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Der Akkordeonspieler

 

Als ich im Oktober nach einem anstrengenden Büromorgen zur Mittagspause auf den Parkplatz trat, war ich plötzlich in Paris.

Eine Akkordeonmelodie wurde vom Wind in mein Ohr geweht, und zugleich legte die Herbstsonne sich weich auf mein Gesicht. Die Autos verschwanden, und auf dem Platz erschienen kleine Straßencafés, die Bücherstände an der Seine und die Maler oben an der Kathedrale Sacré- Coeur. Auf einmal war es wieder Frühling. Die Klänge ließen sich auf den Gesichtern der Passanten nieder, wie ein Schmetterling sich zum Ausruhen auf eine Blume setzt, und malten ihnen ein Lächeln in die Augen.

Ich blieb stehen und lauschte den Tönen nach. Die Melodie war keineswegs kunstvoll. Ein kleiner Walzer, schnörkellos und einstimmig gespielt, und doch fügten sich im Ohr die Begleitakkorde eines französischen Knopfakkordeons hinzu, die das einfache Thema umspielten, im Kopf Purzelbäume schlugen und eine beschwingte Valse musette entstehen ließen.

Mein suchender Blick fand den Akkordeonspieler vor dem Supermarkt. Zu meinem Erstaunen sah er ganz anders aus als ich erwartet hatte. Ein fremdländisch aussehender Bettler stand mit seinem Instrument vor der Eingangstür und nahm mit freundlichem Nicken die Münzen der Passanten entgegen. Dabei wiederholte er die kleine Melodie wieder und wieder, wie einen unendlichen Reigen.

Ich blieb stehen und atmete tief die neue Luft ein. Mein Oberkörper begann, sich im Takt zu wiegen und in den unhörbaren Rhythmus der Begleitinstrumente einzuschwingen. Meine Schritte wurden von einer magischen Hand zum Supermarkt hingezogen. Auf dem Weg dorthin sah ich mir den Bettler näher an. Er war ganz einfach gekleidet, und doch strahlte seine Haltung Würde aus, sein fremdartiges, freundliches Gesicht hätte von überall her kommen können. Das Akkordeon schmiegte sich in seine Arme wie eine Geliebte. Unaufhörlich ließ er die Finger über die Tasten gleiten und entlockte ihnen die Klänge, die den Platz verzauberten.

Als ich aus dem Supermarkt kam, legte ich ihm eine silberne Münze in den Hut. Er dankte mir mit einem Lächeln und einer leichten Neigung des Kopfes. Mit seinen Augen legte er mir eine Tänzerin von Dégas als Gegengeschenk in die offenen Hände. Während ich mich entfernte, nahm ich den Walzer mit mir; die Töne umspielten meine Füße, bis diese in einen beschwingten Wiegeschritt verfielen.

Seit diesem Tag grüßte der Musikant mich immer, wenn ich aus der Bürotür trat, und jedes Mal ereignete sich das kleine Wunder, dass der Parkplatz sich in die Straßen von Paris verwandelte. Täglich entstanden neue Bilder vor meinen Augen – Kopfsteinpflaster, alte Straßenlaternen, junge Frauen mit lässigem Chic und die Impressionisten im Louvre.

Den ganzen Oktober lang stand der Akkordeonspieler jeden Tag an derselben Stelle. Wann immer ich kam oder ging, hörte ich sein Lied. Er spielte immer nur diese eine Melodie, und ich begann mich zu fragen, ob er überhaupt ein anderes Stück in seinem Repertoire hatte. Und doch hätte ich kein anderes Lied hören wollen, nur diesen einen, inzwischen vertrauten, schwingenden Walzer, der die Blätter des Ahorns golden färbte, die weite Welt auf den Platz holte und auf die Augen der Passanten Träume legte.

Anfang November gab es einen Kälteeinbruch. Von einem Tag auf den anderen entschloss sich die Sonne, die Wolkendecke nicht mehr zu verlassen, der Wind fuhr schärfer über den Platz, und an manchen Tagen klatschten unaufhörlich Tropfen auf den Asphalt. Doch in den wenigen trockenen Stunden fand sich der Akkordeonspieler noch immer ein, und das Walzerthema ließ das Eisgrau des Platzes selbst an trüben Tagen wie Lichtgrau erscheinen, und von weither kommende Bilder wärmten die Menschen von innen.

Jetzt, mit dem Einbruch des Winters, ist der Akkordeonspieler verschwunden. Doch nie wieder wird der Platz für mich nur ein Parkplatz vor einem Supermarkt sein. Noch immer hängt die Akkordeonmelodie in der Luft, ganz fern, ganz leise, und wenn ich die Augen schließe, bin ich in Paris.



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