published in 'Encounters von Juptr' on Juptr.io

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Vom Nicht-Suchen, vom unfreiwilligen Finden, vom Begegnen.

Eine Begegnung.

 

Es war ein heißer Sommertag in Berlin, als sie dem Mann begegnete, der ihr Leben für immer verändern sollte. Sie traf sich mit ihrem Vater, der zufällig in der Stadt war. Etwas an der zögerlichen Art wie er ihr schrieb, schrieb und immer wieder innehielt, verwunderte sie. Beinahe wirkte es so, als wolle er sich nicht mit ihr treffen. Aber sie wischte die unheilvollen Gedanken beiseite und ging zum Cafe Einstein am Kudamm, wo er bereits mit einem jungen Mann an einem der Tische draußen saß. Es dauerte ein paar Sekunden, oder vielleicht auch Minuten, aber dann wusste sie es. Rückblickend konnte sie nicht mehr sagen, was es an diesem Mann war, das sie die Wahrheit erkennen ließ. Sie erinnerte sich nicht mehr an seinen Namen, obwohl er sich ihr zweifellos vorgestellt hatte, sie wusste nicht mehr wie er aussah, ob er eine Brille trug, welche Haarfarbe er hatte und auch seine Gesichtszüge hatten sich ihr nicht ins Gedächtnis eingebrannt. In ihrer Erinnerung war er eine gesichtslose, anonyme Person, was verwunderlich war, da er doch von da an untrennbar mit ihrem Leben verbunden war.

Vielleicht waren es seine zögerlichen Worte, sein schüchtern wirkendes Auftreten, seine schuldig dreinblickenden Augen, die es ihr verrieten. Aber das glaubte sie eigentlich nicht, denn das waren vielmehr die fehlenden Puzzleteile, die sie im Nachhinein in das lückenhafte Bild einsetzte, das vor ihrem inneren Auge entstanden war; sie glaubte der Grund, weshalb das Bild einer gedanklichen Eingebung ihrerseits entsprang, war das Verhalten ihres Vaters. Er hatte ihn ihr als einen Freund vorgestellt, oder vielleicht auch als Arbeitskollegen. Er sprach ihn die ganze Zeit nicht ein einziges Mal an, seine volle Aufmerksamkeit gehörte ihr und sie erzählte, während der fremde Mann sie stumm ansah. Sie redete, sie redete viel um die aufsteigenden Fragen in ihrem Kopf zu unterdrücken, um die laute, vielsagende Stille der beiden Männer nicht hören zu müssen und um das Wissen, das sich vor ihr ausbreitete, das so nackt und schonungslos und unerbittlich vor ihr lag, wie eine lästige Fliege zu verscheuchen. Sie starrte auf die Hand ihres Vaters, fixierte den leichten Abdruck an seinem rechten Ringfinger, wo sein Ehering hätte sein sollen. Schließlich verabschiedeten sie sich von ihr, und ihr Vater sagte etwas zu dem Mann, was die im hintersten Winkel ihres Bewusstseins verborgenen Gedanken bestätigte.

„Lass uns gehen“, sagte er und er sagte es in einem Ton, den sie kannte, denn es war ein liebevoller Tonfall. So sprach er mit ihr und ihren Geschwistern und vielleicht hatte er auch so mit ihrer Mutter gesprochen, als sie noch klein gewesen war und sie sich noch geliebt hatten. Sie wusste es nun. Aber dieses Wissen wollte sie nicht, sie wollte es loswerden, sie wusste nicht, wie es in ihre Hände gelangt war und was sie damit anfangen sollte. Es war nicht richtig, dass sie es wusste. Sie hatte die Wahrheit wie ein liegengelassenes Schmuckstück unrechtmäßig eingesteckt und jetzt musste sie es zurückbringen, musste den Diebstahl irgendwie rückgängig machen. Aber ihr Vater hätte ihr sicherlich erklären können, dass das nicht möglich war, dass man kriminelle Akte nicht ungeschehen machen kann und dass sie auch nicht mit Rache oder Bestrafung vergolten werden können. Also war es zu spät, die Gedanken waren bereits gedacht, sie konnte nicht mehr in den friedlichen Zustand der Ahnungslosigkeit zurückkehren. Die Unschuld war verloren gegangen. Sie saß in der Straßenbahn, fühlte sich von den anderen Fahrgästen abgetrennt, als stünde zwischen ihnen eine gläserne Wand, als sei sie in einer durchsichtigen Kuppel gefangen. Alle konnten sie sehen und sie konnte alle sehen, doch sie konnte niemanden erreichen. Sie saß ganz ruhig da, die Beine übereinander geschlagen, die Hände locker auf dem Sitz liegend, der Blick irgendwo zwischen der Werbeanzeige für Buttermilch und dem verwahrlosten Obdachlosen verharrend. Nur ihre Gedanken rasten, liefen einen Marathon in ihrem Kopf, während sie sich merkwürdig taub fühlte, als wäre ihr die Fähigkeit, etwas zu fühlen, abhanden gekommen, als müsste sie erst in einem Lexikon nachschlagen, was man in einem solchen Moment zu fühlen hatte. In so einem Moment, dachte sie, ihrer Melodramatik freien Lauf lassend, müsste die Welt doch eigentlich stehen bleiben. In einem solchen Moment der unerschütterlichen Wahrheit konnte die Welt doch nicht ihrem gewohnten Lauf nachgehen. Doch das tat sie. Die Straßenbahn fuhr ihre alltäglichen Bahnen und während das grelle Licht den Wagen erhellte, fing es draußen an, dunkel zu werden.  



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