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Je-m'en-foutiste, living and writing in Cologne, Germany.


Suffimoiselle

"Der Staat hält uns an den Eiern"

Pjotr Pawlenskis passive Politkunst.

 

Pjotr Pawlenski eckt an. Ihm ist bewusst, welche Mittel es bedarf, um Aufsehen zu erregen. Er nagelte sich Ende 2013 an seinem Hodensack auf dem Roten Platz in Moskau fest. Ausgerechnet am russischen Feiertag der Polizei. Und zwar für einen guten Zweck. 

Seine Message? Protestieren gegen Gleichgültigkeit und die Zwielichtigkeit der russischen Polizei. "Der Staat hält uns an den Eiern!".

Der Aktionskünstler ist ein Mann der Extreme. Das erste Mal wurde ihm große Aufmerksamkeit geschenkt, als er sich seinen Mund mit Nadel und Faden zunähte und sich so in der Öffentlichkeit ohne einen Murks von sich zu geben, auf die Straße stellte, weil er gegen die Inhaftierung der Band Pussy Riot demonstrierte.

Sein Ausdrucksmittel ist sein eigener Körper, welches er tabulos und ohne Rücksicht auf sich selbst zu nehmen nutzt. Es könnte als Statement gelten, die Unachtsamkeit des Staats zu verkörpern.

Drohende und bereits durchlebte Haftstrafen stellen für Pawlenski kein Hindernis dar. Ganz im Gegenteil. Er präsentiert sich, sehr wortgewandt und bedacht, u.a. in Interviews so, als würde er die Zeit im Gefängnis als Auszeit von der grausamen Welt da draußen nutzen, und viel lesen, wofür er sonst nicht so viel Zeit hat, wie es ihm lieb ist.

Neben einem Nagel im Hodensack und einem zugenähten Mund, schneidete sich der Aktionär auch ein Teil seines Ohres, wie einst Van Gogh, ab, als er auf der Mauer des Serbski-Wissenschaftszentrum für Sozial- und Gerichtspsychiatrie saß.

Wer sich an dieser Stelle nun für die Beweggründe Pawlenskis für seine Happenings interessiert, oder sich aber einfach nur fragt, was für eine Persönlichkeit hinter solchen Mitteln steckt, der ist darin gut beraten, sich den Dokumentarfilm Pawlenski - Der Mensch und die Macht von Irene Langmann anzusehen, der aktuell im Kino läuft.

Er gewährt nicht nur einen spannenden Einblick in die zeitgenössische Entwicklung der politisch-bewegten Kunst, sondern auch, in das russische Rechtssystem.

Irene Langmann vereint in ihrer Dokumentation Interviews, Mitschnitte der Aktionen und teilweise, im Stil von Theaterstücken inspirierte, nachgestellte Verhöre. Zu Wort kommen der während seiner Happenings nicht sprechende Pawlenski, seine Frau, von ihm inspirierte Künstler, ehemalige Polizisten, und, und, und.

Ein Film, der bewegt und vieles in Frage stellt und sicher für jeden und nicht nur für kunstaffine Zeitgenossen von Bedeutung ist!






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