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Autor und Künstler


stephangraefe

Kleinstadtblues oder Vier Zigaretten

Ein Leben im Nirgendwo. Im kollektiven Bewusstsein des deutschen Bürgers liegt - wenn es denn überhaupt zu verorten ist - Gießen "irgendwo bei Frankfurt". Wie gestaltet sich der Alltag in dieser kleinen und eigentlich austauschbaren Studentenstadt?  #24hDeutschland

 

© Annika Weertz

Erste Zigarette

Von meiner Küche aus kann ich schräg nach unten auf eine Häuserecke blicken. An einer seit Jahren geschlossenen Kneipe stehen Alkoholiker und vertrinken ihre Sozialleistungen. Auch durch das geschlossene Fenster dringen teils krächzende Gesprächsfetzen in die Sphäre meiner Morgenroutine ein. Die geröteten Köpfe unter dem "Save Israel" Graffiti blöken einander dumpfe Phrasen und Mitleidsbekundungen entgegen. Die Schwaden meines Kaffees wabern unter meiner Nase und ich höre wie sich eine Frau mit krausem, von grauen Strähnen, durchzogenen Haaren darüber auslässt, dass sie ihren Macker - wie sie ihn nennt - dabei erwischt hat wie er mit ihrer Tochter Geschlechtsverkehr praktiziert hat. Es ist egal ob man einen Fernseher besitzt oder nicht, die Dramen der bildungsfernen Bevölkerungsschicht erreichen einen immer. Ich stelle mir ein wenig Musik an um die Szenerie zu übertönen, brüchiger Südstaatenblues. Ganz ohne nervenzehrende Klangkulisse betrachte ich die vor und zurück taumelnden Körper, immer wieder schwappt ihnen das schale Bier aus den Flaschen. Der Dunst meiner Zigarette sammelt sich unter der Decke. Nach einiger Zeit genauer Beobachtung bemerke ich wie sich das Schwanken der Betrunkenen synchronisiert: Fünf angesoffene Gestalten im selben Rhythmus, wie der Wellengang, als würden sie von etwas Höherem beeinflusst. Vielleicht vom Mond - Ebbe und Flut.


Zweite Zigarette

Auf meinem Weg zur Bushaltestelle bewege ich mich entlang der trüben Architektur Gießens. An vielen Gebäuden fallen mir die großflächigen Spachtelarbeiten auf, über die Fassade gesprenkelt wie Aknenarben. Mitunter die letzten sichtbaren Spuren des 2. Weltkriegs, die einem in dieser Stadt begegnen. Am Berliner Platz werde ich wieder mit einem der misslungenen Versuche konfrontiert Kunst in den öffentlichen Raum einzugliedern. Direkt vor dem Rathaus steht eine ungemein scheußliche Metallskulptur: Ein etwa drei Meter hohes, aus Röhren gefertigtes, Männchen reckt freudig seine Arme in die Luft und hält dabei einen Besen. Es erinnert mich an eine Zeichentrick-Version des Blechmanns aus Der Zauberer von Oz. Die verkitschte und pathetisch aufgeladene Manifestation des einfachen Arbeiters; in höchster Entzückung suppt ihm die naive Dämlichkeit aus dem grinsenden Gesicht. Eine fragliche Botschaft, welche die Stadt mit dieser Kunstgräßlichkeit aussendet. Entnervt atme einen Stoß Zigarettenrauch aus. Der Bus hält vor mir, ich steige im Mittelteil ein. Durch den Türspalt schnippe ich den abgebrannten Stummel nach draußen. Vor den zitternden Scheiben sieht der urbane Raum wie zerkauter Brei aus, Farben und Formen verschmelzen zu einer bunt gesprenkelten, untergründig grauen Masse. Neben mir im Gang steht ein krummer Mann mit einer blau verspiegelten Sonnenbrille und Blindenbinde um den Arm. Er hat zwei nervös hechelnde Shih Tzus an der Leine, die aufgeregt umher laufen. Mit lispelnder Stimme fordert er die beiden Hunde zum Stillhalten auf und reißt an ihrer Leine.

Ich stelle mir derweil die Stadt als riesigen Organismus, ein Lebewesen, vor, die Infrastruktur als Versorgungssystem. Der Straßenverkehr ist ein Blutkreislauf: Ampelschaltungen und Fahrpläne erzeugen den Herzschlag nach dessen Rhythmus die Verkehrsintervalle durch das von Gebäuden gesäumte Ateriennetz gepumpt werden. In dieser Vorstellung ist ein menschliches Individuum mit einer Zelle vergleichbar. Ein solch gigantischer Organismus scheint mir unheimlich und monströs, führt er mir doch meine eigene Unbedeutsamkeit vor Augen. Der Verlust einer einzelnen, ja sogar hunderter, Zellen ist zu verkraften ohne auch nur den geringsten sichtbaren Einfluss auf ein derart komplexes Lebewesen auszuüben.

Die Shih Tzus springen an meinem Bein hoch und ich schrecke zurück. Der krumme Mann entgegnet, dass ich nicht aufgeregt zu sein brauche, die Beiden täten mir nichts. Ich frage mich daraufhin wie blind dieser Mann überhaupt ist.


Dritte Zigarette

Im Universitäts-Café schaue ich mich um: Hauptsächlich Anfang Zwanzigjährige, die Germanistik, Geschichte oder etwas Anderes auf Lehramt studieren. Mit einigen besuche ich Seminare und kann mittlerweile sagen, dass ich die nächste Generation an Schülern bemitleide. Neben mir sitzt eine Gruppe hipper Mädchen, die sich zufällig in das Philosophiestudium verirrt haben, geistlos plappern sie Ansichten nach, welche sich als allgemeiner Konsens bezeichnen lassen würden; sie sind so originell wie ihre im 80er-Vintage-Look produzierten Jeansjacken von der Stange. Ich beschließe meinen Kaffee mit vor die Tür zu nehmen. Dort treffe ich Simon. Während er sich mit konzentrierter Miene bemüht eine Zigarette zu drehen, erzählt er mir von den neusten Vorkommnissen an seinem Institut: Ein Eklat um die Anschaffung eines Weihnachtsbaumes ist ausgebrochen. Wie jedes Jahr sollte im Flur ein geschmückter Tannenbaum aufgestellt werden, die Sekretärinnen von katholischer Konfession legen darauf anscheinend besonderen Wert. Jedenfalls, so berichtet Simon, haben sich einige seiner Kommilitonen unter der Leitung eines Dozenten dazu entschieden einen pinken Plastikbaum anzuschaffen, welcher besagten Sekretärinnen wohl übel aufstieß. Diese zogen daraufhin die Beteiligung an den Erwerbskosten zurück, da unter den gegeben Umständen keine weihnachtliche Atmosphäre aufkommen könnte. Die Lager sind seither gespalten. Ohne eine Wertung abzugeben lasse ich den Tatbestand einmal hier als repräsentatives Schaubild des universitären Betriebs in Gießen bestehen. 

Wir rauchen vor der Tür und drinnen läuft alles weiter wie gehabt.


Vierte Zigarette

Mit einem breiten Malerpinsel verteile ich die Acrylfarbe auf der Leinwand. Nur etwa hundert Meter von meiner Wohnung entfernt liegt mein Atelier. Mit mehren Parteien haben wir einen alten Schlecker-Markt angemietet. Angestrengt versuche ich mich an einem Portrait bis mir auffällt, dass es ähnlich wie ein Gemälde von Borremans aussieht und darüber hinaus auch leider nicht eine ähnliche Qualität erreicht. Ich gehe nach draußen um eine Zigarette zu rauchen und mir einzureden, dass der Umstand daher rühre, dass ich mir momentan keine Ölfarben leisten kann. Um den Kopf freizubekommen suche ich meinen liebsten Ort in Gießen auf: Den historischen Friedhof. Der liegt quasi direkt nebenan. Dort ist es wirklich besinnlich, die Synthese aus Park und Ruhestätte. Der Friedhof erstreckt sich über einen Hügelhang, vereinzelte Wiesen und unterschiedliche Bäume über deren Äste ich Eichhörnchen huschen sehe. Im vorderen Teil laufe ich durch einen Bereich, der lediglich mit jüdischen Gräbern gespickt ist. Eng gereihte, hohe Gräber, der Stein ist abgedunkelt, besitzt einen eindringlichen Grünstich durch den Moosbewuchs. Vor dem Tor steht eine Kapelle und hinter ihr finden sich sehr verfallene Grabstätten. Das älteste Grab - eine in die Friedhofsmauer eingelassene Platte - stammt aus dem 16. Jahrhundert. Irgendwo hier muss auch die letzte Ruhestätte von Wilhelm Conrad Röntgen liegen, doch scheint sie wohl nicht sonderlich imposant geraten zu sein, denn gefunden habe ich sie noch nie. Auf einer Bank lasse ich mich nieder und nehme den letzten Zug meiner Zigarette. Ich denke über die Stadt nach. Eigentlich ist es doch egal wo ich lebe, auf dem Land, in der Kleinstadt oder Großstadt - im wesentlichen ist alles eine mehr oder weniger großer Ansammlung von Autos, Gebäuden und Menschen. Und bisher habe ich die Erfahrung gemacht, dass letztere überall im Gleichen Maße an meinen Nervenkostüm zerren. Also warum nicht da wohnen wo es wenigstens eine große Auswahl an Bars gibt.






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