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Je-m'en-foutiste, living and writing in Cologne, Germany. I study French Literature and Art History.


Suffimoiselle

My home is my prison

Die weiße Folter im Abgang

Ein abschließender Erfahrungsbericht zu Gregor Schneiders Ausstellung "Wand vor Wand" in der Bundeskunsthalle in Bonn.

 

Ich betrete den Flur des Gefängnisses. Stille. Er ist leer. Leer und lang. Und sehr schmal. Die roten Türen versprechen mir einen Weg aus der ausweglosen Richtung, die linear verläuft. Die ersten Minuten befinde ich mich noch in dem Wahn meines experimentellen Dranges. Das wird sich jedoch im Verlauf der Reise durch Gregor Schneiders Ausstellung "Wand vor Wand" in der Bundeskunsthalle in Bonn bald ändern, denn meine Gefühle wanken stetig.

Lässt es sich im Korridor Nr.1 noch ganz gut aushalten, bin ich gespannt, was sich hinter der nächsten Türe verbergen mag. Ich habe mich absichtlich dagegen entschieden, mich mit einem Ausstellungsplan bewaffnet während meines ersten Parcours durch Schneiders Konstruktionen zu begeben. Das Risiko und der Nervenkitzel des Unerwarteten sollen mich regielos führen.

In der Nasszelle beginnt das rapide Changieren meines Gemüts. Metallplatten, zwei Türen, zwei Lampen und ein Metallgitter formen den vierwändigen Raum. Das silberne, matte Glänzen des Interieurs wirkt zunächst ziemlich unspektakulär. Bloß wird mir hier ganz schön warm auf Dauer. Es ist feucht. Die Luft lässt sich kaum in Worte fassen. Vorzugsweise aber eher süßlich duftend.

Im kalten Lagerraum entwickelte sich dann das genau kontradiktorische Gegenteil zu meinen vorherigen Empfindungen. Es ist ziemlich kalt und Durchzug herrscht. Dieser Durchzug wirkt sich ebenfalls auf meine Gedanken aus. Schon komisch irgendwie. Es lässt sich in beiden Räumen einige Minuten aushalten. Aber spätestens der eisige Wind macht es für einen Besucher des Environments erfahrbar, wie grausam es sein muss, der permanenten Isolation des Sonnenlichts, ohne Möglichkeit auf ein Entkommen, ausgesetzt zu sein. Einfach schrecklich. 

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Mit nicht genau koordinierbaren sensitiven Wahrnehmungen wandere ich durch ein Rohr in ein Kinderzimmer, das nicht steriler ausgestattet sein könnte.

Mit nicht genau koordinierbaren sensitiven Wahrnehmungen wandere ich durch ein Rohr in ein Kinderzimmer, das nicht steriler ausgestattet sein könnte. Mit Mut zum Minimalismus ist die Kindsherberge mit abwaschbaren PVC sowohl an einer der Wände, als auch auf dem Boden beklebt. Die übrigen Drei sind weiß. Lieblos liegt in einer der vier Ecken eine kleine Matratze mit rosafarbener Decke. Eine Lampe, die nicht leuchtet und sich darüber hinaus auch nicht einschalten lässt, komplettiert die katastrophale Kuschelhöhle. Immerhin hängt noch ein Spiegel rechts an der Wand, wenn man den Raum durch das Rohr als Eingang betritt. Still stillgestanden verweile ich einige Sekunden in der gleichen Position. Kann man ein Kind so leben lassen? Die kühle Raumgestaltung lässt einen auf eine lieblose und traurige Kindheit des Zimmerbesitzers schließen. Hier kann man sich nicht wohlfühlen und hier kann auch keine Liebe existieren. Für Liebe gibt es hier keinen Platz, da sie fehl am Platz erscheint.

Diese Evokationen werden durch den Clou des Raumes beim Herausgehen verstärkt: Der Spiegel ist aus Spionspiegel-Glas gefertigt worden. Zuerst steigert die Möglichkeit, das Kind, das in diesem Zimmer leben mag, von außen zu beobachten, die quälenden Gedanken an eine nicht kindgerechte Kindheit. Andererseits, als die nächsten Besucher durch den Raum huschen und sich selbst im Spiegel betrachten, entweder, weil sie ihre Mützen richten wollen, oder aber wissen möchten, ob ihre Frisur oder das Make-Up noch sitzen, entwickelt sich daraus ein lustiges Ereignis, das mir voyeuristischen Spaß erlaubt. Ab jetzt geht es kreuz und quer weiter, die Kulisse wird aufgebrochen und ich gewinne ein Stück an Selbstbestimmung zurück.

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Ein ebenso abgenutztes kleines französisches Doppelbett, was die lieblichen und frivolen Stunden, die auf ihm verbracht worden sind, schon längst hinter sich gelassen haben mag.

Als nächstes besuche ich die Familie Schneider. Netterweise bin ich eingeladen worden, wenn sie selbst gerade nicht zu Hause sind, damit ich mich in aller Ruhe umsehen und stöbern darf. In meiner neugewonnen Voyeuristenmanier mache ich mich zuerst mit dem Schlafgemach der Schneiders vertraut. Ein enger, aufs Nötigste reduzierter Raum.

Abgenutzter und verschmutzter Flokatiteppichboden, schimmelrosa getünchte Wände mit floralem Tapisseriedruck, der eingestanzt ist. Ein ebenso abgenutztes kleines französisches Doppelbett, was die lieblichen und frivolen Stunden, die auf ihm verbracht worden sind, schon längst hinter sich gelassen haben mag. Ein riesiger Wandschrank, der mit Spiegeltüren hoffnungslos versucht, dem Raum mehr Weite zu illusionieren, weil es kein Fenster gibt. Heizkörper und Vitrine. Alles nichts besonderes. Das ist es eben.

Man fühlt sich einige Jahrzehnte aufgrund des Interieurs zurück in die Vergangenheit versetzt, oder als wäre man bei einem alten Ehepaar daheim, das in sporadischen Verhältnissen vegetiert. Das würde zumindest zum Geruch des Raumes passen. Am liebsten würde ich mich setzen wollen, aber das traue ich mich nicht. Das gehört einfach nicht zum guten Ton, wenn man irgendwo zu Gast ist. Ganz unmoralisch versuche ich jedoch, einen Blick in den Schrankinhalt zu erhaschen. Die Schneiders müssen vorausgesehen haben, dass sie heute viele Gäste empfangen werden. Ihre Geheimnisse und ihren Besitz haben sie, zusammen mit den Türen, ins Unsichtbare gekehrt. Nun gut. Ich verabschiede mich von den tabulosen Schlafzimmergeschichten, die ich nie erfahren werde, um mir das Badezimmer anzusehen.

Einer der Schneiders muss es heute Morgen ziemlich eilig gehabt haben. Welcher Mensch würde sonst das Wasser in der Dusche weiter laufen lassen? Ich empfinde den Odeur des Bades als eher neutral, zumindest kann ich nicht mehr riechen, dass gerade jemand diesen Raum frischgeduscht verlassen haben muss. Genau so neutral ist die Temperatur. Ein bisschen enttäuscht bin ich allerdings schon. Das plätschernde Wasser hat mich darauf hoffen lassen, einen nackten Menschen unter der Dusche zu erblicken, oder aber wenigstens auf Frotteemantel tragende Gesellschaft zu stoßen.

Ein Haar im Waschbecken. Ein Schrank voller totalnormaler Pflegeprodukte in Vorteilspackgröße. Die Toilette ist auch sauber. Im Mülleimer daneben findet man etwas Toilettenpapier oder irgendwas, womit sich jemand vermutlich abgeschminkt haben muss. Igitt. Ich schaue gerade bei anderen Menschen in den Mülleimer, weil ich neugierig geworden bin, wer hier lebt.

Die Depressivität versuche ich zu unterbinden. Auch hier ist für mich wieder unersichtlich, wie man so leben kann. Pardon vegetiert. Oder wer oder was hier existiert. Ob glücklich unglücklich oder vielleicht sogar in Harmonie mit der Tristesse. Ein Leben im Rausche der Glückseligkeit findet hier mit Sicherheit nicht statt. Ich möchte hier raus.

Offen gestanden habe ich inzwischen nicht mehr so recht einen genauen Plan vor Augen, wo ich mich gerade in dem Haus befinde, oder wie dieses genau konstruiert ist. In den letzten zwei Stunden meines Lebens bin ich in der Ausstellung Wand vor Wand durch eine Vielzahl an Lebensräumen gewandert, die mir immer weitere Welten und Realitäten offenbarten. Inzwischen fühlt sich das alles ziemlich echt an. Aus dem einfach Grunde, dass es sich bei dem Badezimmer und dem Boudoir nicht mehr, für den deutschen Betrachter aus dem gutgestellten Mittelstand, um Szenarien handelt, die ihm weltfremd sind, als bestes Beispiel wohl die weiße Folterzelle in dem Knast, sondern um Bauten, die jeder einmal, in ähnlicher Ausführung existent, wahrgenommen hat, da er mit seinen Mitmenschen in einer dieser hausierte. Jedoch zu den besseren Zeiten dieses Eigenheims.

Anschließend wandere ich in einen Garagenraum. Nichts sonderlich sonderbares. Der typische Motoröl- und Benzingestank, den ich persönlich sogar ganz gerne rieche. Mit der Tür rechts nimmt mein Pfad die Richtung in den Keller an.


 

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Das erste Mal, dass es sich wie ein furchtbar normales Haus anfühlt, weil Keller eben Keller sind. Sie bewahren unsere Geschichten, welche in Kartons verpackt sind, auf. 

Staub, Putz, Zement und Beton, eine knatschende Holztreppe mit wackligem Geländer. Dieses Haus muss seine besten Jahre bereits weit hinter sich gelassen haben. Das erste Mal, dass es sich wie ein furchtbar normales Haus anfühlt, weil Keller eben Keller sind. Sie bewahren unsere Geschichten, welche in Kartons verpackt sind, auf. Sie lassen sich nicht durch den modrigen Geruch oder den vielen Dreck, der auf ihren Böden haftet, aus der Ruhe bringen. Sie bilden das unbekümmerte Gerüst für ein jedermanns Häusergrund. 

Verwinkelt geschnitten und weiter durch die Wirrungen des Kellers laufend, weil die Flucht in das Erdgeschoss verschlossen scheint, wage ich mich durch das unbekannte und nicht definierbare Labyrinth.

Obwohl ich bis vor wenigen Minuten noch in Erwägung gezogen habe, es könnte sich ausnahmsweise um einen alltäglichen Keller handeln, wird mein Trugschluss durch die Neuerkundungen außer Kraft gesetzt.

Eine Kellertür aus Holz, von denen es zahlreiche in diesem Unterschlupf gibt, birgt rechts vom Betreten des gefühlten ein Quadratmeter großen Kabuffs einen überdimensionalen Spiegel. Hinter mir ist so etwas wie eine Sitzbank aus Beton, eine Erhebung vom sonst spärlichen Boden. Verdutzt bleibe ich zurück. Wofür das wohl gut sein mag? Ist diese Örtlichkeit einer bestimmten Funktion untergeordnet?

Natürlich möchte ich, meinem Instinkt der Neugierde folgend, wissen, worin der Sinn dieser Stube liegt. Da ich aber auch hier in meinen geistigen Ermittlungen zu keinem Ergebnis gelange, mache ich mich wieder auf den Weg durch die irrsinnige Suche nach einem Ausgang. Ich kann nicht anders und muss auch die rauen Standardholztüren der anderen Kellerteile öffnen. Aber die anderen sind, bis auf eine Einzige, der totale Ausdruck der Normalität eines ausgebauten Standardkellers.

Die kuriose Kellertür, knatschend und knarrend, gibt nach ihrer Öffnung durch meine Hand eine Szenerie frei, die man sonst nur als Bühnenbild erwarten könnte. Der Spiegel, ist wie zuvor im Kinderzimmer, aus Spionspiegelglas fabriziert worden.

Ich blicke von einem kleinen Bunker in den nächsten. Die morbide bzw. obszöne Komponente des zweiten kerkerlich anmutenden Raumes modifiziert seine Skurillität ins nahezu Unermessliche durch die Tatsache, dass ein semitransparenter Vorhang, welcher beiseite geschoben werden kann, den Blick auf die Reste eines etwaigen Klolochs preisgibt. Kommt der Hausbesitzer zum Onanieren in die tiefen Abgründe von Haus und Psyche? Verschleppt er Opfer, die sich unwissend auf den Klotz setzen, und lässt diese Teil eines von Perversion getriebenen Spiels werden? Nein. Ich werde es nicht erfahren. Allerdings lerne ich eine Menge über mich selbst.

Meine eigene Konfusion inkludiert gedankliche Sprünge und Auslebungen, deren Realität in meinem Kopf ich mir bis dato nie bewusst gewesen bin. Ich bin mit meinem Schachspiel der absurden Realscheinwelt nicht alleine. Die Liebeslaube, deren Begehung nur durch ein Kriechen durch ein Schacht ermöglicht wird, vervielfältigt den Nervenkitzel und die Suche nach unerforschten Gründen von Territorial. Mir ist nicht bekannt was mich erwarten wird, und ich erwarte auch nicht viel, haben die kleinen Kinder, die zuvor in das rote Loch geschlüpft sind, noch lässig behauptet, dass dort nichts spannendes oder gruseliges zu sehen wäre, entfacht sich vor meinen Augen, als ich die Strecke zur Liebeslaube absolviert habe, das genaue Gegenteil im doppelten Sinne.

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Ein steriles, komplett im nahezu identischen, monotonen Weiß gehaltenes Refugium. Es sieht belebt unbelebt aus. Gefühlte vier Meter hohe Wandschränke, deren Türen offen stehen und das Voyeuristenherz beglücken könnten, wenn sie einen Inhalt hätten. 

Ein steriles, komplett im nahezu identischen, monotonen Weiß gehaltenes Refugium. Es sieht belebt unbelebt aus. Gefühlte vier Meter hohe Wandschränke, deren Türen offen stehen und das Voyeuristenherz beglücken könnten, wenn sie einen Inhalt hätten. Doch da ist nicht viel zu sehen. Nicht einmal Kleider hängen auf den Holzbügeln. Suspekt wirkt die Badewanne im Raum, welche einfach so in einer Ecke steht und nicht eingebaut ist. Sie ist deplatziert in diesem Gemach. Ich auch. Ein unfreudiges, nicht einladendes Bett mit weißen Laken steht gegenüber. Eine Leiter mitten im Raum. Vermutlich hat jemand zuvor etwas aus den Schränken geräumt. Oder hat schnell das weite gesucht und ist geflüchtet. Das soll eine Liebeslaube sein?

Der hier drin vollzogene Liebesakt muss einem jämmerlichen Trauerspiel gleichen oder geglichen haben. Jämmerlich, weil er nicht von Gefühlen geprägt ist. Die Sexualität wird auf ihre Funktion selbst reduziert, weshalb der Titel mir zu verstehen gibt, dass es sich um ein eine Lokalität für die Ware Liebe handelt.

"My home is my castle". Dieser schäbige Spruch prangert bei einem großen Teil des deutschen Bürgertums als gekonnte Verunstaltung des eigenen Stückchen Glücks, in Form der Behausung, als dekoratives Wandtattoo über dem Sofa. Dieser Spruch ist für mich auf Schneiders Haus und Lebensräume nicht zutreffend. Mir fehlt der Platz zum Atmen und der Selbstfindung. Nicht nur ich fühle so.

Eine Frau, die noch vor den Kindern aus dem unbeschönigtem Boudoir zurückkehrte, sprach laut aus, dass sie selbst in diesen Räumen lebt, dass es alles für sie einen Sinn ergibt und es für sie derart schrecklich ist, sich selbst mit ihrer Realität konfrontiert zu sehen, dass für sich für sie in dieser Ausstellung nur noch eine Türe öffnet: Der Notausgang, als Flucht vor der Realität in der Unwirklichkeit.

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Was macht also ein Refugium, ein Exil des außerhäuslichen Daseins aus?

Wir alle sind Teile dieses kläglichen Zustands. Wir können nicht vor uns selbst fliehen. Es bedarf die Absurdität, Räume als ausgekoppelten Teil wieder als Stück des Puzzles einer Konstruktion zu durchqueren, damit wir uns als Gedanken klar fassen können, dass das Eigenheim als zu Hause eventuell eine illusionistische Farce ist, dessen Realität, in Form einer Beengung und Verschränkung fungiert. Was macht also ein Refugium, ein Exil des außerhäuslichen Daseins aus?

Ich drehe noch ein paar Runden durch den unbewegten, klinisch sterilen Raum, der wenn ich es nicht besser wüsste, auch in einem neuartigen Krankenhaus stehen könnte. Das unpersönliche Quadrat reflektiert, obgleich offener Schränke, ein reines Nichts. Meine Assoziationen und Thesen rauschen rasend von Sekunde zu Sekunde durch meinen Kopf. Es wird immer diffiziler, den ineinander verwobenen Maschendraht der Gedankenkette anschaulich zu koordinieren.

Aus diesem Grund endet die Erfahrung von Gregor Schneiders Wand vor Wand somit unvollständig. Nach dem Verlust von Intimität, verdiene ich mir ein wenig Privatsphäre zurück. In dem Raum in meinem Kopf, der nicht so beengt ist, wie diese Orte ohne Sonnenlicht und möglicher Flucht. Die einzige Flucht, die mir niemals genommen werden kann, ist die in meine Gedanken. Dieses Territorium als Refugium ist unendlich weit und mindestens genau so geheimnisvoll wie der Blick in anderer Leute Häuser. Ich brauche wieder Luft zum Atmen, weil heute kein passabler Tag zum Sterben in einem Sterberaum ist. 



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