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Entschuldigung, ich habe Depressionen

Was das popkulturelle Phänomen der Depression mit Glutenunverträglichkeit zu tun hat.

 

Ein Kamerateam steht vor verschlossener Tür. Die Stimme aus dem Off teilt dem Zuschauer mit, dass Jana Seelig – die Autorin des Buchs Minusgefühle – kurz zuvor über das Telefon gewarnt hätte, dass eine depressive Episode bevorstände. Im         Close-up wird an die geschlossenen Rollladen geklopft. Was ich hier beschreibe, ist zum einen ein Ausschnitt aus der im ZDF ausgestrahlten Dokumentation                    Viel mehr als Traurigkeit und zum anderen ein Paradebeispiel für die akute Vermarktungsmaschinerie um die Variationen einer depressiven Erkrankung.

Entgegen dem, was in der mittlerweile massenhaft erschienen Literatur, den Dokumentationen, Filmen und Berichten behauptet wird, ist die Depression massenwirksam ausgetreten worden. Und wie es oft vorkommt, wenn ein Thema populär und ausufernd behandelt wurde, ist seine wahre Natur am Ende verklärter als zuvor. Verschiedene Magazine sprechen von einer „Volkserkrankung“, die Statistiken variieren, aber in etwa pendeln sich die Ergebnisse betreffend unserer Bundesrepublik bei fünf Prozent ein - das sind grob gerechnet vier Millionen Deutsche, die an einer depressiven Erkrankung leiden.

Immer noch wird in Fachkreisen darüber gestritten warum die Studien über die vergangenen Jahrzehnte einen derart starken Anstieg zu verzeichnen haben, es wird davon gesprochen, dass dieser Umstand darauf zurückzuführen sei, dass die Depression mittlerweile nicht mehr stigmatisiert sei. Andere behaupten, es läge an dem zunehmenden Leistungs- und Erwartungsdruck unserer Gesellschaft. Es gibt zudem evolutionsbiologische Ansätze und einige Theoretiker stützen sich auch auf den Umstand, dass Depressionen mittlerweile zu leichtfertig diagnostiziert werden.

Auf jeden Fall steht fest – keiner kann gesichert erklären woher dieser Anstieg nun rührt, es können lediglich Vermutungen angestellt werden. Und dieser schönen spekulativen, also angenehm freien Form möchte ich nun auch nachgehen.

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Es wird uns aus jeder Ecke so selbstverständlich zugeraunt, dass Depressionen alltäglich sind und jeden treffen können, dass wir schnell den Verdacht schöpfen, auch wir könnten ein Opfer dieser heimtückischen Krankheit geworden sein. 

Um den Anstieg der Depressionen über die vergangenen Jahrzehnte zu erklären, greifen für mich aktuell zwei Faktoren ineinander: Die schon erwähnten gelockerten Bestimmungskriterien der Erkrankung und die Vermarktung der Depression als popkulturelles Phänomen. Mehrmals wurden die Kriterien, welche, wenn man sie erfüllt, zur Diagnose der Krankheit führen, aufgeweicht. Vielleicht zu sehr, denn da auch viele andere psychischen Störungen dazu führen, dass depressive Verhaltensmuster auftreten, ist eine klare Differenzierung schwierig. Menschen aus meinem Bekanntenkreis, von denen ich mit Sicherheit sagen kann, dass sie nicht an Depressionen leiden, kamen von einem Arztbesuch mit dementsprechenden Medikamenten oder psychiatrischen Überweisungen bezüglich des Verdachtes auf Depressionen zurück. Fast jeder Mensch, der sich von der Seuche pseudowissenschaftlicher Tests im Internet vereinnahmen lässt, bekommt, wenn er sich gerade in einer negativen Lebensphase befindet, von eben diesen Depressionen bescheinigt. Das mag daran liegen, dass die Krankheit mittlerweile in der Popkultur einen großen Stellenwert einnimmt. Es wird uns aus jeder Ecke so selbstverständlich zugeraunt, dass Depressionen alltäglich sind und jeden treffen können, dass wir schnell den Verdacht schöpfen, auch wir könnten ein Opfer dieser heimtückischen Krankheit geworden sein. 

Wie immer folgt unser Leben dem Drehbuch, dass die populären Medien uns vorgeben, und an Depressionen zu leiden ist natürlich auch eine einfache Erklärung warum man beständig leidet und unmotiviert ist. Denn sie (die Depressionen) tauchen schließlich, dass hat man letztens noch in einem Fernsehbeitrag gehört, einfach so auf, ohne Grund, da muss man sich nicht unnötig existenziellen Zweifeln am Leben aussetzen.


Alltagshypochondrie: Glutenunverträglichkeit

Ein ähnliches Phänomen, um diesen großen Bogen zu spannen, lässt sich bei der Glutenunverträglichkeit beobachten. Etwa ein Prozent der US-Amerikaner leidet an medizinischer Glutenunverträglichkeit, jedoch kaufen derzeit achtzehn Prozent der Erwachsenen dort glutenfreie Lebensmittel. Die Befragten erklären, dass es ihnen damit gesundheitlich besser ginge, körperliche Beschwerden würden verschwinden, obwohl das faktisch gesehen nicht durch den Glutenverzicht geleistet werden kann; ein vergleichbarer Trend existiert auch in Deutschland. Dieselben australischen Wissenschaftler, welche die Glutenunverträglichkeit durch Studien belegt hatten, haben ihre Ergebnisse mittlerweile wieder zurückgezogen. Bei ausgedehnteren Nachforschungen stellte sich das Ergebnis als falsch heraus, Kontrollgruppen hatten bei komplett glutenfreier Ernährung weiterhin Beschwerden. Nur wem mitgeteilt wurde, dass es sich um glutenfreie Kost handelte, verspürte, ob dies nun eine Tatsache war oder nicht, eine Veränderung. Das ist schon Jahre her, trotzdem setzt sich der glutenfreie Trend fort. Das liegt an einem Nocebo-Effekt. Eine große Menge an vermeintlich Betroffenen versucht sich ihre Beschwerden, in diesem Fall unter anderem Magenschmerzen, zu erklären, dann werden Studien populär gemacht, Konzerne schalten sich ein, da ein neuer Lebensmittelmarkt erschlossen werden kann. Überall in den Medien wimmelt es von Berichten, Büchern, Experten, die vor Glutenunverträglichkeit warnen. Plötzlich wird einem ein idealer Schuldiger auf dem Silbertablett serviert, dieses Angebot nehmen viele Menschen dankbar an. Auf den Nocebo- folgt dann der Placebo-Effekt. Das Einspeisen einer Erkrankung in die Popkultur führt also zu einem enormen Anstieg derselben in der Bevölkerung oder überhaupt erst zu ihrem Auftreten. 


Sensationstourismus: Depressionen in der Literatur

Ähnlich mag es sich auch mit psychischen Erkrankungen verhalten. Oft erwecken gerade jene Menschen, die am theatralischsten unter ihrer Erkrankung leiden, bei uns instinktiv den Anschein eben nicht betroffen zu sein. Wenn man so böse sein möchte, fällt einem auch der ein oder andere (oft selbst diagnostizierte) Depressive auf, der etwas zu extrovertiert leidet und nun, wo es ja allgemein akzeptiert wird, bei jeder Gelegenheit seine Erkrankung vorschiebt „Entschuldigung, ich habe Depressionen“. Denn neben allen negativen Zuschreibungen umweht die Depression auch ein Hauch der Coolness, schließlich sind viele angesehene Künstler von dieser Erkrankung betroffen. Depressionen als Lifestyle-Element, das gibt es häufiger als man annehmen mag. Bei der schon erwähnten Autorin von Minusgefühle kann man sich diesem Eindruck ebenfalls nicht verwehren, besonders wenn man das Buch auch tatsächlich gelesen hat. In einer nur halb gekonnten, lässigen, berlinerrotzigen Bloggersprache wird das eigene exzessive Partyleben mit dem ganzen daran hängendem und schon einmal in anderen Büchern besser beschriebenen Drogenkonsum und Sex dann ausgewalzt. Die Depression scheint hier eher Statist zu sein und wird nicht richtig greifbar, eher verkommt sie zu einer lässigen Pose. Wirklich authentisch wird es mitunter nicht, es fällt mir schwer, der Autorin die Krankheit überhaupt abzukaufen.

Was dann bleibt, ist ein narzisstischer Roman, der nur um die Person der Verfasserin kreist. Das würde mich auch eigentlich nicht stören, nur der Umstand, dass dieses Buch einem als tieferer Einblick in die Thematik verkauft wird, hinterlässt einen faden Nachgeschmack, ebenfalls natürlich, dass man Frau Seelig nicht gerade ein schriftstellerisches Talent bescheinigen würde. Darüber hinaus erschließt sich mir auch generell der Sinn nicht, die Depression als Inhalt in die künstlerischen Medien zu überführen, nur stilistisch ergibt das Sinn, Kunst ist schließlich kein Ratgeber. Der Roman Die Welt im Rücken scheitert ebenfalls daran: Der Autor schreibt hier zu Anfang „Die Fiktion muss pausieren“, es kann natürlich darüber gestritten werden inwiefern das möglich ist, aber beim Lesen gewinnt man leider tatsächlich den Eindruck. Charakteristisch oszilliert das Leben des Protagonisten immer gleich und dumpf zwischen depressiven Episoden und der Genesung von ihnen hin und her. Es gibt keinen Spannungsbogen, keine Dramaturgie und keine Musikalität. Da werfen sich so manche Kritiker schützend vor den Autor und behaupten, dass das ja aber auch sehr authentisch und nahe an der Krankheit sei. Das stimmt, aber es ist auch langweilig, weil ich mehr von Literatur erwarte. Wenn die authentische Schilderung eines Leidensprozesses alles ist, ohne, dass diese besonders künstlerisch gestaltet wurde, bleibt da für mich bloß billiger Sensationstourismus über. Ein weiteres Machwerk, das in die Medienlandschaft eingespeist wird, um zu zeigen wie akut das Problem ist, dass sie jeden treffen kann, die allgegenwärtige Depression. Ich bin es Leid von sogenannter Aufklärungsarbeit belästigt zu werden. Wer Depressionen als eine Form von Traurigkeit abtut, dem geht so viel Intelligenz und Empathie ab, dass sämtliche Erklärungsversuche an der Person abperlen wie Wasser vom Regenmantel. Ebenso lächerlich sind die Bemühungen alteingesessene Rechte noch im Rentenalter mit irgendeiner Kulturaktion zur Versöhnung mit den Migranten zu bewegen. Diese Ambitionen verlaufen sich im Nichts.

Im Zweifelsfall sollte vielleicht zuerst ausgiebig geprüft werden, ob nicht persönliche Probleme Auslöser der grundnegativen Episoden sind, bevor konfrontationsscheu Tabletten eingenommen werden, die zu Teilen stark in die Persönlichkeit eingreifen und nur für die Menschen bestimmt sein sollten, die tatsächlich von der Erkrankung betroffen sind.



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