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"Looping kreuzweise"

Seltsames Los, wo das Ziel sich verschiebt und da es nirgends ist, überall sein kann...


Loupdaire

Zwei Suffköpfe im Flieger. Eine Reisestory

 

Looping kreuzweise

Wir fliegen der Sonne entgegen. Tief unten gleitet der Schatten des Flugzeugs über die Wolken. In den Urlaub geht’s. Auf die Kanaren. Nach Fuerte. Corralejo. Dünen und lange Sandstrände am Atlantik. Davor die Isla de Lobos und weit draußen am Horizont die Konturen von Lanzarote.Zum x-ten Mal Corralejo. 

Dieser Blick aufs Meer ist mir schon eingebrannt, so oft sind wir inzwischen dort gewesen. Viel Fisch werden wir essen. Lenguado, weil der dort gut ist und nicht so teuer wie bei uns. Aber vor allem Cuba Libres saufen. Schon am frühen Nachmittag an der Strandbar. Nein, nicht trinken. Saufen, meine ich. Richtig saufen. Nicht bloß einen. Mindestens zwei, drei, vier. Und die werden erst der Anfang sein, die Cuba Libres nach dem Lenguado, zu dem wir vielleicht schon Weißwein getrunken haben werden. Oder einfach nur Bier.

Ah, apropos Bier!

„Robert, Bier ist gleich alle.“

Mist, Robert ist pinkeln und keine Stewardess weit und breit. Na ja, ein paar Schluck hab ich noch. Bis er zurückkommt, wird’s gerade noch gehen.

Später, wenn wir vom Strand zurück sind, nach der Siesta, wird es dann so weitergehen.Unser Hotel ist ein billiges, direkt im Ort. In einer Nebenstraße, wo eine gesichtslose Touristenstapelbude neben der anderen steht. Taugt nur zum Pennen. Und auch nur, wenn man vorher ordentlich geladen hat. Die Zimmerwände sind aus Pappe und das Zentrum von Corralejo ist höllenlaut in der Hochsaison. Eine Bar neben der anderen. Die Party geht gefühlt die ganze Nacht.

Das Hotel gehört einem Engländer. Oder seiner Frau? - Keine Ahnung. - Sie ist Spanierin und kommt aus Fuerte. Vielleicht haben sie das Hotel ja auf einem Grundstück gebaut, das ihr vorher schon gehört hat. Oder ihrer Familie. Das war doch bestimmt mal alles Bauernland dort, bevor es mit dem Tourismus losgegangen ist. 

Wir gehen immer dorthin. Die kennen uns schon. Und wir kennen sie. Bill und Jolinda. Beide irgendwo jenseits der vierzig. Unscheinbar. Und beide schon ein bisschen aus dem Leim gegangen. Bill hat eine richtige Wampe. Bei ihr schwabbelt’ s eher um die Hüften rum. Aber cool und locker sind sie. Die interessieren sich nicht groß. Und wir auch nicht. Man grinst sich an. Man macht ein paar dumme Sprüche miteinander morgens beim Frühstück oder beim Reinkommen und Rausgehen, wenn man an der Rezeption vorbeiläuft. Und das war’s dann schon.

Deswegen weiß ich auch nach dem x-ten Mal Corralejo nicht wirklich viel von den Beiden. Ist auch nicht wichtig. Die kennen uns und wir kennen sie. Das reicht doch. Oder? Wir fliegen schließlich auf die Insel, um Spaß zu haben. Robert und ich. - Männertour. Einmal im Jahr eine Woche Fuerte. Wir haben uns irgendwann sogar dort kennengelernt. Nur in einem besseren Hotel. Und in einem anderen Leben. Als wir beide noch verheiratet waren. Da sind wir noch jeder mit seiner Frau dort gewesen.

Endlich! Robert ist zurück.

„Robert, bestell’ uns doch noch’ n Bier oder zwei, wenn du die Stewardess siehst. Ist noch mindestens eine Stunde Flug bis Rosario!“

                                                                       *

Noch ein Bier will er. Ist schon das Dritte heute morgen. Das fängt ja gut an! Eine Woche Vollrausch rund um die Uhr. Na ja, Fuerte halt. Eine Woche Fuerte mit Olaf. Wie gehabt. Olaf und Robert auf Fuerte. Fressen, saufen und rumvögeln, wenn sich’s ergibt. Einen draufmachen und Spaß haben. - Männertour.

Das mit dem Rumvögeln kommt dabei leider meistens zu kurz. Zuviel fressen und saufen. Und so vollgefressen und dicht, wie wir dann immer sind, will’s mit den Weibern nicht mehr so recht klappen. Es sei denn, wir finden welche, die genauso dicht sind wie wir. Gibt’s auf Fuerte ja auch. Titten und Bier. - Haben wir alles schon gehabt. Schauen wir mal wie’s dieses Mal läuft. 

Aber erst mal ankommen! Das Fliegen ist wieder der reine Horror. Gut, dass Olaf am Fenster sitzt. Ich könnte das nicht ab. Mir wird schon schwindlig, wenn ich mich bei mir zuhause über die Balkonbrüstung lehne. Und das sind nur zehn Meter runter und keine zehntausend wie jetzt. Bloß nicht reinsteigern jetzt! Das macht’s nur noch schlimmer. Besser gar nicht drüber nachdenken. Sonst kotz’ ich mir gleich die Hosen voll.

Wo bleibt denn verdammt noch mal die Stewardess. Wir haben nichts mehr zu trinken und Olaf wird langsam ungeduldig. Gerade hat er noch ganz entspannt sein Bier getrunken und aus dem Fenster gekuckt. Aber jetzt hat er die Dose zerknüllt und auf den Boden geschmissen. Ich seh’ ihn schon mit den Fingern auf den Schenkeln trommeln und nervös zwischen den Vordersitzen durchspähen. Das ist kein gutes Zeichen. Vielleicht sollte ich mal nach vorne gehen und nachfragen. Nicht, dass wir bis zur Landung ohne Nachschub bleiben.

„Olaf, entspann dich! Ich mach’ jetzt mal ein bisschen Stress und sorg dafür, dass die uns nicht länger auf dem Trockenen sitzen lassen.“

                                                                         *

Ich soll mich entspannen, sagt Robert. Ausgerechnet der. Dabei ist er selber so ziemlich der unentspannteste Typ, den ich in meinem Leben je kennengelernt habe.

Der läuft doch auch nach dem zehnten Bier noch so steif durch die Gegend, als hätte er’ n Stock verschluckt. Wahrscheinlich nach dem zehnten Bier sogar noch mehr als vor dem ersten. Aber schon jetzt, wenn ich ihn den Gang runterstaksen sehe, könnt ich mich vor Lachen bepissen.

Kein Wunder, dass seine Alte dann so dermaßen auf mich abgefahren ist, damals in diesem ersten Fuerteurlaub, als wir uns alle kennengelernt haben.

Ich mach’ jetzt hier mal Stress, sagt Robert. Das kann er wiederum ganz gut. Sich selber stressen, vor allem - und alle anderen gleich mit. Aber da vorne, bei den Stewardessen, da darf er das jetzt gerne tun. Da hab ich dann wenigstens auch was davon.

Und dass er seine Alte so gestresst hat, davon hab’ ich ja dann auch so richtig was gehabt. Jede Menge Spaß mit ihr in den Dünen nämlich.

Während er und meine Alte dumm rumgequatscht haben in ihren Liegestühlen unter den Sonnenschirmen. Und nichts geblickt. Die zwei Spießer und Korinthenkacker mit ihrem geteilten Hobby. Zwei Brieftaubenzüchter unterm Sonnenschirm.

Seine Alte dagegen, die war nicht von der Sorte. Kein Wunder, dass dann bald danach die Scheidung kam. Die war locker drauf. Die wollte sich amüsieren im Urlaub. Und kein Brieftaubenzüchtergequatsche wie zuhause schon das ganze restliche Jahr über.

Das hab ich natürlich schnell geblickt und meine Chance gleich bei der ersten Gelegenheit genutzt. Ganz entspannt, versteht sich. Kleiner Strandspaziergang. Ab in die Dünen mit ihr und dann ein lockeres Nümmerchen geschoben. Nackig waren wir ja sowieso schon. War ja alles FKK dort.

Eigentlich war’ s ne verdammt gute Zeit. Und komischerweise auch der Beginn unserer Freundschaft. Ist schon ein Witz, irgendwie, aber seither sind wir Fuertekumpels. Ein Glück, dass Robert nie kapiert hat, was da wirklich gelaufen ist. Aber ich glaub’, ohne seine Olle ist der besser dran heute. Und sie ohne ihn sowieso. Die müssten mir im Grunde beide dankbar sein. Von wegen gute Tat und so.

Ich wüsste ja schon gerne mal, was die heute so treibt. Das Letzte, was ich von ihr gehört habe, war, dass sie kurz danach mit diesem Büdchenbesitzer aus Bottrop abgehauen ist, wo die immer Lotto gespielt haben und ihr Bier geholt.

Wo bleibt der bloß mit dem Bier jetzt?

„Ey, Robert, was ist los da vorne? Gibt’s kein Bier mehr auf Hawaii?“

                                                                    *

Ein schräger Typ ist er schon, der Olaf! Brüllt hier quer durchs Flugzeug nach Bier, der alte Suffkopf.

„Bleib’ locker,“ rufe ich etwas gedämpfter zurück „das Bier ist schon in Arbeit.“

Zum Glück sind wir nicht die Einzigen an Bord, die so drauf sind. Da muss man nur mal durch die Reihen schauen. Der Fettsack mit den karierten Shorts auf dem Außensitz von Reihe 25, zum Beispiel, und seine solariumsgebräunte Tussi, die sind schon deutlich drüber. Ob die ihre Koffer noch finden, nachher an der Gepäckausgabe? Die Stewardess, die kennt das alles schon. Sie lächelt mich einfach freundlich an und tut so, als wär’ nichts, während sie die georderten vier Biere aus ihrem Wägelchen zieht.

„Sechzehn Euro macht das. Zahlen Sie bar oder mit Karte?“

Ein Vollprofi ist die. Zockt uns locker lächelnd ab und den Rest lässt sie an sich abgleiten. Aber schöne Beine hat sie schon. Ich grinse verlegen, zucke entschuldigend mit den Schultern und geb’ ihr wortlos meine Karte.

Olaf ist ein Vollprolet. Aber da sind die Rollen wenigstens klar verteilt. Er benimmt sich daneben und ich rücke es wieder zurecht. So kommen wir uns auf unseren Touren nicht ins Gehege. Die Weiber, die auf ihn abfahren, sind mein Typ sowieso nicht. Und bei denen, die ich gut finde, hätte er keine Chance mit seiner Art. Teamplay nennt man so was. Mit dem besseren Ende für mich. Zum Glück merkt der das nicht. Und hat es noch nie gemerkt. Dafür fehlt ihm die Sensibilität.

„Ein Becher genügt,“ sage ich zur Stewardess, die gerade zwei Plastikbecher fürs Bier aus ihrem Wägelchen holt, „mein Kumpel trinkt sowieso aus der Dose.“

Wie gesagt, er ist ein Stoffel. Hat keine Manieren und auch keine Hemmungen. Ein gepflegtes Gespräch führen, das kann der gar nicht. Will immer gleich zur Sache kommen. Ab in die Kiste und drübersteigen. Und angesoffen wie er immer ist, kennt er da dann nichts. Zumindest im Urlaub.

Aber ich kenne ihn ja auch nur aus unseren gemeinsamen Urlauben. Nur aus Fuerte, um präzis zu sein. In Deutschland treffen wir uns nie. Ich wohne in Bottrop, er in Herne. Da liegen Welten dazwischen. Ganz Gelsenkirchen, zum Beispiel. Zwischen Bottrop und Herne läuft alles über SMS. Sehen tun wir uns nur im Urlaub. Und sprechen auch.

Das ist auch ganz gut so. Sonst käme er ja vielleicht noch drauf, dass seine Ex jetzt im selben Verein ist wie ich. Taubenzüchterverein Bottrop-Süd. Sie hat die Welten gewechselt. Ist von Herne nach Bottrop gezogen. Und von den Taubenzüchtern Herne zu den Taubenzüchtern Bottrop. Taubenzüchter sind eben die sensibleren Menschen. In Bottrop sogar mehr noch als in Herne.

Das haben wir auch in diesem ersten Urlaub auf Fuerte sofort gemerkt. Als wir noch zu viert hier gewesen sind. Als zwei Paare, die sich gerade kennengelernt hatten. Und obwohl wir uns noch gar nicht kannten, seine Ex und ich, hatten wir gleich einen superguten Draht zueinander. Vom ersten Moment an. Weil wir halt Taubenzüchter sind.

Und das hat sich dann nicht nur auf die Tauben beschränkt damals. Da lief noch mehr. Und bloßes Turteln war das auch nicht. Es hat erotisch so richtig geknistert zwischen uns zwei Taubenzüchtern. Irgendwann, in einer ungestörten Minute, als Olaf und meine Frau in den Dünen rumgelaufen sind oder an der Strandbar abgehangen haben, hat sich die Spannung entladen. Da ging’ s dann richtig zur Sache. Mehr als einmal war das so. Sogar ziemlich viel mehr als einmal. Aber die anderen Beiden haben nie was gemerkt.

Und das ist auch bis heute so geblieben. Seine Ex und ich, das war am Ende zwar auch nur ein Urlaubsding, heute ist sie mit dem Vorsitzenden von unserem Verein liiert, aber für Olafs Ehe, da war das der Anfang vom richtigen Ende. Von einem Ende, das dann außerdem auch noch ziemlich rasant gekommen ist. Ein paar Wochen nach dem Urlaub ist sie bei ihm ausgezogen und kurz später hat sie die Wohnung in Bottrop gefunden. Und mit ihren Täubchen den Verein gewechselt. Alles Knall auf Fall. - Mit dem Saufen ist es seitdem übrigens auch nicht unbedingt weniger geworden bei dem Guten.

„So Olaf, da bin ich wieder. Hoch die Tassen! Nächste Runde! Und ich hab’ der Stewardess auch gleich Bescheid gegeben, dass sie uns vor dem Landeanflug noch einmal zwei Döschen vorbeibringen soll. Ich denk’, das ist in deinem Sinn.“

                                                                           *

Er nun wieder! ‚Ich denk, das ist in deinem Sinn,’ sagt er. Als ob er nicht selber saufen würde wie ein Loch, der Robert.

Das ist doch am Ende das was uns wirklich verbindet. Urlaubskumpels sein. Saufkumpels. Männerdinger drehen. Männertouren unternehmen. Mit welcher Frau könnte man so was schon so durchziehen, wie wir zwei das machen. Ein eingespieltes Team.

Sagt er selber so ähnlich auch. Teamplayer, seien wir. Beim Saufen genauso wie beim Abschleppen. Nur mit verteilten Rollen und jeder mit seinem eigenen Revier. Sagt Robert.

Wie es sich halt so gehört unter echten Kumpels. Sag’ ich.

Okay, okay! - Am Anfang war das nicht so. Aber da waren wir ja auch noch keine Kumpels. Da waren wir zwei verheiratete Männer. Und seine Frau war schließlich nicht glücklich mit ihm. Die wollte einen richtigen Kerl und nicht so einen Taubenzüchter.

Na ja - meine war mit mir auch nicht glücklich, wenn ich es mir recht überlege. Schließlich sind wir ja jetzt beide solo, der Robert und ich.

Und nicht nur im Flugzeug. Oder auf Fuerte, bis auf die paar Stunden wo vielleicht mal mit irgendeiner Tussi kurz was läuft. Nein, auch zuhause ist da keine mehr. Nicht bei ihm Bottrop. Und nicht bei mir in Herne. Wir sind beide verdammt solo. Wird Zeit, dass wir wieder Boden unter die Füße bekommen. Ich werd ja sonst noch ganz trostlos hier.

Solo sein ist shit. Nur, mit den Weibern war’s halt auch nicht besser.

Ein richtiger Kerl kommt alleine am besten klar, sag’ ich immer. Vor allem zu Robert sag’ ich das. Und vor allem, wenn wir zusammen auf Fuerte sind. Wo unser Kumpeltum angefangen hat und unsere Ehen gecrasht sind. Ein richtiger Kerl kommt alleine am besten klar. 

Aber immer solo sein ist eben genauso shit.

„Na, Robert, zwei, drei Bier weiter und wir sind wieder in Corralejo. Bei Bill und Jolinda. Gut, oder? Jolinda wär’ ja schon mal mein Fall. Die hat wenigstens ein bisschen Fleisch auf den Hüften. Glaubst du eigentlich, dass die glücklich sind miteinander, die zwei“

                                                                      *

Ob die glücklich sind miteinander, fragt er mich. Olaf fragt mich nach dem Glück. Als ob ich da eine Ahnung davon hätte. Oder er. Was ist das eigentlich, das Glück? Und hat es überhaupt was zu tun mit dem Männer- und Frauending? Das Glücklichsein. Hat es was zu tun mit der Liebe? Oder mit Sex? Die sind halt zusammen, der Bill und die Jolinda. Die haben ihr Hotel, verdienen ihr Geld und leben ihr Leben. Basta. Vom Rest wissen wir nichts.

Vor allem wir zwei nicht. Fahren wir etwa nach Fuerte, um glücklich zu sein? Oder wegen der Liebe?

Ausgerechnet wir. Unsere Weiber sind weg und wir ziehen einfach nur unser Männerding durch. Fressen, saufen, abschleppen, abhängen. Spaß haben. Einmal im Jahr so richtig ein Fass aufmachen zusammen. Das ist unser Ding und da treffen wir uns. Und das reicht doch. Oder?

„Ach Olaf, was fragst du mich für komische Sachen! Wird Zeit, dass wir wieder Boden unter die Füße bekommen! Sonst kotz’ ich uns am Ende noch die Hosen voll mit dem ganzen schönen Bier.“ 

                                                                   *




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