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Kaffee? Liber Té!


noraanna

Bin ich denn die Einzige die noch von Freiheit träumt?

Gedanken aus dem Hörsaal

 

Bin ich denn die Einzige die noch von Freiheit träumt? Seit gestern Abend denke ich darüber nach. Ich saß auf meinem Bett, blättere in einer Zeitschrift, ließ bei Netflix eine sehr enttäuschende Liebeskomödie laufen und verschwendete Zeit in Social Media. Da vernetzten sich meine Gedanken zu einem bei mir altbekannten Thema, dem selbst die vielen Medien mit denen ich mich parallel beschallte Nichts mehr entgegenzusetzen hatten. Was bringt mir das Alles hier? Will ich das eigentlich? Ich warte doch nur darauf weiterzuziehen und mich vom kalten Griff des Alltags zu lösen und endlich frei zu sein. Tief einatmen und den Frühling in der Luft zu schmecken. Die Umarmung der Sonne auf meiner Haut zu spüren. Völlig erschöpft nach einem auslaugenden Tag ins Bett zu fallen und sich dabei schon auf den nächsten zu freuen. Von den Menschen um mich herum nicht genug zu bekommen und so laut wie unbeschwert zu Lachen sodass darauf nur diese kurze Erschöpfung folgt in der sich reine Ekstase offenbart.

Nun finde ich mich in meiner Vorlesung wieder. Der Dozent sinniert über die Bedeutung des Tons im Film vor Studenten die zwischendurch immer wieder abschalten. Der Professor mag sein Fach. Das spürt jeder Zuhörer. Seine Augen glänzen, wenn er über seine Projekte und Erlebnisse spricht. Er freut sich über seine Arbeiten und die Faszination seines Faches. Ein großer Mann mit wuscheligem grauem Haar, Pullunder und runden Brillengläsern. Immer wenn er etwas liest knickt sein Kopf um 90 Grad nach unten. Gerade schwärmt er von der Anpassungsfähigkeit Hitchcocks sich mit Erneuerungen auseinander zu setzen. Ob er sich wohl frei fühlt? Oder worin fühlt er sich vielleicht eingeschränkt? Steuern? Familie? Die Schnelllebigkeit der heutigen Branche? Oder einfach die Hochschulleitung? Ein Filmausschnitt von Charlie Chaplin wird an die Leinwand geworfen. Charlie würde wahrscheinlich über meine Gedanken lachen. Freiheit bedeutete zu seiner Zeit noch etwas vollkommen anderes.

Schaut man im Saal umher sind viele träumende junge Menschen zu sehen. Sie träumen von verschiedensten Dingen. Das Mädchen vorne rechts sehnt sich nach dem perfekten Mann. Die brünette hinter ihr will die Beste ihres Faches sein. Auf der gegenüberliegenden Seite sitzt ein 21 Jähriger der vom Ende der Vorlesung träumt. Ein andere vom langersehnten Auszug aus dem Elternhaus. Aber der Grund warum alle hier sitzen ist wahrscheinlich der Traum von einer Karriere. Sei es wegen Geld, Ruhm oder dem Gefühl etwas Schönes geschaffen zu haben.

 

Nachdem der ganze Saal nun ein Aaahhhh gesungen hat haben wir nun den Beweis das sich Ton Logarithmisch und nicht linear verhält. Gesellschaftlicher Druck und Manipulation wäre vielleicht auch als Dauerbeschallung zu bezeichnen. Die Melodie unserer Generation die uns in einem Zeitgeist schwingen lässt. Komponiert durch das Orchester unserer Vorbilder und der Lautstärke der Medien. Ein politischer Tenor, der uns Angst macht und eine eher depressive Voraussagung vermuten lässt. Oder das hohe Sopran eines Stars der zwar die Sterne vom Himmel schnappt aber auch meist zerstörerischen Morast durchlebt. Diese Wesen aus den Medien sollen unsere Vorbilder sein und ob wir wollen oder nicht beeinflussen sie unsere Lebenseinstellung essentiell. Sie prägen unsere Träume. Es gibt schließlich Gründe warum kleine Mädchen Prinzessin werden wollen. Heute ist das Ziel die große Karriere. Macht, Einfluss und Geld im Donald Duck Stil oder nehmen wir es Realer, wie Johnny Depp, 15 Häuser, eine Insel und 40 Old-Timer zu besitzen und dabei laufende Monatsausgaben von 2 Millionen Dollar zu verbuchen. Natürlich ohne seine aktuellen Pleitegerüchte. Diese Ziele sind verbunden mit einmaligen Chancen, einer Menge Opfern und sehr viel Engagement und Arbeit. Dies scheint das kollektive Ziel von fast allen zu sein mit denen man im Studentenalter spricht (solange man sich nicht in den Studiengang Philosophie verirrt). Kurzum, alle reißen sich darum große Opfer für den Erfolg zu bringen. Erfolg ist das übergeordnete Ziel. Was im Mittelalter noch der Himmel war ist heute die Macht irgendwo große Entscheidungen zu treffen und wichtig zu sein. Ok Stopp. Ich will hier nichts verteufeln oder Unterstellen. Wie mein früherer Kunstlehrer zu sagen pflegte: >> Ich übertreibe um zu verdeutlichen! <<. Aber was ist mit der Aufbruchsstimmung der 60er passiert? Sollte die junge Generation nicht mit den gesellschaftlichen Konventionen brechen und gegen Normen und Ungerechtigkeiten ankämpfen wollen? Nein. Niemand glaubt heute noch daran etwas verändern zu können. Und überhaupt so schlimm ist es ja nicht, da kümmere ich mich lieber um mich selbst. Das lohnt sich nicht. Unsere Zeit ist kurz, lasst uns schnell den Moment nutzen und unseren Weg zum Erfolg ebnen. Das ist die Ambivalenz die irritiert. Wenig Zeit, aber nur arbeiten, Genuss wird als Zeitfresser empfunden. Das Individuum ist am wichtigsten, jeder ist sich selbst der nächste, aber niemand horcht mehr in sich hinein. In der Gruppe konsumieren aber nicht interagieren. Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird belächelt. Nachvollziehbar…irgendwie. Denn es wird sich keine Antwort finden lassen. Aber sollten wir deshalb aufhören uns überhaupt damit zu beschäftigen? So scheint es. Denn es lohnt sich ja nicht.

Mein Kurs hat inzwischen die Mittagspause hinter sich gelassen und es wird nun die Macht von Sounds im Film thematisiert. Welche Macht zur Stimmungserzeugung sich dort verbirgt. Um diese Erkenntnis zu gewinnen war also eine bewusste Betrachtungsweise notwendig. Hörst du einen Hubschrauber oder einen Ventilator? Zebra oder Pferd oder Kokosschalen? Und die Macht der Stille. In >Apokalypse Now< werden diese Mittel laut unserem Dozenten offenbar gut eingesetzt. Die Männer sind im Krieg. Welche Vorstellung von Freiheitskampf vertritt ein Soldat? Vermutlich hat er keine Zeit allzu viel darüber nachzudenken, weil er mit Überleben beschäftigt ist. Wir aber mit all unseren First World Problems können uns diese Gedanken leisten. Einen Schritt zurück zu gehen und in die Stille zu lauschen. Freiheit sollte unsere Pflicht sein. Die eigene Version von Freiheit zu finden und anderen Freiheit zu lassen. Freiheit ist ein Recht und Privileg. Und vielleicht unerreichbar. Aber ich träume immer noch davon. Nur viel davon sprechen darf ich nicht, wenn ich noch ernst genommen werden will.



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