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Astropower! <3


Vera Fortuna

Liebe und Leidenschaft in Berlin-Kreuzberg: Leiden einer Aushilfsputzkraft, die einen attraktiven Landtierzahnarzt aus dem Spreewald an der Netto-Wursttheke kennen und lieben lernt – ein Berliner Heimatkrimi

 

Von weitem sah sie die Fleischstücke und Speckschwarten, tote Fische und die Weißwürschte hinter der spärlich beleuchteten Glasvitrine. Ohne es zu bemerken speichelte sie und ein Blutschwall spritzte mit Hochdruckreinigergeschwindigkeit auf den Boden. Sie spurtete nach vorne und rempelte aggressiv zwei übergewichtige Netto-Einkäufer von ihren Seniorenrollern. Zur gleichen Zeit rutschte hinter ihr ein Statist aus und blieb nach einem dramatisch, aber dennoch unbemerkten Überlebenskampf tot liegen. Ute bemerkte das nicht und stürmte weiter auf die Wursttheke zu. Erst 20cm vor der Glaswand wurde sie sich ihrer zu hohen Geschwindigkeit bewusst und krachte mit ihrem ganzen Körpergewicht hinein, sodass das Glas zerbarst und drei Fleischfachverkäuferinnen mit den Splittern tötete und einige Umstehende verletzte. Ute interessierte sich dafür nicht weiter, da sie nun endlich nahe bei ihrer Lieblingsgelbwurst mit Kräutern war. Als sie sich aus dem Scherbenmeer erhob, blickte sie direkt auf die selbe Gelbwurst mit Kräutern in den Händen eines attraktiven Mannes, der natürlich Single war. Ute hob den Blick und sah in seine blassgrauen, seiner eigenen Gelbwurst mit Kräutern zugewandten Augen. Sie fühlten sich sofort zueinander hingezogen und fielen sich in die Arme.

Nach einem langen, intensiven und intimen Gespräch an der Wursttheke im Netto in Berlin-Kreuzberg stellte sich heraus, dass Graf Klaus-Günter Landtierzahnarzt im Spreewald war und von dort auch soziale Projekte in Afrika unterstützte. Nach fünf Minuten stand fest, dass sie der wahren Liebe wegen in den Spreewald umziehen musste. Sich gegenseitig anschmachtend gingen sie händehaltend mit ihrer Gelbwurst mit Kräutern hinaus in die Berliner Nachmittagssonne.

Nun trete ich auf den Plan: Mein Name ist Vera Fortuna, selbsternannte Kriminaldetektivin, Hobbyenergietherapeuthin und Spezialistin für außersinnliche Wahrnehmung. Eigentlich war es nur Zufall, dass ich an diesem Tag den besagten Netto aufgesucht habe, um meinen liebsten Alpenvorlandsbiodiätskäse käuflich zu erwerben. Aber das Schicksal wollte es anders. An der Wursttheke eröffnete sich mir ein Bild des Grauens und der vielen Möglichkeiten. Mein erfahrener, lang antrainierter Kriminalbeamtenblick sah vier Tote, zwei Übergewichtige, die durch ihre Körpermasse nicht mehr aufstehen konnten, und mehrere Verletzte. Außerdem noch zwei Seniorenroller, die unbeaufsichtigt herumstanden. Instinktiv wollte ich zuerst den Seniorenroller klauen um damit in der Berliner Innenstadt herumzucruisen, jedoch hatte ich eine unverständliche Eingebung, dass ich hier gebraucht wurde.

Zur gleichen Zeit befanden sich Ute und Graf Klaus-Günter im Spreewald und kauften bei einer romantischen Kahnfahrt Essiggurken in allen Geschmacksrichtungen.

Ich, Vera Fortuna, sicherte den Tatort indem ich mit Bierdosen eine behelfsmäßige Mauer baute. Im Anschluss zeichnete ich auf meine Magnet-Zeichentafel das Nettogebäude, um die Unfallstelle visuell zu veranschaulichen. Nachdem ich genug Beweise gesichert hatte, fahre ich mit dem Seniorenroller und einem original Berliner Alpenschwarzwaldkäse nach Hause. Dort angekommen sinniere ich darüber, was ich da eigentlich auf meine magische Magnet-Zeichentafel gemalt habe. Dieses Bild – das dem Haus des Nikolaus sehr ähnelt – kam mir unbekannt vor.

Ute und Graf Klaus-Günter machten mittlerweile ihre zweite Spreewaldgurkenfahrt als Wiedergutmachung, da Ute bei der letzten Fahrt einen Ausrutscher mit dem Gondoliere hatte. Die stimmungsvolle Sonne, die durch die Blätter des Spreewaldes auf sie schien, gepaart mit den Senfgurken ließ sie diesen Fauxpas schnell wieder vergessen.

Meine, Vera Fortunas, Ermittlungen, nachdem ich mich wieder erinnert hatte, was ich da eigentlich gezeichnet hatte, führten mich in den Spreewald zu einem Gurkenseminar. Dort lernte ich viel über die Konservierung von Essiggurken und deren natürlichen Feinde. Dies gab mir den eindeutigen Hinweis, dass der nächste Teil meiner Recherche zwischen den Tiefkühltheken im Berliner Netto stattfinden musste. Also fuhr ich schnell wie der Wind mit meinem Seniorenroller zurück zum Netto in Berlin-Kreuzberg und betrachtete die Tiefkühlpizzen und Pommes. Es gab Pizzen voller Parmaschinken, Hinterschinken, Vorderschinken, Salamischinken, Tofuschinken, Erdbeerschinken und Pilzen. Das brachte mich auf eine Idee: Ich musste zurück in den Spreewald, da ich die Flyer für die Spreewalder Senfnacht dort vergessen hatte. Dank meines Seniorenrollers ging die Fahrt dorthin recht schnell.

Ute und Graf Klaus-Rüdiger wanderten auf dem Spreewaldgurkenwanderweg und aßen Spreewalder Salzgurken. Dabei genossen sie ihre getraute Zweisamkeit und schmiedeten Pläne für die gemeinsame Zukunft. Plötzlich stolperte Ute über mich. Ich, Vera Fortuna, bin selbst auch mit dem Seniorenroller den Berg hochgefahren. Jedoch konnte dieser seiner Aufgabe nicht mehr gerecht werden und ich musste absteigen. Da ich nicht sportlich genug war, musste ich nach fünf Metern eine Pause einlegen und legte mich spontan quer auf den Wanderweg. Graf Klaus-Rüdiger fing Ute in einer romantischen Szene auf und ignorierte mich vollkommen. Ich blieb noch ein paar Minuten liegen und wartete, dass mich jemand aufhob, was aber nicht passierte. Da erinnerte ich mich an den zweiten Rollator an der Wursttheke im Berliner Netto und beschloss dorthin zu kugeln.

Ute hatte sich durch mich den kleinen Finger verknackst und musste nun von Graf Klaus-Günter heldenhaft in die nächste öffentliche Toilette getragen werden, damit sie ihren Finger unter kaltem Wasser kühlen konnte. Durch diese schlimme Verletzung stieg die Körpertemperatur von Ute drastisch an und sie verlor mehrmals das Bewusstsein. Graf Klaus-Günter musste sie dreimal reanimieren und einen Blasenkatheter legen.

Ich, Vera Fortuna, befand mich wieder im Berliner Netto, in der Nähe der Wursttheke. Angeekelt stieg ich über die verwesenden Leichen zu dem zweiten Seniorenroller. Da sah ich etwas: In einem der Einkaufstaschen der adipösen Personen befand sich eine 100g Tafel Rittersport Erdbeer-Joghurt (für nur 0,65 € im Angebot). Scheinbar krüppelten sie aufgrund von Hypoglykämie auf dem Boden herum und hatten keine Kraft aufzustehen. In heldenhafter Manier schüttete ich eine 1,5 Liter Flasche Cola-light in ihren Mund (da sie doch auf ihre Linie achten und wenig Zucker zu sich nehmen sollten). Sie husteten, gurgelten und plötzlich bewegten sie sich nicht mehr. Ich stand vor ihnen, beobachtete sie und wartete auf einen angemessenen Dank.

Auf einmal sah ich mehrere Polizeibeamten, die alle vor meiner Bierdosenabsperrung warteten. Sie winkten mich zur Absperrung. Ich fuhr also mit meinem Seniorenroller vor und blieb vor ihnen stehen. Einer von ihnen fragte nach meiner Identität. Ich sah ihn nur fragend an, da ich doch eigentlich davon ausgehen konnte, dass mich jeder kennt. Trotzdem gab ich ihm zu verstehen, dass ich als Privatdetektivin tätig sei. Dann informierte ich ihn über meine fast abgeschlossenen Ermittlungen. Ich belehrte ihn über verschiedene Möglichkeiten zur Konservierung von Essiggurken und erzählte ihm von dem tragischen Verlust meines ersten Seniorenrollers. Er reagierte mit einem bestürzten Gesichtsausdruck und gab seinen Kollegen zu verstehen, dass die Arbeit schon fast erledigt sei. Nachdem die Polizei Bestatter und Putzfrauen informiert hatte, zogen sie sich aus dem Berlin-Kreuzberger Netto zurück.

Zurück im Spreewalder Gurkenkrankenhaus. Ute lag mit einem aufwendigen Verband und mehreren Eisenstützvorrichtungen um ihren kleinen Finger in einem Intensivbett und musste sich unter Tränen von Graf Klaus-Günter trennen. Sie hatte gerade herausgefunden, dass er nur als Landtierzahnarzt für Großvieh arbeitete und nicht für kleine Tiere zuständig sei. Dieser schwere Vertrauensbruch war für Ute ein plausibler Trennungsgrund. Trotz der tausend Essiggurkengläser und der weißen Pferdekutsche vor der Krankenhaustüre blieb Ute knallhart und bereitete die Heimfahrt in ihre Heimat, das Kreuzberg Gangsterghettoviertel, vor.

Drei Monate später: Ute war hochschwanger und mit dem Gondoliere liiert. Zusammen mit drei weiteren gemeinsamen Kindern standen sie vor der Nettowursttheke in Berlin-Kreuzberg und kauften zwei Kilo Gelbwurst mit Kräutern.

Ich, Vera Fortuna, stand auf einem Regal und beobachtete stolz das friedliche Treiben der Käufer. Ich war froh, nach intensiven Ermittlungen einen weiteren Fall erfolgreich abgeschlossen zu haben. Elegant sprang ich vom Regal, das hinter mit zusammenbrach und gönnte mir ein Glas konservierte Essiggurken pur.

Und die Moral von der Geschicht: Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo VERA FORTUNA her!



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