz konfrontiert. Sie werden in überfüllte Baracken gepfercht und müssen sich integrieren, um toleriert zu werden. Lehnen sie sich gegen die Umstände ihres neuen Lebens auf, haben sie gute Chancen ausgewiesen zu werden. Des weiteren wird ihnen bewusst, dass das Leben und Überleben von Geld abhängig ist, denn die Toleranz der Menschen gegenüber jeglichem Verhalten steigt mit dem Einkommen, der zu tolerierenden Handlung. Problematisch ist jedoch der Anfang bei Null. Weitestgehend keine in ihren Heimatländern abgeschlossene Ausbildung wird als Qualifikation anerkannt. Somit folgt der Einstieg in eher unbeliebtere Drecksarbeit. Sollte nun ein ehemaliger Ingenieur mit seiner neuen Berufung als Kanaldeckelreiniger nicht zufrieden sein, wird ihm dies mit Sicherheit als Undankbarkeit angerechnet. Begibt sich jemand in den Dienst des Staates, wird er sich als Handlanger eines vor allem selbsterhaltenden Systems wiederfinden. Früher oder später muss er sich eingestehen, dass der Name Demokratie als Herrschaft des Volkes eher irreführend ist. Bedenkt man die Bedeutung des Einzelnen und dessen Aufgabe als Diener des Staates, der bei aller ideologischen Stichhaltigkeit letztendlich doch nur von besser gestellten Menschen gebildet wird, die das Volk lenken.

Doch zurück zur Frage der Toleranz. Was bedeutet etwas tolerieren eigentlich? Weder es abzulehnen, noch zu bekämpfen. Weder es zu befürworten, noch es zu unterstützen. Etwas zu tolerieren, bedeutet es wahrzunehmen und die Existenz des zu tolerierenden hinzunehmen, ohne irgendwelchen Einfluss darauf zu nehmen. Wir tolerieren ohne jede Empathie, ohne Sympathie, ohne Akzeptanz oder Verständnis. Wir tolerieren soziale Ungerechtigkeit, wir tolerieren den Krieg anderer, solange er uns nicht betrifft. Wir tolerieren Ausbeutung und emotionale Abstumpfung. Wir tolerieren, die uns eingebläute Hilflosigkeit und das Wissen, das wir von der uns umgebenden Gesellschaft abhängig sind. Denn Ja, natürlich sind wir tolerant!

Man könnte einwerfen, dass es trotz allem sowohl uns als auch den Fliehenden in diesen freien Ländern besser erginge, als in ihrer von Krieg und Gewalt zerfressenen Heimat. Dagegen ist nichts einzuwenden. Doch schauen wir genauer hin, sind es unsere Waffenexporte, die Kriege unterstützen. Es sind unsere auf Profitgier und nicht auf Menschlichkeit ausgerichteten Hilfeleistungen, die Länder derart destabilisieren, dass sie zu Kriegsgebieten werden. Es ist unser Unwille zu helfen, der Menschen zu Opfern von Schmugglern und zu Geistern des Meeres werden lässt. Nach außen tragen wir eine Maske der Empathie und Hilfsbereitschaft, doch haben nicht den Mut einmal ohne Maske in einen Spiegel zu blicken. Denn dann müssten wir uns eingestehen, dass wir heucheln. Wir von Gier und Trägheit zerfressen sind. Uns alles Fremde und jede Veränderung ängstigt. Wir lieber in unserer kleinen Blase leben, zu der kein Leid durchdringt. Und wir letztendlich die Toleranz mit flammenden Reden und um uns geworfenen Beschuldigungen verteidigen, weil wir selbst diese Lüge hingenommen haben. Wir sie tolerieren…

Ja, natürlich bin ich tolerant!, doch bin ich eben auch ein Mensch. Ich fühle, ich liebe und hasse. Ich will nicht nur in einem Käfig sitzen, in dem mir ein ewiges Lied davon gesungen wird, wie frei ich doch bin und wie viel Glück ich doch habe. Ich will leben, so frei ich eben kann. Nicht wissen, was mich morgen erwartet und all die restlichen Morgende meines Lebens, denn Sicherheit ist nicht gleich Freiheit! Und mit Sicherheit nicht zum Preis meiner Zeit erkauft! Ich will nicht nur für eine wachsende Toleranzgrenze der Belastbarkeit leben. Und ich will niemandem meine Toleranz aufzwingen! Denn die Würde des Menschen sollte tatsächlich unantastbar sein!



Published in: