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Nach Möglichkeit meine Insel

Endlich am Flughafen, allein. Dieser Frühling gehört mir. Nicht meiner Freundin Sarah, mit der ich zusammen wohne, nicht meinen Freunden, mit denen ich zusammen feiere, nicht meinen Bürokollegen, mit denen ich zusammen arbeite. In den nächsten 14 Tagen gibt es kein wir, nur ein ich, und Sardinien - aber wer sind die zwei da vorne?

 


Ich sehne mich nach Ruhe, Entspannung, innerer Einkehr. Zwei Wochen lang gehe ich keine Kompromisse ein, spreche mit niemandem ab, wo wir essen gehen, welche Kirche wir besuchen und in welcher Bucht wir baden. Ich folge ausschließlich meinem Gefühl von Raum und Zeit. Es war nicht ganz einfach, mir diese Freiheit zu erkämpfen. Meine Freunde sehen in mir die Spaßbremse und machen ihren Pärchenurlaub an der Algarve nun ohne mich. Sarah ist enttäuscht und bleibt allein zu Hause.

Die Ankunft

Das Boarding beginnt, die Maschine hebt ab und landet zwei Stunden später im Nordwesten Sardiniens. Aus der 400 Jahre andauernden katalanischen Besetzung Algheros finden sich noch heute überall Hinweise auf die ehemaligen Herrscher der Hafenstadt. Viele Straßennamen sind zweisprachig ausgeschildert, die Architektur erinnert an Bauwerke in Barcelona und in der lokalen Mundart verschwimmen Italienisch und Katalanisch zu einem sardischen Dialekt. Keine 20 Gehminuten von der Altstadt entfernt miete ich mich auf dem Campingplatz „La Mariposa“ ein. Zwischen mächtigen Pinien errichte ich mein Zelt und blicke von der Luftmatratze direkt ins türkise Meer. Ich schlendere über den Platz, atme das Gemisch aus Pinienduft und Meeresluft und entschwebe dem Alltag. Meine Muskulatur entspannt sich, mein Nacken wird locker, mein Gang tänzelnd. Ich lerne Marco kennen, einen 32jährigen Sarden, der auf dem Campingplatz einen Fahrradverleih betreibt. Die bequemste Art, die Stadt zu erkunden, sagt er. Und ich will die Stadt bequem erkunden, den Hafen, die Altstadt, die Seitenstraßen, das Hinterland. Alles ohne auf Busfahrpläne achten oder mir Blasen laufen zu müssen. Marco sucht mir ein extra gefedertes Modell aus seinem Schuppen und drückt mir einen Stadtplan in die Hand.

Wie von selbst rollt mich das Rad die Via Lido hinab. Sie führt mich geradewegs zum Hafen. Vorbei an Hotels, Lokalen und Eisdielen radle ich weiter entlang der Küste und gelange auf eine schmale Promenade, die an der linken Seite von einer langen Häuserreihe begrenzt wird; rechts trennt mich nur noch die gewaltige Stadtmauer vom offenen Meer. Später, wenn sich die Sonne immer weiter zum Horizont neigt, werden hier die Restaurants öffnen, eins neben dem anderen. An langen Tischreihen werden hier unzählige Touristen Pizza, Pasta und Salsiccia bestellen, dazu Rotwein aus Nuoro. Ich fahre weiter, die gesamte Promenade entlang und erreiche den Torre San Giacomo. Die Aussicht überwältigt mich, ich steige vom Rad und setze mich auf die Stadtmauer, gleich neben den Turm. Hinter mir die Altstadt, links die Uferstraße Richtung Süden, rechts Berge, die geschwungen ins Meer fallen.

 

Der Torre San Giacomo in Alghero

Die Begegnung

Deutsch, ich höre deutsche Stimmen. Sie klingen verwundert und zugleich heiter. Sie kommen näher, werden lauter. Ich spüre eine Hand auf meiner Schulter, die sofort verkrampft und einen Schmerz durch mein Nervensystem sendet. Ich wende meinen Kopf zur Seite und erstarre. Katja und Thomas stehen in kurzen Hosen und gleichfarbenen Polohemden hinter mir. Was machen die denn hier? Die gehören doch nach Köln und nicht in meinen Urlaub. Ich weiß nicht mehr, woher ich sie überhaupt kenne, aber seit Jahren gehören sie zu meinem Freundeskreis, dem erweiterten Freundeskreis, dem alle angehören, die man zwar irgendwie kennt, aber niemals alleine trifft oder treffen will. Wir sehen uns auf Partys gemeinsamer Freunde, wir grüßen uns, wenn wir uns beim Einkauf begegnen, aber wir wissen nichts voneinander und - da bin ich mir sicher - wollen nichts voneinander wissen. Man begegnet sich kurz an der Kasse im Supermarkt oder der Theke in der Kneipe, wechselt ein paar Worte und geht wieder auseinander. Es hat alles ausgezeichnet funktioniert, bis jetzt.

Sarah sei zu Hause, ich müsse einfach mal allein raus, ja allein, einfach entspannen. Nein, wir haben uns nicht getrennt, es mache ihr auch nichts aus. Es sei ihr sogar ganz recht, die Wohnung mal für sich zu haben. Langweilig? Überhaupt nicht! Ich genieße die Natur, das Flair der Stadt, lese vielleicht etwas. Eine Rechtfertigung folgt der nächsten, nur um die bohrenden Fragen zu parieren. Doch es hilft nicht. Thomas scheint eine echte Männerfreundschaft zu wittern und besteht darauf, gemeinsam die Stadt zu erkunden. Nach einem ins Würdelose driftenden Versuch, mich aus dieser Vereinnahmung herauszuwinden, gebe ich nach, nehme mein Fahrrad und schiebe es demonstrativ zwischen mir und den beiden Polohemden durch die Altstadt.

Die Dämmerung setzt ein, die Restaurants öffnen ihre Türen, erste Getränke werden geordert. Auch wir sind hungrig. Katja schlägt vor, zurück zur Promenade zu gehen. Es kostet mich einiges an Überzeugungskraft, ihr diese zwar schöne, aber viel zu teuere Touristenfalle auszureden und stattdessen ein kleines Restaurant in einer Seitenstraße ausfindig zu machen. Und tatsächlich finden wir ein niedliches Lokal ohne Namen am Rande der Stadt. Nur zwei Tische auf dem Gehweg deuten darauf hin, dass es sich hierbei tatsächlich um eine Gastronomie handelt. Ein sportlich gekleideter Mann mit schütterem Haar lehnt am Türrahmen des Eingangs, hält sich mit Daumen und Zeigefinger eine Zigarette an den Mund und inhaliert. Er beobachtet, wie wir näher kommen und uns an einem der Tische niederlassen. Kaum hatten wir Platz genommen, trat eine gedrungene Frau mit weißer Schürze um die Taille aus dem Lokal und legt drei buchseitengroße Zettel auf den Tisch. Die Tageskarte bietet genau vier Gerichte, dazu den Hauswein in rot und weiß. Unentschlossen studiere ich die kulinarischen Kompositionen, während Thomas die brüchige Fassade des Nachbargebäudes betrachtet und leicht mit dem Kopf schüttelt.

Ich empfehle die Pasta mit Garnelen, sagte der Mann mit der Zigarette. Hier wird noch eine ehrliche Pasta geboten, nicht so wie am Hafen. Thomas blickt ihn an und bricht in lautes Gelächter aus, das mehr einem Grunzen gleicht als einem Ausdruck der Freude. Ehrliche Pasta? In Italien? Wahrscheinlich will Thomas witzig sein. Katja zieht ihre Stirn in Falten, ich widme mich weiter der Tageskarte. Der Mann mit der Zigarette stellt sich als Gunnar vor, Pilot. Mehrmals wöchentlich pendle er zwischen Deutschland und Sardinien und könne sehr gut zwischen einer gewöhnlichen und einer ehrlichen Pasta unterscheiden. Thomas grunzt weiter, referiert von landesweiter Korruption, Taschenspielertricks, Mafia und Renzi, den er als Berlusconi ohne Sexualtrieb bezeichnet. Ehrlich seien in diesem Land nur die Touristen. Ich blicke verschämt ins Lokal, Katja mit starren Augen auf den Tisch.

Schweigend treten wir den Rückweg an. Katja und Thomas begleiten mich bis zum Eingang des Campingplatzes, verabschieden sich und gehen die Straße weiter hinauf. Nach wenigen Metern setzt Katja zu einem markerschütternden Kreischen an. Thomas hebt siene Stimme und wirft mit langen, übermäßig betonten Sätzen nach ihr. Der Streit ist entfacht. Ich schiebe das Rad zwischen den Pinien bis zu meinem Zelt, stelle es ab und schaue aufs Meer hinaus.

Die Flucht

Der Morgen bricht an. Ich krieche aus dem Zelt, strecke mich und lasse meinen Blick über den Platz schweifen. Auf einer zwischen zwei Baumstämme gespannten Leine hängen frisch gewaschene T-Shirts, hinter einem Bungalow parken vier Motorräder nebeneinander, ein Mädchen stapft in Flipflops verträumt aus dem Waschbereich, die Haare nass zurückgeschlagen, in ihren Händen Miniaturen verschiedener Shampooflaschen.

Am Eingang drückt sich ein Pärchen am Schlagbaum vorbei. Hand in Hand betreten sie den Platz, kurze Hosen, Polohemden. Ich traue meinen Augen nicht, Katja und Thomas suchen den Platz ab, suchen nach mir. Ich ducke mich, hoffe, sie haben mich nicht entdeckt. Noch einen Tag mit den beiden überstehe ich nicht. Ich ziehe meinen noch gepackten Rucksack aus dem Zelt, schnalle ihn auf meine Schultern und greife den Lenker des Fahrrads. Ich rolle hinter den Bungalows entlang, immer im größtmöglichen Abstand zum Hauptweg. Wie ein Soldat im Häuserkampf ducke ich mich auf der freien Strecke zwischen zwei Holzhütten und erhöhe die Geschwindigkeit. 20 Meter vor dem Ausgang endet mein Sichtschutz und ich muss über das freie Feld fahren. Katja und Thomas drehen sich mittlerweile wie Radaranlagen um sich selbst. Ich trete in die Pedale, rolle vom Campingplatz ohne mich umzusehen und biege in die Via Lido ein. Der Tacho zeigt 31 km/h, rasch bin ich am Hafen, auf der Promenade, am Torre San Giacomo. Ich halte nicht an, fahre weiter, komme auf die Uferstraße in Richtung Süden.

Die Reise

Zum ersten Mal halte ich nach etwa zehn Kilometern am Spiaggia della speranza, dem Strand der Hoffung. Wie passend, denke ich, setze mich in den feinen Sand und genieße das Geräusch der Wellen. Ab jetzt fahre ich fast in Schritttempo und grüße alle entgegenkommenden Rennradfahrer, die für den Giro di Sardegna trainieren. Nach weiteren 35 Kilometern funkeln mich die Fassaden bunt gestrichener Häuser an. Das kleine Städtchen Bosa ist an einen Berghang gebaut, über ihr thront gelassen das Kastell Malaspina. Wie der Albtraum eines deutschen Bauamtleiters, wie eine Konstruktion Hundertwassers ruht die Stadt verwinkelt, bunt und zeitlos am Fluss Temo. Einen Tag lang lasse ich das Farbspiel auf mich wirken, vergesse Thomas, vergesse Katja und vergesse mein Fahrrad.

Mit dem Bus verlasse ich die Westküste und fahre ins Landesinnere, vorbei an Suni, Macomer bis nach Nuoro, kaufe einige Flaschen Wein und steige in den nächsten Bus. Vorbei an den politischen Wandmalereien in Orgosolo, vorbei am Nationalpark Gennargentu über Tortoli nach Arbatax. Mit einem Cappuccino setze ich mich auf die Hafenmauer und betrachte die roten Felsen aus Porphyr. Hier bleibe ich, denke ich und spaziere in den Ortskern. Kaum ein Mensch überquert die langgezogene Straße zum Meer, ein kleiner Supermarkt bietet vor allem Obst und Gemüse, eine Apotheke, das war es. Direkt an der ersten Bucht entdecke ich den Campingplatz Telis. Ein Mekka für Motorradfahrer und Familien. Ich miete einen kleinen Bungalow, mein Zelt steht ja noch in Alghero.

 

Die Aussicht aus meinem Bungalow auf dem Campingplatz in Arbatax

Nach drei Tagen habe ich einen Entspannungslevel erreicht, der eine Weiterfahrt zulässt. Keine eilige, flüchtige Weiterfahrt, eher eine gemütliche mit ausreichend Zeit, um die Insellandschaft erkunden zu können. Ich steige in die kleine grüne Schmalspurbahn, dem Trenino Verde und lasse mich von der kraftvollen Lok die Berge hinauf und in Täler hinab ziehen. Über fünf Stunden kutschiert mich die Bahn durch die unberührte Natur Sardiniens. Beseelt erreiche ich Mandas, die Endstation. Von hier fahre ich mit dem Zug nach Monserrato, steige in die Metro und gelange geradewegs zur Piazza Repubblica unweit des Stadtzentrums der Hauptstadt Cagliari.

 

Der Trenino Verde

Die Hauptstadt

Ich spaziere die Via Alghero hoch, durchstreife einige Gassen und biege in die Via Piccioni ein, eine schmale Straße mit alten Wohnhäusern. Vor jedem Haus stehen unzählige Blumentöpfe, aus denen sich riesige Pflanzen zum Himmel recken und die Fassaden der Häuserreihen auf beiden Seiten grün übermalen. Bei einbrechender Dunkelheit legen die Laternen einen orangefarbenen Schleier über dieses Idyll. Vorbei an der Piazza Constitutione gehe ich die Via Manno hinunter, eine Einkaufsstraße, bis zur Piazza Yenne. Umgeben von Restaurants und Cafés wacht hier eine Statue des ehemaligen sardischen Königs Carlo Felice über seine Stadt. Keine 200 Meter nördlich checke ich in das zentrale Hotel Aurora ein. Der freundliche Besitzer gibt mir ein Zimmer mit Blick auf den Elefantenturm.

 

Der Elefantenturm aus meinem Hotelzimmer

Am nächsten Morgen stehe ich früh auf. Ich verlasse das Hotel und betrete die Markthalle, die sich genau gegenüber befindet. Frischer Käse, Brot und Orangen stehen auf meiner Liste. Den Rücksack gefüllt trete ich die Erkundung der Altstadt an. Marina, ein Viertel, in dem früher die Fischer der Stadt lebten, früh morgens auf das Meer hinausfuhren und nachmittags vor ihren Häusern die Netze flickten. Mittlerweile sind die Fischer verschwunden und der Tourismus prägt die Gassen. Zwischen Restaurants bieten auch immer wieder kleine Boutiquen einheimische Kunst an. Ketten aus Korallen, Masken geschnitzt aus Holz, traditionell geflochtene Teppiche in weiß und immer wieder verspielte Bilder von Paolo Laconi, die das Alltagsleben der Sarden spiegeln. Laconi malt unermüdlich seine Heimat, die Hirten, die Flamingos, die Schafe, den Käse, die Sänger und die Flöten. Sein Atelier ist hier in Cagliari, vielleicht besuche ich ihn.

Alle Gassen führen nach Süden, zur Via Roma. Kurz bevor sie in die Viale Diaz übergeht kehre ich in der Eisdiele Peter Pan ein, bestelle zwei Sorten, die mir mit einem Spachtel auf die Waffel geschmiert werden und gehe runter zum Hafen. Von hier führt ein neuer Holzsteg nach Osten, immer am Meer entlang. Viele Jogger bringen sich vor dieser traumhaften Kulisse in Form, das Holz dämpft die Schritte ab. Der Steg führt mich bis zur imposanten Wallfahrtskirche Santuario di Bonaria, vor ihr ein breiter Treppenteppich, der sich wie eine Zunge aus der Kirche herauszurollen scheint. Ich steige im Laufschritt bis zur Eingangspforte empor, lasse die Kirche rechts liegen und gehe in den Hinterhof der Anlage. Ein beflügelnder Ausblick über die gesamte Stadt eröffnet sich mir.

 

Der Blick von der Wallfahrtskirche auf die Stadt

Fünf Tage entzückter Entspannung verbringe ich in der Stadt, die alles hat. Von meinem Hotel aus erreiche ich jede schöne Ecke zu Fuß oder mit dem Bus. Zuerst besuche ich den Park Monte Urpinu mit seiner facettenreichen Vegetation, unzähligen Katzen und einer grandiosen Aussicht über die Weiher, in denen Flamingos heimisch sind. Dann fahre ich zum botanischen Garten, einer Oase inmitten der belebten Stadt. Er dient der Universität als Forschungsfeld, Schildkröten als Lebensraum und Anwohnern als Erholungsgebiet. Für viele Sarden beginnt die Badesaison erst im Juni, für mich bereits Ende April. Ich steige in den Bus PQ und gelange zum Stadtstrand Poetto. Ich steige erst weit oben an der Station Golfo di Quartu Sant Elena aus, winke dem vom Wasser umspülten Turm Torre di Carcangiolas zu und wandele kilometerweit durch den Pudersand. Immer vor mir, der ins Meer laufende Berg mit seiner auffallenden Kerbe im Rücken. Einer Legende nach fand im Himmel über der Bucht ein Kampf zwischen Erzengel Gabriel und Luzifer statt. Gabriel schlug Luzifer vom Pferd, sein Sattel fiel ins Meer und versteinerte zu eben der Felsformation, die mir den Weg zum kleinen Hafen, zum Marina Piccola weist.

 

Der Sattel des Teufels am Stadtstrand Poetto

Am nächsten Morgen schlafe ich aus. Die Meeresluft hat mich für mindestens zehn Stunden in die Kissen gedrückt. Gegen Mittag stehe ich zu Füßen der Bastione San Remy. Ein monumentales Bauwerk aus weißem Marmor. Als ich die Treppen hinauf steigen will, stoppt mich eine Absperrung. Bauarbeiten, die Hälfte der Stufen ist defekt, Stein ist abgesprungen, wurde herausgeschlagen. Ich gehe einen Bogen um die Bastion, erreiche den hinteren Zugang und entdecke einen Aufzug. Elegant befördert er mich auf die weitläufige Plattform im Herzen der Bastion. Wieder ein Ausblick, der mich träumen lässt. Ich setze mich, lehne den Kopf zurück und schließe die Augen. Über mir höre ich ein gurrendes Zwitschern, das ich keiner Vogelart zuordnen kann. Ich öffne die Augen und sehe vier rosafarbene Flamingos, die mit leicht geöffneten Schnäbeln über mich hinweg fliegen. Noch einmal blicke ich zu allen Seiten auf die Stadt und kehre zum Aufzug zurück. Es hat sich bereits eine Schlange gebildet. Gedankenverloren blicke ich hinab. Ich erschrecke und weiche zurück. Kann es sein? Ich wage einen weiteren Blick über die Mauer und erhalte Gewissheit. Katja und Thomas warten unten an der Straße auf den Fahrstuhl. Er macht ausladende Bewegungen, als wolle er einen Touristen von irgendetwas überzeugen, sie stößt ein leises Kreischen aus. Erst mache ich einige vorsichtige Schritte zurück, dann renne ich quer über die Aussichtsfläche zum Treppenaufgang. Kein Schild hält mich auf. Mit einem Satz überwinde ich die Absperrung und setze zu einem Weitsprung über die ersten fünf Stufen an. Bei meiner Landung bricht ein Stück Marmor heraus. Ich schlage mit dem Ellenbogen auf und rutsche die restlichen Stufen hinunter. Mit meinem T-Shirt wische ich das Blut weg und mache mich im Laufschritt auf in Richtung Hotel.

 

Auf der Bastione San Remy

Die Wanderung

Ich muss die Stadt hinter mir lassen, ich muss raus. Nach einer Dusche verlasse ich das Hotel, unter meinem Arm die Wanderschuhe. Ich renne die lange Straße Largo di Carlo Felice hinunter bis zur Piazza Matteotti. Hier steige ich in einen Bus und verlasse die Stadt westwärts. Über Decimomannu, Siliqua und Iglesias führt mich der Weg bis in das Dorf Masua. Ich checke in ein kleines Hotel an der Küste ein, lege mich ins Bett und schlafe sofort ein. Kurz nach Sonnenaufgang streife ich mir meine Wanderschuhe über, marschiere durch das Hotelfoyer und stiefle in die Natur. Es dauert nicht lange und ich sehe keine Menschen mehr. Nur Berge, Wasser und wild wachsende Kräuterwiesen. Ein Weg ist kaum zu erkennen, ich schlage mich durch verwachsene Büsche, immer der Küste entlang. Der Blick über das Meer macht mich sprachlos. Immer wieder begegne ich Ziegenherden, die frei umherlaufen und die frischen Kräuter abfressen. In der Ferne sehe ich ihn bereits stehen, stolz wie das Land, den Zuckerhut von Sardinien, den Pan di Zucchero. Ein Felsen, der erhaben und würdevoll dem Salzwasser trotzt, inmitten einer Landschaft aus Meer und grün bewachsenen Bergen.

Ich spüre ein Gefühl des Friedens in mir. Erleichterung kommt auf, ich muss erst grinsen, dann lachen. Dann weinen. Dieser Blick eröffnet mir eine neue Sicht, nimmt mir die Schwere von der Seele. Der Stress bricht aus mir heraus und verlässt meinen Körper. So stehe ich da, den Blick gerichtet auf den Zuckerhut, die Nase in der Luft, das Herz leicht wie ein Pinienzapfen, die Beine gekitzelt von Kräutern. Ich spüre, wie das Blut in mir zirkuliert und den frischen Sauerstoff transportiert, mich von innen neu belebt. Ich atme ein, ich atme aus. Alles stimmt.

Das Wiedersehen

Zwei Tage später checke ich aus. Die Hotelbesitzerin fragt mich, wohin ich nun wolle. Ich weiß es nicht. Ich folge ihrem Vorschlag und nehme den nächsten Bus zur Südspitze der Insel. Chia beherbergt die schönsten Strände der Insel, sagt sie. Auf dem Campingplatz Torre Chia miete ich ein Leihzelt und verstaue meinen Rucksack darin. Mit einem Sonnenschirm schlendere ich zur kleinsten Bucht der Küste, breite mein Handtuch im weißen Sand aus und lege mich in den Schatten des Schirms.

Nach etwa einer Stunde höre ich, wie jemand 'Pieps' sagt. Nicht weit von mir entfernt höre ich etwas, das wie ein piepsen klingt, mehrfach, bis ich mich umsehe. Katja kniet kaum eine Handtuchlänge von mir entfernt im Sand, fokussiert mein Gesicht und formt ihre Lippen zu Piepsgeräuschen. Ich zucke zusammen, entspanne mich aber schnell wieder. Die Erfahrung in den Bergen wirkt noch nach, so schnell bringt mich jetzt nichts aus der Ruhe. Katja schlägt ihre Strandmatte aus und legt sie neben mich. Sie scheint sich ehrlich zu freuen, mich zu sehen. Wo Thomas sei, wisse sie nicht. Sie haben sich gestritten, ein Mal zu oft und verbringen den Rest des Urlaubs nun getrennt voneinander. Wir liegen den Nachmittag über gemeinsam am Strand, sprechen kaum. Mit Einbruch der Dämmerung packen wir unsere Taschen und verlassen den Strand. Übermorgen sei der erste Mai. Da gebe es einen großen Umzug in der Stadt zu Ehren Sant’Efisios, der im Mittelalter die Pest von der Insel vertrieben habe. Ob wir uns den nicht gemeinsam anschauen wollen? Es sei ihr letzter Tag auf der Insel vor dem Abflug. Auch ich habe den Flug am 2. Mai zurück nach Köln gebucht. Ich stimme zu. Meine Batterien sind voll aufgeladen. Da überstehe ich auch einen weiteren Nachmittag mit Katja, immerhin ist Thomas nicht dabei.

Eine Pferdekolonne kündigt den Umzug an. Hinter ihnen bereits die erste Gruppe, traditionell gekleidet in eine rot-goldene Tracht, behangen mit kleine Glöckchen. Ein Schild verrät ihre Herkunft. Schon folgt die nächste Gruppe, komplett schwarz gekleidet, die Männer tragen schwere Felle um ihre Oberkörper. Harmonische Melodien hüllen den Umzug akustisch ein. Sie stammen aus selbstgeschnitzten Flöten, die nebeneinander angeordnet werden und fast wie Panflöten aussehen, aber eher wie ein schottischer Dudelsack klingen. Die Straße ist gesäumt von Menschen, Tribünen sind aufgebaut, die Via Roma versinkt in Millionen von Rosenblättern.

 

Der Umzug zu Ehren San'Efisios

Ich wende den Blick Katja zu. Ihr zufriedenes Lächeln verwandelt sich in eine angewiderte Fratze. Noch bevor ich verstehen kann, erhalte ich einen Stoß von der rechten Seite, der mich umfallen lässt. Ich schaue hoch und sehe Thomas, wie er Katja an der Schulter berührt und sie wüst beschimpft. Sie löst sich aus seiner Hand und setzt zu ihrem typischen Kreischen an. Tränen rinnen aus ihren Augen über die Wangen. Thomas schweigt. Vier weiterer Pferde passieren die Straße. Auf unserer Höhe schert eines ohne ersichtlichen Grund aus, dreht sich um 180 Grad und steigt. Der Reiter fällt vom Sattel, kann den Sturz aber mit allen Vieren auf dem Asphalt gut abfedern. Ein Raunen geht durch die Menge, auch Thomas und Katja zucken zurück. Ich nutze die Chance, quetsche mich an den Passanten vorbei und entwische in eine Seitenstraße.

 

Das Pferd dreht ab

Die Rückkehr

Um 06:40 Uhr gehe ich in einer Menschengruppe über den Flugplatz zum Flieger. Ich sehe Katja und Thomas aus sicherer Distanz vor mir, sie steuern den hinteren Eingang der Maschine an. Ich steige vorn ein und nehme Platz. Beim Aussteigen lasse ich mir Zeit. Ich bleibe sitzen, bis alle um mich herum ihr Handgepäck aus den Fächern über den Sitzen gezogen haben. Ich stehe auf, verlasse als letzter Passagier das Flugzeug und folge schlendernd dem gekennzeichneten Weg zur Flughafenhalle. Am Gepäckband stehen sie wieder, die beiden Polohemden und warten auf ihre Koffer. Thomas bewegt fortwährend seine Lippen, wirft seine Arme in die Luft, gestikuliert unkoordiniert. Noch während er ihre Koffer vom Band hebt, scheint er wutentbrannt zu schnauben. Wie ein trotziges Kind wirft sich Katja zu Boden, reißt ihren Mund auf und schreit, wie ich es noch nie zuvor gehört hatte. Sie stößt ein Kreischen aus, verlängert den Ton in ein hysterisches Beben und schwingt sich dann zu einem hyänengleichen Lachen auf. Thomas greift seinen Koffer und verlässt die Halle. Katja bleibt sitzen und zieht das Sekret in ihrer Nase hoch.

Ich nehme meinen Rucksack vom Gepäckband, schnalle ihn mir auf und helfe Katja hoch. Sie scheint wirklich geschwächt zu sein. Ihre Beine zitterrn, sie lehnt sich mit ihrem ganzen Gewicht an mich. Mit der rechten Hand ziehe ich die Teleskopstange aus ihrem Koffer und wage den ersten Schritt. Katja legt ihren rechten Arm um meine Schulter. Mit meiner linken Hand greife ich um ihren Körper an ihre Hüfte und stabilisiere ihren Gang. So tippeln wir dem Ausgang entgegen. Die Tür schwingt auf, wir treten aus der Gepäckhalle in den Empfangsbereich. Knapp 20 Personen versammeln sich lose hinter einer Absperrung und warten mit Blumensträußen und Luftballons auf ihre Angehörigen und Freunde, die mit einer der heutigen Maschinen von ihrer Reise zurückkehren. Zwischen ihnen entdecke ich Sarah, ein Pappschild in ihren Händen. Schnell löse ich meine Hand von Katjas Hüfte und streife ihren Arm von meiner Schulter. Katja kommt ins Schwanken. Es ist zu spät. Sarah reißt den Mund auf. Allein? Von wegen! Sie nimmt das Schild, hält es hoch, so dass ich das Herz erkennen kann, in das Sie ‚Welcome back, Lonesome Cowboy’ geschrieben hat und zerreißt es. Ohne sich umzudrehen rennt sie zum Ausgang. Neben mir höre ich ein dumpfes Poltern, Katja ist zu Boden gegangen.



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