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Schabernackenschelle

Eine Stadt ohne Gesicht.

 

Ein junger Mann steht dort in einem schwarzen Mantel an einem stillen Fluss. In einer Stadt, die ihm so fremd ist wie der schwarze Mantel, den er trägt.

Hätte ihn jemand gefragt, wie es ihm geht, würde er mit einem Gedicht geantwortet, dass sich nie reimen wird.

„Ich bin der Architekt des Unerwünschten,

der Bauzeichner des Nutzlosen.

Der Wirt einer Bar, die Luftschloss heißt.

Ich konstruierte ein Einfamilienhaus, in dem alle wohnen sollten.

Auf dem Klingelschild stand Welt.

Eine Baugenehmigung hatte ich nicht.

Sie schickten Bagger und rissen ab, was noch nicht gebaut war.

Dann malte ich die Behörde an, in Farben, die man riechen kann.

Sie legten dann eine Fassade über die Fassade.

Jetzt sieht man nur noch und fühlt nichts mehr.

Also bastelte ich mir ein Schiff aus Illusionen.

Weil das Meer, das gehört allen. Auch den Träumen.

Doch da stand eine Mauer aus Ernsthaftigkeit auf dem Wasser.

Wie gut, dass ein Schiff auch fliegen kann, wenn man es auf den Namen Utopie getauft hat.“

Es hat ihn niemals jemand gefragt, wie es ihm geht, an diesem Tag.

An einem anderen Ort in dieser Stadt steht vielleicht eine junge Frau, die keinen schwarzen Mantel trägt und sich auch keinen Reim aufs Leben machen kann. Es könnte sein, dass sich diese junge Frau und der junge Mann schon einmal über den Weg gelaufen sind. Und in einem flüchtigen Augenblick klar sahen, dass das große Ganze gar nicht groß und gar nicht ganz ist, sondern nur ganz viele flüchtige Augenblicke aneinandergeheftet. Mit Tackernadeln, die zusammenhalten, was keinen Zusammenhang hat.

Doch sie hörten beide das Offensichtliche nicht, denn in dieser Stadt sind alle laut. Mit hektischer, fast grimmiger Entschlossenheit waten die Menschen dieser Stadt zielstrebig durch ein Wattenmeer an Konsumentscheidungen und hin zu einem Alltag, der alltäglich wenig Licht und viel Ich im Sonderangebot hat. Leichter Nieselregen fällt von einem Himmel, dessen Wolken so aussehen, als ob sie die besten Tage schon hinter sich hätten. In diesem Nieselregen steht eine einsam glitzernde Stiefelette am Straßenrand zwischen zwei Bäumen und hat keinen Regenschirm. Was die andere wohl macht? Sie hat sich, unabhängig von ihrem glitzernden Pendant, ein eigenes Leben in einer anderen Stadt aufgebaut und steht jetzt auf eigenen Füßen. Sie waren sich zu gleich, um sich noch besonders zu fühlen. Spoiler: Auf der Suche nach Besonderheit findet die geflüchtete Stiefelette heraus, dass sie alleine nicht funktioniert und keine Berechtigung hat. Sie kehrt unter Tränen zu dem Bürgersteig zurück, an dem sie ihre scheinbar schlechtere Hälfte zurückließ und bittet um Verzeihung. Sie bauen ein Haus in der Vorstadt und haben dann auch einen Regenschirm. Kinder sind in Planung.

Zurück zu dem jungen Mann, der am Fluss steht. Er macht sich auf den Weg, um etwas zu suchen, von dem er nicht weiß, was es ist. Streift durch halbdunkle Gassen, die beleuchtet sind von den flirrenden Erwartungen, die jede bevorstehende Nacht mit sich bringt. Er bleibt stehen, an einem Mahnmal für Menschlichkeit. Raucht eine Zigarette. Zu schnell, um sie zu genießen. Zu langsam, um sich der Sucht gänzlich hinzugeben. Er blickt nach oben, um mehr zu sehen von dieser Stadt. Da ist ein Mond, der die Stadt fast erdrückt. Als ob er ihr sagen möchte ‚Bleib auf dem Boden deiner Tatsachen, liebe Stadt, der Himmel ist nichts für dich.’



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