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Rom, zweite Wahl

Eine Reisegeschichte

 

Eigentlich wollten wir nach Palma. Vor einigen Jahren hatten wir unseren Sommerurlaub auf Mallorca verbracht. Am Ende der Ferien war unsere kleine Tochter krank geworden. Weil ihr Durchfall uns daran hinderte, das Ferienhaus und dessen Toilette weiter als 100 Meter oder länger als zwei Minuten zu verlassen, war der geplante Besuch der Inselhauptstadt flach gefallen. Das wollten wir nun nachholen, nur zu zweit, als Pärchen, ohne nörgelnde Kinder, denen jeder Weg zu weit, jede Sehenswürdigkeit zu langweilig ist.

Doch zum vorgesehenen Zeitpunkt – im Januar – bot die Airline, wo ich einen Freiflug für zwei Personen gewonnen hatte, keine Flüge auf die Balearen an. Da die Betreuung der Zöglinge schon organisiert war, konnten wir die Reise auch nicht verschieben. Also suchten wir ein Ersatzziel. Aber wohin? Moskau? Zu kalt. London? Zu teuer. Rom? Da waren wir schon. Obwohl – damals hatten wir es nicht geschafft, uns alles anzuschauen. Außerdem waren wir im Frühjahr in der italienischen Hauptstadt gewesen. Also, wie wär´s, Rom im Winter? Okay, die Entscheidung war gefallen.

An einem sehr frühen Freitagmorgen machen wir uns auf den Weg zum Flughafen. Minus 16,5 Grad Außentemperatur, es sieht draußen aus wie im Tiefkühlfach. Der Flug von grauen, tiefgefrorenen Köln nach Rom verläuft ruhig, butterweich setzt der Pilot den Airbus A 319 auf der Landebahn von Fiumicino auf. Während wir auf unsere Koffer warten, lausche ich am Gepäckband den Stimmen lautstark parlierenden Italiener und denke aufatmend: Ich bin im Süden angekommen.

Als wir im Flughafenbahnhof unseren Zug suchen, stehen Schweißperlen auf meiner Stirn, ich ziehe die warme Winterjacke aus. An einem Kiosk entdecke ich ein Thermometer, es zeigt 15 Grad plus. Der Zubringerzug mit dem wunderbaren Namen „Leonardo-Express“ bringt uns ohne Zwischenstopp direkt zum Hauptbahnhof. Unterwegs schauen wir aus dem Fenster in Gärten, die an der Bahnstrecke liegen. Hier ist alles grün, an den Bäumen hängen scheinbar unbeachtet gelbe Zitronen, die man während der Fahrt pflücken möchte.

Wir steigen am Termini aus und gehen die lang gestreckte Halle entlang, Richtung Hauptausgang. Ich entdecke eine Kaffeebar von illy. Wir biegen mit Sack und Pack ab und nehmen zur Begrüßung erst einmal einen Espresso. Er schmeckt anders als zu Hause, irgendwie…. italienischer. Unser Hotel liegt laut Stadtplan nicht weit entfernt, deshalb beschließen wir, bei dem frühlingshaften Wetter auf ein Taxi zu verzichten und die Straßen der ewigen Stadt zu Fuß zu benutzen. Nach wenigen Minuten erreichen wir das Dreisternehaus in einer ruhigen Seitengasse. An der Rezeption erklärt uns die Empfangsdame, das sich unser Zimmer nicht im Hauptgebäude befindet, sondern ausgelagert in einem nahe gelegenen Wohnhaus. Ein Mitarbeiter bringt uns dorthin, forsch schreitet er voran, wir haben Mühe, mitzukommen. Das liegt daran, dass er den Schlüssel trägt, wir hingegen das ganze Gepäck. In einem Aufzug, der ungefähr die Grundfläche eines Handtuchs hat, fahren wir zu dritt mit zwei Trollys hinauf in den 5. Stock. Allerdings überraschen uns in dem alten Haus ein neues Doppelzimmer und ein schmales Bad im Designerlook, edel gefliest mit schwarzem Granit an den Wänden und auf dem Boden.

Nachdem wir uns ein wenig frisch gemacht haben überlegen wir uns ein Programm für den Rest des Tages. „Lass uns weiter zu Fuß gehen, eine Stadt erschließt sich dem Spaziergänger einfach anders als mit dem Auto oder Bus“ schlägt meine bessere Hälfte vor. Ich bin einverstanden, wir schnüren unsere Turnschuhe, packen den Rucksack und brechen tatendurstig auf. Unser Rundgang beginnt nur einen Steinwurf entfernt vor dem archäologischen Nationalmuseum am Palazzo Massimo alle Terme. Darin gäbe es eine Menge zu besichtigen, aber weil das Wetter so schön ist entschließen wir uns, möglichst wenig Zeit in geschlossenen Räumen zu verbringen, ganz Rom ist ohnehin ein Open-Air-Museum. Ein paar Straßen weiter erreichen wir die Kirche Santa Maria Maggiore. Sie heißt so, weil sie die größte von 80 (!) Marienkirchen in Rom ist. Das merke ich, denn als ich sie fotografieren will. Ich muss ich mit der Kamera bis zum ägyptischen Obelisken zurück gehen, der in der Mitte des Kirchenvorplatzes steht - und kriege sie immer noch nicht ganz drauf. Innen ist sie nicht schön, aber ebenfalls monumental. Für mich ist sie die Kreuzfahrer- oder die Indianerkirche. Denn Papst Alexander VI. ließ die hölzerne Kassettendecke mit dem ersten Gold, das Kolumbus aus Amerika mitgebracht hat, verzieren. Schon besser gefällt mir die versteckt gelegene San Pietro in Vincoli, zu der eine steile Treppe führt. Denn dieses unauffällige Gotteshaus beherbergt einen grandiosen Kunstschatz. In einem Seitenschiff steht, im Halbschatten, Michelangelos Moses. Man muss ein 50-Cent-Stück in ein Kästchen werfen, damit das Licht angeht. Kaum haben wir das riesige Abbild des biblischen Helden aus weißem Marmor illuminiert, klicken die Fotoapparate, blitzen die Digitalkameras um uns herum. Ein paar Sekunden später wird es wieder dunkel. Einige Schritte entfernt kann man eine Reliquie bewundern, die der Kirche „Sankt Peter in Ketten“ den Namen gab. Der Legende zufolge hat Papst Leo I. die Ketten, in denen Petrus in Jerusalem und Rom gefangen gehalten wurde, in einer feierlichen Prozession zusammen geführt. Und, siehe da, sie verschmolzen zu einer einzigen Kette. Und die liegt unter dem Hauptaltar vor unseren staunenden Augen.

Als wir das Kolosseum erreichen dämmert es schon. Der Vollmond schaut durch einen der 80 Arkadenbögen, was für ein Motiv. Auch die Gladiatoren lassen sich knipsen, dafür muss man allerdings bezahlen, so eine Kostümausstattung kostet schließlich.

Müde steuern wir die nächste Metrostation an und nehmen nun doch die U-Bahn für die Heimfahrt zum Hotel, so etwas kostet in Rom übrigens einen Euro. Das Abendessen in einem einfachen Restaurant in der Bahnhofsgegend ist nicht wirklich gut, aber auch nicht wirklich schlecht und preiswert. Der Rotwein färbt meine Zunge blau und füllt die schweren Beine mit Blei auf.

Wir schlafen wie die Toten, bis uns die knatternden Motorroller, die hupenden Alfa-Fahrer und die lautstark anlieferenden LKWs wecken. Wir nehmen ein opulentes Frühstück im gediegenen Speisesaal, wo am Nebentisch Asiaten grüne Algenplatten auf die Panini legen und schmatzend verzehren. Währenddessen hinterlassen die Araber am Tisch dahinter Trümmerfelder von Essensresten auf ihren Plätzen.

Wir setzen unseren Rundgang fort und starten am Endpunkt des Vortages. Der Konstantinsbogen leuchtet im Sonnenlicht besonders hell, wir flanieren am Palatin vorbei und wandeln auf den Pfaden eines Filmklassikers. Im Atrium von San Maria in Cosmedin lauert „Bocca delle Verita“, der Mund der Wahrheit. Die skurille Marmorfratze diente Audrey Hepburn und Gregory Peck als Kulisse in „Ein Herz und eine Krone“. Das Ungeheuer beißt der Legende nach jedem Lügner, der seinen Arm in das Maul steckt, die Hand ab. Nachdem ein Rudel dauerlächelnder Japaner sich gegenseitig davor fotografiert hat, bin ich dran. Meine Frau positioniert mich und fragt neckisch: „Liebst Du mich?“ Ich traue mich, meine Hand in das Maul des steinernen Lügendetektors zu stecken, nehme aber vorsichtshalber die linke, man weiß ja nie und antworte: „Ja!“ Es geht gut aus. Nach dieser Mutprobe steigen wir die repräsentative Treppe von, na klar, Michelangelo, hinauf zum Kapitol. Hier oben wird gerade Hochzeit gefeiert, kein Wunder, es ist Samstag und im Senatorenpalast sitzt der Stadtrat. Während die gut angezogene Festgesellschaft sich unter dem Reiterstandbild von Marc Aurel tummelt, geht mein Auge hinüber zum Konservatorenpalast. Auch ein geschichtsträchtiger Ort, hier wurden 1957 – in meinem Geburtsjahr – die römischen Verträge unterschrieben und die EU, die damals noch EWG hieß, gegründet.

Jetzt wird es Zeit, die Historie Historie sein zu lassen und sich ins Getümmel zu stürzen. Wir tun dies auf dem Campo de´ Fiori, wo Fisch, Gemüse und Obst, Gewürze, Küchenutensilien und Textilien den Besitzer wechseln. Wir kaufen Orangen und zwei T-Shirts für die Kinder, „Ciao Bella“ steht drauf. Am Rande des Platzes drängeln sich die Italiener in einem Geschäft, wir schauen nach, was es dort so besonderes gibt. Es ist Pizza, die auf riesigen Blechen aus dem Ofen kommt, in handliche Größe geschnitten und verkauft wird. Unter Einsatz von Körper und Ellenbogen gelingt es mir, zwei Stücke Pizza Bianca zu ergattern, wir verspeisen die Köstlichkeit stumm auf einer Parkbank sitzend und spülen den salzigen Mund mit Apfelsinenstücken aus. Nur einen Steinwurf ist es zur Piazza Navona, wo der wuchtige Vier-Ströme-Brunnen von Gian Lorenzo Bernini seine üppigen Fluten ergießt. In der Kirche, in der gestern unser Rundgang begann, befindet sich das schlichte Grab dieses großen Barockkünstlers. Im größten Hallenbau der Antike, dem Pantheon, das mit über 43 Meter genauso hoch wie rund ist, stellen sich die Touristen unter das Loch in der Kuppel, wo es auch heute nicht rein regnet. Direkt neben dem Trevibrunnen nehmen wir einen Cappuccino im Stehen, wissend, dass er an der Bar nur einen guten Euro kostet, draußen an den Tischchen sitzend aber das Dreifache. Vorbei an der wie immer übervölkerten Spanischen Treppe steuern wir die Metrostation an und fahren zum Vatikan.

Die Schlange auf dem Petersplatz misst sich in Kilometern. Da wir den Dom selbst, die Sixtinische Kapelle und die vatikanischen Gärten schon beim letzten Mal besichtigt haben, schauen wir uns lieber die Krippe mitten auf dem Platz an. Lebensgroße Figuren hat man aufgebaut, dazu einen Stall mit Wänden wie ein Haus und doch aus Styropor, Pappe oder Gips.

Der Papst winkt mir zu, jedenfalls meine ich, die Gardine an seinem Bürofenster hätte sich bewegt. Wir drehen uns herum, den Petersdom im Rücken und gehen schnurstracks Richtung Tiber, um die päpstliche Festung Castel San Angelo zu besteigen. Doch die sieben Euro Eintritt sind uns für den Ausblick von der Terrasse zu viel, also entschließen wir uns, ein wenig am Ufer des Tiber entlang zu schlendern, der sich träge in seinem Bett vorwärts bewegt. Wir gehen oben auf der hohen Kaimauer, kaum ein Boot oder Schiff ist unterwegs. An der Ponte Margherita biegen wir rechts ab zur Piazza del Popolo, einem riesigen Renaissanceplatz, wo das Leben tobt. Wir haben genug gesehen für heute, die U-Bahn bringt uns zurück ins Hotel.

Dieses Mal suchen wir für das Abendessen eine Trattoria aus, sie erweist sich als Glücksgriff. Die Saltimbocca springt mir wirklich in den Mund, bei den Penne al salmone muss ich den Teller mit Brot ausreiben, das Panna cotta lässt mich ahnen, dass Rom dem Himmel näher ist als andere Städte.

Am Sonntagmorgen fahren wir nach dem Ausschlafen mit dem Leonardo zurück zum Airport, schweigend. Ich versuche, die tausend Eindrücke zu sortieren, der Flug vergeht wie im Flug. Als wir in Köln-Bonn landen, drehe ich den Kopf zu meiner Frau und frage: „Und, wie war Rom, unsere zweite Wahl?“ Meine Liebste zieht eine Augenbraue hoch, wie nur sie das kann. Ihre Antwort lässt Palma in weite Ferne rücken: „Erstklassig“.

Gregor Schürer (c) 2017

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