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loundlo

die Käsefrau - der Rücken


 

Gegenüber dem Käsewagen sitzt es auf dem Boden. Dieses Kind. Es guckt. Es weint nicht, was ich erwartet hätte. Gleichzeitig sehe ich einen Vogel. Schwarz. Kein Rabe. Hockt auch auf dem Boden. Ein paar Meter weiter. Und ich frage mich, ob es Vögel gibt, die Höhenangst haben. Und im Falle des Falls - was so ein Vogel dann macht. Schließlich assoziiere ich mit einem Vogel das Fliegen. Der Vogel wäre ohne das Fliegen kein Vogel mehr. So wie das Kind, was da sitzt, eigentlich kein Kind ist, wenn es nicht weint.

Weinen als Form der sozialen Kommunikation oder als Schutzfunktion des Körpers und Geistes. Oder beides. Wenn es also nicht weint, dann will das Kind keine Aufmerksamkeit. Und es hat auch nichts, was durch Weinen schützbar wäre. Der Vogel weint auch nicht. Sicherlich, weil er es nicht kann. Obwohl, Elefanten können weinen. Wenn also das Kind, wie ein Elefant, weinen würde, würde es da nicht länger so sitzen. Scharen von Tröstenden, sich verantwortlich Fühlenden, Mütter voller Fürsorge, umpackende Arme und Tücher und Decken und Süßigkeiten und einsäuselnde Worte würden das Kind umklammern. Also wenn es so klein ist, wie das, was dort sitzt. Ist es größer, würden die Umstehenden sich erst wutentbrannt umsehen. Ist da denn keiner, der verantwortlich ist? Das ist ja wieder typisch für moderne Erziehungsstile. Antiautoritär weint es, wo es will. Wo ist denn nur die Mutter? Kann denn da keiner mal jemanden holen? Ers dann würde man hingehen, Kind umpacken, trösten, ruhig stopfen und Floskeln runter beten. Wäre da ein Erwachsener, der dahockt und weint, würde man zu erst Mistrauen hegen. Vielleicht ist es ein Hinterhalt, um mich rücklings auszurauben. Bestimmt gehört der zu einer Organisation, die ihre Methoden haben. Wenn der Erwachsene aber doch nicht ganz so aussieht, wie eben jemand aussieht, der heimtückisch eigene Ziele verfolgt, dann würde man aus Respekt und Achtung der Diskretion so an ihm vorbei gehen, dass man auch ja nicht hinsieht. So wie man auch Menschen mit äußerst brutalen Behinderungen nicht ansieht. Das gehört sich nicht.

Es ist also zu erwarten, dass ein heulender Erwachsener sowie ein größeres Kind zumindest das Bedürfnis nach sozialer Kommunikation nicht befriedigen können, indem sie dort hocken und weinen würden. Wenn dann könnte das so ein kleines Kind, wie das, das dort sitzt. Ich denke, bei einem schwarzen Vogel in Säuglingtierstatus wäre das ähnlich.

Es weint aber nicht.

Es wäre nötig, dass ich so viel emotionale Intelligenz besitze, dass ich in seinem Gesicht lesen könnte, wie es sich fühlt, während es also da sitzt. Ich vermute meinen emotionalen Intelligenzquotienten allerdings im eher unteren Bereich. Ich sehe ja nicht mal, was ich selbst fühle. Und da ich mein Gesicht selten ansehe, kann ich nicht mal vermuten, was ich fühle. Das Gesicht des Kindes dagegen sehe ich sehr deutlich. Es ist ein rundes, schlichtes Gesicht, nichts Besonderes darin. Irgendein Kindergesicht. Das nur keinen Ausdruck hat. Sind Kindergesichter nicht immer ausdrucksschwanger? Heftig breites Grinsen, strahlende Kugelaugen, in den Erdkern hinab reichende Mundwinkel vor Wut, zu Ekel verzogene Stirnfalten, Schmollmund oder Schalk im Blick? Dieses Kind guckt so gar-nicht. Nicht so gar-nicht, wie es Buddha-Kinder in Filmen tun. Einfach so gar nicht. Leer wäre schon zu viel.

Was würde passieren, wenn ich es anspreche?

Es könnte reagieren wie ein ganz normales Kind. "Wo ist deine Mama?" Antwort "Einkaufen, gleich da." Fertig. Ende. Es könnte aber auch explodieren. Emotionsgewitter in welcher Form auch immer. Ich beschließe, es nicht anzusprechen. Zu riskant. Ich gucke weg. Warte weiter in der Schlage, bis ich meinen Käse kaufen kann.

Der schwarze Vogel fliegt an mir vorbei.

Ich muss das Kind wieder angucken. Es sitzt unverändert da.

Langsam werde ich unruhig. Kann denn da keiner mal hingehen?

Was könnte die Käsefrau tun? Alle Kunden stehen lassen, sagen, Moment, das Kind. Hingehen, dem Kind Käse zum Knabbern geben, dabei Information aus dem Kind pressen. Ich würde das akzeptieren. Fünf Minuten länger in der Schlange ist letztlich auch egal.

Aber sie tut es nicht.

Es macht mich wahnsinnig.

Sagen wir, dass Kind würde emotional explodieren, wenn ich es anspreche. Was würde es wollen? Trost.

Trost kann schwach sein und stark sein. Mittel wahrscheinlich auch, aber man nennt es nicht so. Trost kann bedeuten, Ratschläge zu geben, Lösungen zu zeigen. Obwohl. Ist es dann nicht schon Hilfe? Ist Trost gleich Hilfe? Wann sage ich, ich wurde getröstet und wann, mir wurde geholfen. Die Hilfe bewertet den Trost. Mittlerer und starker Trost ist wahrscheinlich Hilfe. Schwacher eher nicht. Ratschläge und Lösungswege fallen also weg. Das Risiko ist auch hier zu groß. Es könnte stärker explodieren, wenn der Trost zu schwach ist.

Trost kann aber auch bedeuten, da zu sein, Hand zu halten, fest zu halten. Also eigentlich nichts zu tun. Außer intim zu sein. Ich kenne das Kind nicht. Und ich weiß auch nicht, ob es diese Nähe wollen würde.

Lügen können auch trösten, vielleicht sogar am stärksten. Vor allem diese Lügen von einer besseren Zukunft. Dass sich das Problem sicher lösen wird, dass sich etwas ändern wird, dass alles gut wird. Dass Gott mit einem Bart auf einer Wolke sitzt. Tut mir leid, aber diesen Schwindel tue ich niemandem an und finde es nur fair, den Menschen früh genug zu sagen, dass diese Lügen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Bullshit sind.

Vielleicht ist das Kind auch einfach froh, dass es niemand anspricht. Dieses Explodieren ist auch nicht jedermanns Sache. Manchmal befreit es. Manchmal sollen Dinge aber auch in der Blackbox bleiben. Und auch wenn man es manchmal nicht schafft, diese Kiste ausreichend zu umpolstern, mit Schutzwällen zu sichern, ist es doch gerade ein Geschenk, wenn dann von außen keiner herein platzt.

Ich beschließe zu denken, dass das Kind seine Ruhe will und zufrieden ist, da zu sitzen und so gar-nicht zu gucken.

Ich sehe wieder auf meinen Vordermann und lenke meine Gedanken auf schwarze Vögel, denen ich die Federn färben werde. Ich mache sie bunt. Batik, Tusche wird nicht halten, oder diese Technik, mit der man als Kind Bügelbilder hergestellt hat. Als Kind. Kind. Nein. Nächster Versuch. Ich denke an schwarze Vögel, die Platzangst haben. Das dürfte außer in der Nest-Situation am Anfang weiter kein Problem sein. Nest. Kind. Es funktioniert nicht. Nächster Versuch. Ich lese Käseschilder. Frage mich, wie man diese unzähligen Sorten unterscheiden kann. Sich die Namen merken kann. Wer den ganzen Sorten ihre Namen gegeben hat. Ja, Käsesorten, das ist ein gutes Thema. Ich frage mich...

Was macht diese Frau? Sie geht hin zu dem Kind. Geht da einfach so hin. Sie stellt sich davor, tut irgendwas. Ich sehe es nicht. Nichts explodiert. Nicht so, dass Dinge fliegen, Menschen zu Boden fallen, laute Schreie zu hören sind. Ich sehe es nicht. Die Frau verdeckt alles.

Und irgendwie kann ich nicht anders. Und fange an zu weinen. Zwischen diesen ganzen Wartenden an der Theke, neben den Käsesorten, neben dem Kind, das die Frau verdeckt, die irgendwas mit ihm tut.

Und ich erwarte, dass mich jemand tröstet. Schließlich habe ich das die ganze Zeit ausgehalten.


(Auszug aus einer Reihe literarischer Essays unter dem Titel "Die Käsefrau")



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