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Fearless Girl: Falscher Feminismus, falsche Kunst

Wie die Werbung Kunst assimiliert und alle dabei noch treudoof in die Hände klatschen, weil sie denken, das Ganze hätte etwas mit Feminismus zu tun.
 

Foto: Sarah Leriche

Seit Anfang März steht dem ikonischen Bullen der Wallstreet eine neue, ebenfalls aus Bronze gefertigte, Statue gegenüber: Ein furchtloses, die Hände trotzig in die Hüften stemmendes Mädchen, stellt sich dem brachialen, gehörnten Widersacher entgegen. Auf der Plakette steht unter anderem „Know the power of female leadership“, ein starkes Symbol für unabhängige Frauen in der Berufswelt, könnte man jedenfalls meinen. Der allgemeine Tenor der westlichen Medien ist frenetisch und tausende Selfies mit der Statue fluten mittlerweile Instagram. „Ein furchtloses Mädchen gegen die Männerdominanz der Finanzwelt“, „Ein leuchtendes Beispiel für den Feminismus“, „Das neue Vorbild einer Generation selbstbewusster Mädchen“, fast keiner scheint das vermeintliche Kunstwerk mit kritischer Distanz in den Blick zu nehmen und die Hintergründe zu recherchieren. Denn der Abgrund, welcher sich dann vor einem auftut, ist an Zynismus kaum zu übertreffen.

Zuerst ein kleiner kunsthistorischer Exkurs: Nach dem „Charging Bull“, der seit Jahrzehnten eines der bekanntesten Wahrzeichen von New York ist, hatte ursprünglich niemand gefragt. Der Künstler Aturo Di Modica stellte den sechs Meter langen Bullen 1989 widerrechtlich über Nacht auf. Als das Nachhallen der Finanzkrise die USA noch erschütterte, wollte Di Modica ein Symbol schaffen, das den Pionier- und Kampfgeist der Staaten repräsentierte, es sollte die Menschen solidarisieren. Letztendlich, nach langwierigen Auseinandersetzungen, beschloss man, den Bullen als permanente Skulptur in das Stadtbild zu integrieren. Di Modica hatte sich nun zu Recht ausgiebig beschwert, dass „Fearless Girl“ die Aussage seiner Skulptur, weg von seiner eigentlichen Bedeutung, in ein Sinnbild für aggressiven Chauvinismus umdeutet. Geholfen hat es nicht.

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Das ist schlichtweg kitschiges Design und geschickt inszenierte Werbung.

„Fearless Girl“ wurde ebenfalls über Nacht aufgestellt hat aber, im Gegensatz zum Bullen, nichts mit Guerilla Art zu tun. Es war schon im Voraus abgesprochen, dass die Statue zum International Womens Day aufgestellt werden sollte. Zudem wurde die Skulptur auch nicht aus dem persönlichen Anliegen der Künstlerin Kristen Visbal geschaffen, sondern von McCann, einer der einflussreichsten Werbeagenturen, in Auftrag gegeben, um die neue Initiative SHE des Geldgebers State Street Global Advisors zu bewerben, die mehr Frauen in Führungspositionen zum Ziel hat. Wenn ein Kunde eine Werbeagentur beauftragt, die eine PR-Aktion ausarbeitet und für die Realisierung eine Künstlerin engagiert, hat das nichts mehr mit Kunst zu tun. Das ist schlichtweg kitschiges Design und geschickt inszenierte Werbung. Der Betrachter, der um den Hintergrund weiß, stößt sich dann auch beim Lesen des kompletten Plakettentextes unwillkürlich an einer bestimmten Stelle: Nach „Know the power of female leadership.“ heißt es nämlich „SHE makes a difference.“. Das SHE bezieht sich in der Schreibweise auf die Initiative des Geldgebers SSGA.

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Soziale Gleichstellung sieht anders aus.

Nun könnte argumentiert werden, dass „Fearless Girl“ zwar keine Kunst ist, aber die Werbung immer noch ein wichtiges, feministisches Anliegen hat. Diese Einstellung taucht gelegentlich auf, jetzt wo vereinzelt genauer recherchierte Berichte veröffentlicht werden. Doch SHE hat nichts mit Feminismus zu tun, sondern ist blanke, kapitalistische Effizienzsteigerung. Das ganze Anliegen wird nur im hippen

Girl-Power-Gewand verkauft, damit es auf breit angelegte Zustimmung in der Öffentlichkeit trifft. Das wird schnell deutlich wenn die Initiatoren genauer ausgeleuchtet werden. State Street Global Advisors ist keine gesellschaftlich motivierte Gruppierung, wie man vielleicht annehmen könnte, sondern mit 2,4 Billionen Dollar der drittgrößte Geldverwalter der Welt. Und wie man es sich hätte denken können, fordern SSGA nicht aus einem Anfall von sozialer Gerechtigkeit einen bestimmten Mindestanteil von Frauen in Führungspositionen, sondern weil McKinsey errechnet hat, dass die Firmen, welche diesen Mindestanteil schon erfüllen, bessere Gewinne erwirtschaften. Wer noch darüber hinaus ambitioniert nachforscht und die Statements der Beteiligten prüft, erfährt, dass Frauen sich anscheinend „weniger stark verspekulieren“, sie sind nicht so impulsiv, „sichern sich gerne ab“, zudem sind sie auch weniger selbstsüchtig. Die Geschlechtertrennung wird nicht aufgelöst, sondern es werden allen Frauen allgemeine und des weiteren auch sehr traditionelle Charakterzüge übergestülpt, die in höheren Unternehmenspositionen dazu führen, dass größere Gewinne erzielt werden. Soziale Gleichstellung sieht anders aus. Außerdem wird bei den ganzen Studien, welche es zu diesem Thema gibt, konsequent die immer noch nicht geklärte Henne-oder-Ei-Frage außer Acht gelassen, die den größten Schwachpunkt dieser Ergebnisse ausmachen: Sind Unternehmen mit Frauen in Führungspositionen eben dadurch innovativ und erfolgreicher oder stellen erfolgreiche und innovative Unternehmen mehr Frauen in Führungspositionen ein? Weiterhin haben Folgestudien gezeigt, dass sich ein erzwungener Frauenanteil, wie ihn SHE fordert, nicht positiv im Vergleich zu männlich dominierten Konkurrenzunternehmen auswirkt. Anscheinend profitieren nur Unternehmen von ihrem Frauenanteil, die ihn natürlich, also ohne Zwang, etabliert haben.

Mit diesem ganzen Wissen müsste man schon ein unfassbarer Zyniker sein, seine kleine Tochter in Doppelgängerpose neben dem „Fearless Girl“ abzulichten, wie es gerade täglich hundertfach passiert. Was aktuell als moderner Feminismus angepriesen wird, ist eigentlich eine perverse Kapitalismusfantasie, die im Bemühen um geschlechterstereotype Kategorien noch größere Gewinne für die Oberschicht erwirtschaften will. Wer ernsthaft denkt, „Fearless Girl“ wäre ein geeignetes Symbol für weibliche Unabhängigkeit, hat nicht gemerkt, dass das Auflehnen gegen das Patriarchat schon lange vom selben industrialisiert und als umsatzstarker Markt erschlossen wurde. In diesem Fall: Ab in den nächsten H&M, da sind Feminismus-Shirts gerade im Sale!



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