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Voller Ideen für neue Abenteuer, ob auf dem Papier oder in der Realität.

Aber was ist eigentlich "real"?


linnschiffmann

Bodhgaya - Zu Besuch bei Buddha?

Jenseits des Goldenen Dreiecks gibt es in Indien eine kleine Stadt, die mehr bietet als nur Sehenswürdigkeiten. Hier wurde vor 2500 Jahren ein Mann zum Buddha. Doch lässt sich die Energie des Erleuchteten heute noch spüren? - Ein Erfahrungsbericht.

 

Mahabodhi Tempel

Es gibt gute Gründe nicht nach Bodhgaya zu reisen. Zum einen wäre da der Smog. Manche vergleichen ihn mit Nebel. Doch wo Nebel, einer Wolke gleich, direkt vor einem in der Luft hängt und sich die Kleidung beim Durchschreiten mit Feuchtigkeit vollsaugt, da bleibt Smog stets am Rand des Sichtfelds hängen. Einem dünnen, grauen Tuch gleich hängt er sich vor den Himmel und die Sonne. Smog ist feiner als Nebel und dringt in jede Pore. Nach wenigen Minuten schon fühlen sich Augen, Nase und Mund trocken an. Nach einem Tag in Bodhgaya versucht meine Lunge die Schmutzpartikel wieder auszustoßen. Am dritten Tag vergeht der Husten, nicht aber der Smog und ein Gefühl des Ungesunden. 

Zum anderen trifft jeder Reisende gleich nach Verlassen des Flughafens auf den Verursacher des Smogs: eine Anhäufung von Motorrädern, Rikschas und Menschen auf wenigen Quadratkilometern. Obwohl Bodhgaya mit einer Einwohnerzahl, die irgendwo zwischen Vierzig- und Fünfzigtausend liegt, eine vergleichsweise kleine Stadt ist, ist sie im Dezember voller Menschen. Nicht selten staut sich der Verkehr. Gemütliche Spaziergänge sind an asphaltierten Straßen nicht möglich. Das liegt nicht nur an den vielen Rikschas, sondern auch an den mobilen Marktständen, die die Bürgersteige für sich beanspruchen. Dazwischen, Kinder, Krüppel und Kühe. Tatsächlich erscheint die Dichte an Bettlern und freilaufenden Tieren im Vergleich zu anderen indischen Städten, wie Neu-Delhi und Varanasi, erstaunlich hoch. Sie nimmt zudem immer mehr zu, je näher man sich der Hauptattraktion der Stadt, dem Mahabodhi Tempel nähert.

 

An der Hauptstraße hängt Smog  zwischen den Bäumen

Dieser Tempel jedoch ist DER Grund, um Bodhgaya zu besuchen. Oder präziser gesagt, der Reisende nimmt die Strapazen von Bodhgaya in Kauf, insofern er nur den Tempel betreten darf. Er ist die Wiege des Buddhismus, der Ort an dem sich ein Mann namens Siddharta Gautama vor 2500 Jahren unter einen Baum setzte und erst wieder aufstand als er die Buddhaschaft erlangt hatte. Damals, so wird erzählt, berührte er mit seiner rechten Hand den Boden und rief die Erde als Zeuge seiner Verwirklichung an. Aber was können wir heute dort finden? Ist es noch dieselbe Erde wie zu Buddhas Zeiten, trägt sie noch die Erinnerung an den Tag als ein Mann aus dem Kreislauf der Wiedergeburten ausstieg, nachdem er lange Zeit sitzend verweilt hatte? Mit Sicherheit kann der Baum nichts mehr bezeugen. Er hat schon vor langer Zeit seinen Platz freigegeben. Nun steht dort ein Sprössling aus seiner Linie. Dieser Baum ist der versteckte Star der Tempelanlage. Bei Eintritt in den Garten kann man ihn nicht sehen, er wird verdeckt von einem eindrucksvollen Bauwerk aus Stein. Während meines Besuchs im Dezember halten sich die Touristen im Tempel in Grenzen, obgleich man viele Leute aus dem Westen sieht. Die meisten Besucher sind Pilger. Da diese Woche der Kagyü-Mönlam, ein Treffen um Wunschgebete zu sprechen, stattfindet, kommen viele von ihnen aus Nepal, Tibet und Bhutan. Die Atmosphäre der Tempelanlage unterscheidet sich drastisch von der Energie auf der Straße. Es ist vergleichsweise still, obwohl Gespräche sowie laute Gebete und auch Gesänge an der Tagesordnung sind. Jedoch wird die Hektik der Straße nicht mit zum Tempelbesuch genommen. Es fahren keine Fahrzeuge innerhalb der Anlage. Zudem muss sich jeder, der den Tempel betreten möchte, zuvor einer Taschenkontrolle und einer Leibesvisitation unterziehen. Im Tempel selbst gibt es keine Händler. Nur einige junge Männer versuchen Touristen zu einer Führung zu überreden. Meine Reisebegleitung und ich stellen uns in einer Schlange zum Eingang des steinernen Tempels an. Alle um uns herum scheinen Opfergaben in Form von Blumen oder Lebensmitteln mitgebracht zu haben. Als wir das Steinmonument betreten und erkennen, dass sich im Innenraum eine einzelne Buddhastatue befindet, sind wir überrascht und ein wenig beschämt als einzige mit leeren Händen zu kommen. Inspiriert von den anderen Pilgern, verweilen wir jedoch ein wenig vor dem Buddha und sprechen mit vor dem Herzen einander gelegten Handflächen einige Wünsche zum Besten aller fühlenden Wesen. Ich verlasse den Mahabodhi Tempel mit einem guten Gefühl. Ob sich die Erde nun an den Buddha erinnert oder nicht, es ist schön zu sehen, dass die Menschen ihn nicht vergessen haben.
 

Unterhalb des Bodhibaums versammeln sich Mönche und Laien zum Wunschgebet

Später versuchen wir möglichst unbehelligt zurück zu unserem Gästehaus zu laufen. Es sind nur ein paar hundert Meter, doch er wird zum Spießrutenlauf. Direkt vor dem Tempel warten unzählige Händler, die uns wahlweise Blumen, Poster mit Buddhadarstellungen, Atemschutzmasken oder das Anzünden von Butterlampen verkaufen wollen. Wir entscheiden uns dazu von einem etwa zehnjährigen Jungen Atemschutzmasken für 10 Rupien das Stück zu kaufen. Gleich dahinter steht eine Reihe von Rikschas, sowohl motorisierte als auch Fahrradrikschas sind darunter. „Hello Madam, Rikscha? Where you going?“ Anfangs antworten wir noch, später immer weniger. Denn selbst ein simples „No“ wird von vielen Indern als Aufforderung zum Feilschen verstanden. Weiter geht es an der Straße und an den tibetisch, nepalesischen Marktständen vorbei, die buddhistische Statuen, Ritualgegenstände, Sitzkissen sowie Kleidung und Lebensmittel verkaufen. Dazwischen immer wieder Bettler, oft Verkrüppelte, die um Geld bitten.
 


chließlich verlassen wir die asphaltierte Straße. Auf dem lehmigen Weg, der zu unserem Gasthaus führt, ist es ruhiger. Hier beginnt der dörfliche Teil der Stadt. Kühe liegen am Straßenrand, ein kleines Mädchen trägt einen Welpen auf dem Arm herum, Hunde suchen nach Futter und in einer schlammigen Pfütze wälzen sich Schweine. In einer Kurve, das Beauty Guest House. Hier haben wir für acht Nächte ein Doppelzimmer gebucht. Es ist sauber, es gibt heißes Wasser und fünf Tage lang ist die Stromverbindung stabil. Das Guest House ist in Familienbesitz. Einer der Söhne checkt uns ein und gibt sich in den kommenden Tagen sehr viel Mühe unsere Wünsche zu erfüllen.
 

Kühe am Straßenrand

Am Abend entscheiden wir uns für ein Restaurant um die Ecke. Im Lhasa wird vor den Augen des Dalai Lama und des Karmapa, deren Bilder die Wände des Lokals zieren, einfache, tibetische Küche serviert. (Für Kenner des Karmapa-Konflikts: Es handelt sich um Ogyen Drodul Trinley Dorje.) Wir bestellen tibetisches Brot, Momos, Nudeln mit Ei und Zitronen-Honig-Ingwer-Tee. Letzterer eignet sich vorzüglich, um den Rachen von den Schmutzpartikeln in der Luft zu befreien und wird sofort zu unserem Stammgetränk. Das Essen ist gut und preiswert. Generell braucht man sich über das Preis-Leistungs-Niveau in Bodhgaya nicht zu beklagen. Obwohl wir in der Hauptsaison kommen, kostet unser Zimmer, über Booking.com gebucht, gerade mal 85€ für acht Nächte. Da wir mitten im Währungsreformchaos in Bodhgaya ankommen, sind wir höchst erfreut über die geringen Kosten. Denn wir können pro Tag nur jeweils 2000 Rupien, circa 28€, vom Bankkonto abheben. 

 

Im Lhasa Restaurant werden wir vom Dalai Lama begrüßt

Am nächsten Tag gehen wir wieder in den Tempel und rezitieren einige Zeit lang Wunschgebete. Später sitzen wir am Rand und schauen zu wie Mönche und Laien im Uhrzeigersinn um den Tempel laufen und dabei Mantras murmeln. Unter den Mönchen sind auch viele Kinder. Meine Freundin verliebt sich sofort in einen kleinen Jungen, der sich immer wieder umdreht, um die weiße Frau zu beobachten, die ihm schließlich ein großes Lachen schenkt. Freudig lächelt er zurück. Irgendwann läuft ein älterer Mann im traditionell bhutanesischem Gewand an uns vorbei. Sein Gesicht fasziniert mich. Es strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus. Ohne Hintergedanken schaue ich ihm in die Augen, offen erwidert er meinen Blick. Wir schenken uns ein Lächeln und heben grüßend die Hände. Dann begibt er sich auf eine weitere Runde. Es sind diese Augenblicke, die mich die Welt außerhalb des Tempels vergessen lassen und mir ein tiefes Gefühl von Verbundenheit mit den Menschen um mich herum geben. Ich finde, dass es sich dafür gelohnt hat, nach Bodhgaya zu reisen.
 

Mönche rezitieren Wunschgebete



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