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Die ewig Gestrigen

Ein Pamphlet für den Abriss.

 

„Wir waren noch nie so glatte, gesichtslose, durchdemokratisierte Menschen; wir haben noch nie in einer so mickrigen Gesellschaft gelebt, die nichts mehr wagt.“

So wetterte der deutsche Gegenwartskünstler Jonathan Meese auf einer seiner Performances. Und er hat recht. Der Bürger eines wohlsituierten Industrielands ist mittlerweile ein Mensch ohne Profil, er lässt sich von der Leistungsgesellschaft knechten. Es gibt keinen Umbruch mehr, eine Gesellschaft, die nur noch justiert wird. Wir haben uns in unserem Kulturraum eingelebt, behaglich eingerichtet, und nun festgestellt, dass uns die Aufteilung der Architektur nicht gefällt. Doch keiner zieht um. Stattdessen versuchen wir die unpassenden Räumlichkeiten so gut es geht umzugestalten. Das zeigt sich in vielen Belangen; unsere Ära wird mit dem Label Postmoderne abgestempelt: Nichts Neues, lediglich ein Arrangement aus bekannten Versatzstücken. Ironie und Zynismus sind die Stilmittel unserer Zeit. Auch in der Politik ist das zu beobachten. Es schwemmt eine neue Welle des nostalgischen Konservativen durch die westliche Welt: Frankreich, Großbritannien, Italien, Deutschland und natürlich die USA. Die Menschen sind frustriert, aber sie machen sich nicht frei von dem was sie unglücklich macht, sondern versuchen das System in dem sie leben zu optimieren. Der Mut zum Wagnis ist uns verloren gegangen. Und auch wenn es im jüngeren Kunstkreis mittlerweile als angestaubt - ja sogar verpönt - gilt, christliche Motive oder Geschichtsbrocken in den Diskurs zu werfen, will ich doch an dieser Stelle das Leben von Martin Luther ins Zentrum stellen. Damals war die Gesellschaft geprägt von einer fürchterlichen Angst vor dem Fegefeuer, dem jüngsten Gericht – man mag an dieser Stelle nur an Schreckensszenarien aus Hyronimus Boschs Gemälden denken, die etwa in der selben Zeitspanne gefertigt wurden. Luther litt an dieser Ausformung des Christentums, er sorgte sich um sein Seelenheil, versuchte sich zurecht zu finden, wurde über die Maße engagierter Mönch. Doch das besserte seine Lage nicht merklich und schließlich setzte der Bruch ein. Er wagte den Sprung, machte sich frei vom herrschenden System und reformierte die Kirche. Luther hatte erkannt, dass die Grundvoraussetzungen des Christentums zu dieser Zeit, mit seinen weltlichen Vertretern, einfach die falschen waren, um seine Vorstellung vom Glauben zu verwirklichen. Das Bestehende musste bis auf das Fundament abgerissen und neu gedacht werden. Insofern ist Martin Luther eine Persönlichkeit, der aktuelle Brisanz inne wohnt. Nun möchte ich ihn nicht als auklärerische Lichtgestalt inszenieren, natürlich war er ein Antisemit erster Güte und darüber hinaus auch in anderen Belangen kein sonderlich feiner Mensch, aber was das Neudenken betrifft, mag er durchaus eine Art Vorbildfunktion erfüllen.

Die Menschen haben Angst vor dem Umsturz, etwas zu revolutionieren. Aber genau diese Momente und Menschen, welche sie vorangetrieben haben, wie Charles Darwin, Immanuel Kant, Niels Bohr, Willem de Kooning oder eben auch Martin Luther, sind es, denen auch heute noch Gewicht beigemessen wird. Wenn wir seit Beginn des Kapitalismus, der Demokratie und aus diesen Bedingungen resultierten Leistungsgesellschaft immer noch eine Überforderung und persönliches Unglück verspüren, dann liegt es wohl wahrscheinlich nicht daran, dass wir noch nicht anständig wissen in diesem System zu leben, sondern, dass es schlichtweg das falsche Lebensmodell sein könnte. In diesem Fall müssen wir es ändern. Und zwar nicht optimieren, sondern abreißen und neu denken. Dabei müssen wir uns immens anstrengen, dass nicht wieder ein Aufguss von etwas Altem aufkommt, keine Nostalgie. Wir müssen vorwärts gehen um etwas zu verändern, sonst bleiben wir die ewig Unglücklichen, die ewig Gestrigen.



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