published in 'CHIAROSCURO' on Juptr.io

0
0

Je-m'en-foutiste, living and writing in Cologne, Germany.


Suffimoiselle

Lebendige Skulpturen und/oder Schimmelfleisch

Pierre Merciers Lebenswerk RIEN N'A JAMAIS CESSÉ DE COMMENCER im Straßburger Musée d'Art Modern et Contemporain.

 

Kein Künstler, den ich kenne. Der erste Gedanke, der durch meinen durch die Hitze geschändeten Kopf geisterte, als ich mit meinem linken Fuß die Schwelle zur Ausstellung hinübertrat und der Blick im Parallelschritt auf die weiße Infotafel mit schwarzen Lettern glitt.

Vermutlich bin ich auch deshalb wahnsinnig erstaunt nach dem Besuch der Ausstellung anlässlich des Lebenswerks Pierre Merciers gewesen. 

Aus Straßburg stammend und später dort als Lehrkörper für die in der Stadt beheimateten Kunstschule engagiert gewesen, schuf der Künstler ein spektrenreiches Œuvre, dass in seiner Summe die Masse seiner Einzelteile abbildet.

 

Das Grundgerüst seiner Karriere formt die Fotografie. Mercier begann seine Tätigkeit als Fotograf mit der Fertigung zahlreicher Arbeiterportraits, in denen er versuchte, die Menschen zwar bei der Ausübung ihrer Berufe abzubilden, aber dabei ebenfalls intendierte, diese in einer Art magisches Moment festzuhalten, wodurch die Fotos surreal und wie aus einer anderen Welt stammend erscheinen.

Das Spiel der Komposition von gegensätzlichen Positionen und Sinneseindrücke beherrscht Mercier exzellent.

Neben den sozialkritischen Arbeiterportraits knipste der Straßburger außerdem Fotos von Skulpturen und Menschen, die als Skulpturen aufgestellt worden sind, wodurch erneut die Infragestellung der Realität und ihrer Dimensionen auf ein Neues beginnt.

 

Die Dramatik von Licht- und Schattenspiel in der Schwarz-Weiß-Fotografie gelangt in den skulpturalen Shots des Künstlers zu einer eigenen Königsklasse.

Doch aufgepasst! Pierre Mercier kann auch ganz anders!

In einem der Räume der weitläufigen Exposition erwarten den Besucher zahlreiche Zeichnungen auf Zeitungsblättern, die auf humoristische Weise den Zyklus der Menschengeschichte illustrieren und dabei Sozialkritik üben. Dieses Werk entstand unter anderem zur Zeit seines Aufenthalts in Köln.

Das der Charakterkopf sich nicht lediglich über die Zanken eines Kammes bürsten lässt, wird dem Besucher spätestens dann klar werden, wenn er sich mit den Fotocollagen Merciers Spätwerks auseinandersetzt.

Dazwischen thematisierte Mercier auch mit variablen Sujets das Vanitas-Motiv, u.a. mit den klassichen Totenköpfen und eher ungewöhnlichen Abbildungen von verfaulenden Skulpturen.

 

Rundum ein Künstler, der sich auch in den Bereichen der Videokunst, Malerei und Skulptur versuchte und in jeder dieser, ein komplett unterschiedliches Produkt schuf - als hätten mehrere Herzen in seiner Brust geschlagen.

Ich kann wirklich nur jedem ans Herzen legen, der gerade zufällig in Straßburg ist oder sich in unmittelbarer Entfernung befindet, die Ausstellung zu besuchen. Es lohnt sich allemal und eine Enttäuschung ist ausgeschlossen. Falls ich mich irre, bietet das Museum für moderne Kunst darüber hinaus noch eine Dauerausstellung an, die viele Werke des Surrealismus und von Kandinsky präsentiert. Auch passionierte Liebhaber des Jugendstils und Realismus kommen hier voll auf ihre Kosten.

Habt viel Spaß!

 



Published in: