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Verschwunden


 

Sie starrte auf den Bildschirm. Der Bildschirm starrte zurück, das einzige Licht in der kleinen Wohnküche. Sie starrte auf den Bildschirm. Sie hatte in jeder Sprache geflucht, in der sie kannte. Sie hatte geschrien. Sie hatte gegen die Wand geschlagen und ihre Knöchel pochten immer noch, heiß und wütend. Sie hatte erneut geflucht, aber nur noch zwei Wörter, universell verwendbar, auf der gesamten Welt verstanden, und (wenn sie so darüber nachdachte) die beste Kombination von zwei Wörtern überhaupt.

Fuck. You. Fuck you. Fuck you, fuck you, fuck you fuckyoufuckyoufuckyoufuck

Einen Moment hatte nackte Panik ihr den Hals zugeschnürt. Ihr wurde übel. Ihre Hände zitterten, und ihr Herz raste. Einen Moment lang konnte sie nicht atmen, sich nicht bewegen, und hatte nur dagestanden.

Jetzt starrte sie nur auf den Bildschirm. Das Fluchen hatte aufgehört. Die Lähmung war verschwunden. Sie war hellwach und ruhig und ihr Kopf war klar.

Langsam, vorsichtig, begann sie mit der Suche. Die langen, schmalen Finger fanden ihren Weg, ohne, dass sie darüber nachdenken musste. Schneller und schneller flogen sie über die Tastatur. Das leise Summen der Maschine und das klicken der abgenutzten Tasten (über Jahre des ständigen Gebrauchs waren die kleinen weißen Buchstaben zum größten Teil verschwunden) waren die einzigen Geräusche im Raum, abgesehen von ihrem ruhigen Atem.

Er war verschwunden. Sie hatte ihn nicht erreicht und niemand hatte die Tür geöffnet. Sie hatte ihn mehrmals angerufen. Er antwortete nicht, weder auf Anrufe noch Nachrichten. Sie war wieder zu ihm gefahren und hatte den Vermieter aus einer offensichtlich leeren Wohnung kommen sehen. Dann war sie nach Hause gefahren. Hatte auf der Fahrt geweint. War in den dritten Stock gelaufen, hatte ihre Wohnungstür hinter sich geschlossen und angefangen, zu fluchen.

Jetzt saß sie über den Bildschirm gebeugt und suchte. Sein Name. Seine Nummer. Seine Adresse. Seine Schwester. Seine Freunde. Sie suchte nach dem Mann mit den dunklen Augen. Augen, in denen dieses halbe Grinsen begann, das Mütter Türen abschließen ließ und Väter Fäuste ballen. Das halbe Grinsen, das nach Über-Zäune-Klettern und Mondscheinschwimmen aussah, nach heimlichen Zigaretten und Ausreißen, um zu einem Konzert zu fahren statt Klausuren zu schreiben. Das halbe Grinsen und die funkelnden Augen, die Abenteuer versprachen, und sie seit dem ersten Moment nicht mehr losgelassen hatten.

Sie holte tief Luft. Er war schon einmal verschwunden. Und sie hatte schon einmal geweint und geschrien und gezittert und gesucht. Und er war zurückgekommen. Eine Fliege landete auf dem Bildschirm und sie blinzelte. Es wurde langsam hell, und sie war auf dem richtigen Weg. Die Fliege saß einen Moment lang still und rieb ihre Beinchen aneinander. Dann rannte sie über den Monitor. Das Klicken der Tasten verstummte. Falls die Fliege das gehört hatte, wusste sie nicht, was das hieß. Allerdings sah das Tier die Hand kommen und hob ab. Entkam dem Tod für eine weitere Millisekunde.

Dann schloss die zweite Hand, die regungslos im Dämmerlicht gewartet hatte, sich um das Insekt und zerquetschte es. Sie würde ihn finden, und sein Grinsen, und wieder in den Augen versinken. Geistesabwesend wischte die junge Frau die Überreste der toten Fliege an ihrer Hose ab als eine Nachricht auf dem Bildschirm aufsprang.

Sie starrte einen Moment lang auf den Bildschirm. Der Bildschirm starrte zurück. Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht wie die Morgensonne draußen den blassblauen Himmel. Dieses Mal würde er nicht wieder verschwinden, dieses Mal würde sie ihn endlich für sich haben. Das Messer lag bereit. Sie hatte ihn zum letzten Mal gefunden.



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