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Dietmar Diegel

Marketing jetzt als Ingenieurs-Studiengang!

Die TH Krefeld-Gartenstadt bietet ab dem kommenden Sommersemester den kombinierten Kompaktstudiengang „Marketing-Ingenieur“ an. Begleitet wird die akademische Lehre durch die obligatorische Ausbildung zum „Marketroniker“ – ein ebenfalls neuer Ausbildungsgang, der gemeinsam mit der örtlichen IHK entwickelt und ins Leben gerufen wurde.

 

jetztPUNKTnull: Herr Eiddler-Volhorsd, wie kam es zu der – in unseren Augen mutigen – Entscheidung, das Studienfach „Marketing“ von nun an nur noch als reinen Ingenieurs-Studiengang anzubieten?

Eiddler-Volhorsd: Nun, aus meiner Sicht hatte dieser Schritt nichts mit Mut zu tun. Wenn wir uns ansehen, wie Marketing heute und in Zukunft funktioniert, war dies ein zwingender und geradezu überfälliger Schritt.

jPn: ...das müssen Sie uns näher erklären!

E-V: Marketing hat doch inzwischen eigentlich nichts mehr mit Inhalten zu tun. Was heute zählt, ist die sichere Beherrschung der erforderlichen Tools und Techniken; wer sein google nicht beherrscht, nicht weiß wie RTB oder RTA effizient skaliert werden, eine ROI-optimierte Customer-Journey durch medienübergreifende Attribution nicht aus dem FF beherrscht – um hier nur einige, wenige Beispiele zu nennen – der wird es wohl niemals zum Growth Hacker oder High Priest Of Efficiency bringen. Und genau dieses Skillset vermitteln wir unserem digitalisierten Curriculum.

jPn: Schön und gut – aber geht es denn beim Marketing nicht auch um neue Ideen und Inhalte?

E-V: Allein die Fragestellung zeigt, dass Sie noch nicht im Heute angekommen sind – geschweige denn im digitalen Morgen. Wen kümmern Ideen und Inhalte? Das sind Nebenprodukte. Wir arbeiten und lehren zu 100% „agile“. Wir identifizieren die spezifischen technischen Anwendungen und bauen einen Scrum auf. Dann sehen wir weiter, wozu das alles gut sein kann. In festgelegten Intervallen scannen wir den Backlog und die Artefakte nach Ideen und Inhalten. So einfach!

jPn: Aha?!

E-V: Ich habe das Gefühl, Sie wollen mich nicht verstehen! Neben dem Erlernen der erforderlichen technischen Skillsets steht in unserem Studiengang gleichberechtigt die Vermittlung der erforderlichen Methodenkompetenz. Nur so ist es möglich, die inhärente Komplexität des zeitgemäßen Marketings zu beherrschen. Für Sie mag das wie Rocket Science klingen – aber wer sich einmal ernsthaft mit Shareholder-Needs auseinandergesetzt hat und die daraus resultierenden Key Performance Indicators verinnerlicht hat, wird sich nicht ernsthaft die Frage nach antiquierten Begriffen wie „Kundenbedürfnis“ oder „Nutzenorientierung“ stellen – das sind geradezu reaktionäre Wertvorstellungen! Als Marketing-Ingenieur lernen Sie, sich gegen solche nicht operationalisierbaren Sachfragen zu immunisieren und sich mit dem klaren Blick des Technikers auf Ergebnisse zu konzentrieren. Kaufleute sind besser im Controlling aufgehoben – dort richten Sie weniger Schaden an.

jPn: Oh!

E-V: Sehen Sie; was ich versuche, Ihnen zu vermitteln, ist die Notwendigkeit „Start-Up“ zu denken – nur so werden Sie auch Disruption erzeugen. Und niemand wird ernsthaft in Frage stellen, dass Disruption ohne Wenn und Aber das Gebot der Stunde ist. Wie heißt es so schön: disrupt or be disrupted. Da nach dem „Warum“ zu fragen ist rückwärtsgewandt und nicht zielführend.

jPn: Soweit so gut... Lassen Sie uns noch kurz über den begleitenden Ausbildungsgang zum Marketroniker sprechen. Was hat es damit auf sich.

E-V: Ich bin froh, dass Sie diese Frage stellen. Für uns ist es wichtig, dass unsere Studierenden von Anfang an auch einen starken Bezug zur täglichen Praxis haben. Und – seien wir ehrlich – bei Tätigkeiten wie Click-Through-Optimierung, Adwords Kampagnen oder Conversion Tracking geht es doch nicht um wirklich intellektuell anspruchsvolle Tätigkeiten. Tatsächlich beinhaltet die Ausbildung zum Marketroniker wesentliche Aspekte der Ausbildung zu Mechatroniker. Es geht im Wesentlichen um Messen, Steuern, Regeln. Die Namensähnlichkeit der beiden Ausbildungen ist also nicht zufällig.

jPn: Klingt spannend!

E-V: Ist es auch. Ein Hauptunterschied zwischen den beiden Ausbildungen liegt darin, dass beim Marketroniker das Fach „Trial-And-Error“ mit einem theoretischen und praktischen Teil eine besondere fachliche Vertiefung des „Fail fast and cheap“-Prinzips sicherstellt. So wird vermieden, dass eigene Meinungen zu einer unnötigen und letztlich unprofessionellen Verwässerung des digitalen Gedankenguts führen.

jPn: Herr Eiddler-Volhorsd, wir danken Ihnen für das Gespräch!



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