published in 'Encounters von Juptr' on Juptr.io

0
0

Bastard. Rebell. Freigeist.


Wasgehtsdichan

Das Leben ist ein Spiel

Eine Stunde. 

Eine einzige Stunde dich mich 22.817 weitere gekostet hat.

Für die ich 949 Tage gebüßt habe. 

2 1/2 Jahre meines Lebens. 

 

Wir würden es einfach übertreiben, irgendwann einmal, ein Leben ohne verbindliche Regeln und direkte Konsequenzen. Wir fürchteten nichts und hielten uns für unverwundbar. Um und in uns herrschte das Chaos... Ein grosser Knall, der unvermeidliche Kollaps, jeglicher Wegbruch von dem was wir für Struktur und Ordnung hielten war nur noch eine Frage der Zeit.

Die Stadt hatte sich zu einem Minenfeld entwickelt, so dass man auf jeden Schritt achten musste.

Ich war alles andere als unverwundbar oder frei von Angst.

(Übertriebene Aggresivität an einer, für dein gegenüber, nicht-nachvollziehbarer Stelle schüchtert ein...)

Er sagte daraufhin irgendetwas wie dass er sich bei ihr rückversichern wolle und sich wieder melde. ,,Sieh zu Alter und mach Pallet!!" lauteten letzten, genervte Worte meinen Willen nicht sofort bekommen zu haben.

Wenig später bekam ich SMS von ihm 18:00 Uhr dort zu sein...

Ich verblieb, noch auf ein-zwei Käffchen und zwei-drei Tütchen bei Christin, ließ mir den neuesten Klatsch & Tratsch über das scheißfrischverliebte Pärchen erzählen und schürte Wut in mir. Angesehen hatte man mir das nicht, bestenfalls zog ich eine Augenbraue oder einen Mundwinkel “Hmm..” kurz nach oben.

,,Mach dir keine Sorgen... Die werden mich noch kennenlernen..." sagte ich unheilvoll grinsend, in Gedanken längst meinen Entschluss gefasst.

Bis auf eine Stunde die ich beim Neger brauchte um mir ein Messer zu besorgen, verbrachte ich den Großteil des restlichen Nachmittags bei meinem Schwager Mike. Wie fast jede freie Minute sonst auch. Er war zwar schon länger nicht mehr mit seiner Frau zusammen aber verbunden durch die Blutlinie der beiden Kinder schon noch irgendwie Familie. Immer irgendwie. Der traditionelle Afrikaner hält stärker an den Idealen der Familie, Freundschaft und "Menschenliebe" fest. Vermutlich erwächst jene Mentalität aus ihrer Armut, in der sie gezwungener sind zusammenzuhalten, einander zu helfen, ihr (über)leben abzusichern. Anders als wir Europäer, die wir von allem nur noch den Preis, jedoch nicht mehr dessen Wert kennen und uns in uns selbst verlieren, nur um dann, auf der Suche nach Erleuchtung, versunken unseren Handydisplays zu huldigen.

Genug der Allegorien. Niemand ist je so übel wie sein Ruf behaupten mag oder so tadellos wie in seinem Nachruf betrauert. Sowieso war er nicht gerade der typische Afrikaner, noch nicht einmal ein ehrbarer Moslem. Wahrscheinlich sogar der schlechteste von allen. Rauchen, Saufen, Drogen, rumvögeln und das verdorbenste vielleicht überhaupt, Schweinefleisch.

Aber wir waren Familie und nur das zählte. Für ihn genauso wie für mich. Wäre alles um uns im Chaos unter- ferner noch über dies hinaus, in Flammen aufgegangen, hätten wir wohl nichts besseres zu tun gehabt als daran erstmal ´nen Dübel anzuzünden und danach der ganzen elenden Barbarei, kämpferisch den Mittelfinger entgegenzustrecken.

Ihm gefiel die Idee Kellermann abzuziehen. Es war nicht sein erster Raub, schon vorher räumte er mit Kollegen einem Möchtegerndealer die Bude aus und überfiel nachts ein-, zwei- oder dreimal, arglose Fußgänger im Stadtpark. Ich hatte immer gut lachen können wenn er mir davon erzählte. Bei der Vorstellung wie er sich, im Schutz der Dunkelheit, an die bedauernswerten Seelen heranschlich und sie um ihre Habseligkeiten erleichterte.

Schließlich war er der geborene Schauspieler, von jetzt auf gleich konnte er seine Emotion verändern. Im selben Moment wie er dich glauben machen konnte dein bester Freund zu sein, versteinerte seine Mimik so dass es dir eine Scheißangst eingejagt hatte.

Eine die dein Blut in den Adern gefrieren lassen sollte.

Da ich darum wußte, musste ich mir desöfteren das losprusten dringends verkneifen sobald er seine "Show" mit den neuen und alten Opfern, Blendern und Posern abzog, wie sie, ständig bei ihm abhingen... Und das war verdammt schwierig wenn man High war!

Ach und manchmal, ja manchmal war selbst er so breit das es ihm unmöglich war sein Schauspiel aufrechtzuerhalten, da brach es mitten in seiner Maskerade lauthals aus ihm heraus und er schnappte sich freundschaftlich sein gegenüber: ,,Is´ doch alles nur Spas´ man! Brauchs´ du keiner Angst su haben, man!! Wie veraschen dich nur, Hihihihihi!!" sagte er dann und drückte dich an seine Schulter heran. Dabei lachte er dann so herzlichst dass man ihm unmöglich noch länger sauer sein konnte.

So drauf, dran und drüber, stoned, abgefahren und aufgeblasen wie wir waren unsere Vorstellungen zur bevorstehenden Tat. Wir übertrafen uns gegenseitig darin wie es durchzuziehen sei. Zu krass wird der Respekt auf den Straßen darüber sein...

Wenn sich das erst rumgesprochen hat. Spinnereien bis hin zur Verfolgungsjagd quer durch die Stadt aber wir lachten, wir lachten über das was kommt. Ohne eine Ahnung, eine Auffassung dessen´s davon was wir im Begriff waren zu tun. Blind dafür. Ja, waren wir doch unverwundbar, klar.

Gab es einen Plan? Nein, bei weitem nicht. Die grobe Idee der Abläufe, ja. Auf alles weitere würde man sich vor Ort einstellen und entsprechend reagieren.

Uns verborgen, aus Rauch und Qualm dieser sühnesehnenden Ignoranz, entstieg den Dunstschwaden über unseren Köpfen derweil die hämisch grinsende Fratze, enstellt der eines Clownes ähnelnd...



Die Psychologie des Wartens. 

wartest du auf etwas bei dem du nicht weißt was dich erwartet, vor dessen du dich vielleicht sogar ein wenig fürchtest, steigt mit jeder Minute die so verstreicht deine Anspannung. In der ersten Viertelstunde lässt deine innere Unruhe dich ständig auf die Uhr schauen. Zigarette für Zigarette. In der zweiten Hälfte der Zeit beginnst du die Wohnung auf und ab zu laufen während sich Besorgnis ausbreitet. 

Unwohlsein. 

Nach etwa 45 Minuten allerdings wiegt dich trügerische Sicherheit und nach einer Stunde kehrst du beruhigt in deine Komfortzone zurück...


Das Spiel beginnt.

Standesgemäß trieben wir das ganze auf die Spitze indem ich gegen 19 Uhr bei Kellermann klingelte. Zaghaftes, kurzes Klingen hätte in ihm nur den Eindruck erweckt es eilig zu haben. Dem wäre UNS nicht gerecht geworden. Wir, waren gekommen um zu bleiben! Mit einem sturmbehafteten Dauerklingelns hingegen würde er nichts anfangen können. Zunehmendst verwirrt davon, zugleich jedoch über alle Maße hinaus alarmiert aber ohne weitere Zweifel darüber wer gerade vor der Tür stünde. Mit einer derartigen Respektlosigkeit in seinem eigenen Zuhause würde er nicht rechnen.

Im selben rhythmischen Intervall wie mein Daumen gleich schellt, wird jetzt das Stresshormon Adrenalin aus den Nebennieren direkt ins Blut ausgeschüttet. In sekundenschnelle beschleunigt es nun den Herzschlag. Erweitert Pupillen und schärft die Sinne des Jägers. Der Verstand des gejagten allerdings wird noch widersprüchlich urteilen und analysieren, gegen den ungehörten Instinkt anarbeiten, der längst befehligt. Angriff oder Flucht.

Aber;

liegt die Entscheidung überhaupt noch bei dir oder habe ich sie längst für dich getroffen, indem ich dich in ein von mir gewünschtes Verhalten manövriert habe?

Zwei Türen trennen Raubtier von Beute nun noch. Unlängst betätigt der Türsummer, während die Eingangstür aufspringt provoziert weiterhin der Klingellärm eindringlich. Kellermann seinerseits öffnet die Wohnungstür. Hastig schiebt er mein Fahrrad auf den Gang im Erdgeschoss. Ich starre ihn an. Immernoch im Türrahmen stehend. Die Hand an der Klingel. Jeden seiner Schritte. Der Räuber verfolgt seinen Plan, ohne Abweichungen: ,,Meinst nicht das reicht jetzt..." Scheu, mit ängstlicher Stimme um Ablass erbittend.

,,FALSCH!" zähnefletschend und extrem aggressiv BESTIMME ICH WANN ES REICHT, nur um sich nach zehn Schritten, wieder völligst ruhig, fast regungslos von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen. Unangenehm nah. 

Verwirre deinen Gegner, überfordere ihn mit unerwarteten Reaktionen! 

Ich mustere ihn. Jedes Detail. Nichts entgeht mir. Mein Puls rast. Schwer atmend, nein schnaufend, bewusst tief in den Brustkorb hinein. Pectoralis angezogen, Latissimus aufgespannt. Aus. Ein. Aus. Kiefer pressen ineinander. Der Blick fixiert. Ohne zu blinzeln. In seinen Augen das fürchten, in meinen der Wahnsinn. Jedes weitere Wort käme, in diesem ultrahochentzündlichen Gemisch, jetzt einer Initialzündung gleich...

Kochendes Blut, Unzufriedenheit und aufgestaute Wut über alles und jeden entluden sich in aufblitzender Formwerdung der Klinge, die ich nun an seinen Hals entlang richtete... Mit eiskalter Bösartigkeit drängte ich: ,,Zurück in deine Wohnung, sofort!"

Die absolute Kontrolle über Zeit und Geschehen.

Lähmung setzte in ihm ein, nur noch funktionieren... Mit einem Messer an deinem Hals denkst du nicht mehr und wenn, bestenfalls in Fragmenten. Du handelst nur wie dir befohlen wird. Es entschließt sich jeglicher Rationalität. Jeden Denkens. Vernunft. Nur noch funktionieren. Das ist keine Frage des Mutes, das ist Urinstinkt. Angeborener Überlebenstrieb. In Tagen oder Wochen wird er das erlebte einordnen können. Aber jetzt...

Die allerletzte Grenze wurde überschritten. Deine Wohnung, Rückzugsort und Heiligtum. Schutz gab es nun keinen mehr.

Nicht nur das wir dir gerade das letze Quäntchen Sicherheit, von dem du glaubtest es zu besitzen, genommen haben. Nein, wir mussten es dir gewaltsam rauben.

Mit dem Eindringen in die Wohnung vergewaltigen wir dein Sicherheitsempfinden.

Wir ficken es, mit heruntergelassenen Slip brutal in den Arsch um es aufgerissen und in den Dreck der Gosse geworfen, zurückzulassen.

Wo vorher Geborgenheit herrschte klafft jetzt ein Loch; verbrettert aber gerade noch groß genug sich darin zu verkriechen und einen runterzuholen. Ein siffiges, nach Pisse und Scheiße stinkendes Loch namens Gegenwart.

Deine "heile" Welt... Beschmutzt. Für immer, mit dem Stigma des Missbrauchs.

In keiner Realität erwartet man das der heutige dein letzter Tag sein wird. Es entzieht sich jeder Vorstellung, es erscheint so unmöglich, so absurd. Vom Tage unserer Zeugung an steht er unausweichlich am Ende des irdischen. Eines Tages, sicher.

Aber heute? Jetzt? Hier? Auf diese Art??

Die bedrohen mein Leben. Ich seh´ mich mit meinem Tod konfrontiert. Ich sehe meinen eigenen Tod in seinen Augen! Warum? Wofür?? Was habe ich euch den getan?!? Alles scheint mir so sinnlos und beginnt sich plötzlich zu drehen...

Mir wird schlecht. Ein finsterer Traum. Ein dunkler Ort. Als läge der Sensenmann persönlich seinen schwarzer Umhang ohnmächtig über mich; wäre da nicht kaltes, scharfes Metall nur wenige Millimeter über meiner Hauptschlagader zu spüren. Kein Traum. Eine falsche Bewegung wäre meine letzte. Ich würde röchelnd an meinem eigenen Blut ersticken sofern ich nicht vorher soviel erlösendes Glück hätte vom immensen Blutverlust bewusstlos geworden zu sein.

Nur noch funktionieren, nur noch funktionieren: ,,Bis hierher lief alles gut, bis hierher lief alles gut, bis hierher lief alles gut..." sagte sich der Mann welcher aus dem 50. Stock sprang um sich währenddessen zu beruhigen.

,,Nur antworten wenn du gefragt wirst!" wies ich ihn an. Ohne ein Wort zu verlieren tritt er rückwärts über die Schwelle. Vermutlich hätte er nicht einmal Scheiße gerufen wenn er den Mund damit vollgehabt hätte. Ich schloss die Tür und sah mich um: ,,Bist du allein?" Er nickte.

Mike nahm ihn mit in das Wohnzimmer, welches nur durch einen Tresen von der Küche abgetrennt war, wo er sich westlich neben ihn auf die Couch setzte. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser. Zügig durchsuchte ich die beiden übrigen Räume. Es stimmte. Sie waren tatsächlich menschenleer aber mir fielen die etlichen ausgetrunkenen Bierflaschen- und Kästen auf. Nachdem unsere anfängliche Aufregung jetzt einem Zustand allmächtiger Souveränität gewichen war stellte sich eine Art innerer Frieden in mir ein.

WIR kontrollierten die Situation, UNEINGESCHRÄNKT, UNMISSVERSTÄNDLICH.

Der Vorhang fällt und im Zirkus der Angst macht sich mein Schwager bereit für seine Horrorshow. Mike stand auf, holte aus und verpasste Kellermann die Faust ins Gesicht. Als der sich wieder gefangen hat fährt Mike fort; ,,Jez´ leg deine Hande auf den Tisch!" Das, in seinen Augen gestandene Entsetzen dass er empfand war unbeschreiblich.

,,Nein, nein, bitte nicht, tue das nicht nein, nein...!" flehte er unentwegt: ,,LEGT DEINE SCHEISSE HANDE AUF DEN TISCH!" die erbarmungslose Härte seiner Worte traff ihn mit der gleichen Wucht wie der Faustschlag zuvor. Wohl im wissen ihren Zweck nicht zu verfehlen. Nur zitternd kam er dem nach: ,,Du musst das nicht tun, bitte, bitte... Ich tue alles was ihr wollt..." Schlimme Wellen von körperlicher Furcht und schrecklicher Vorahnungen durchfuhren ihn. Mit versteinter Mimik fährt er fort sein Messer an Kellermann`s Finger zu führen...

Rohes gieren nach des niederen Triebe befriedigender Gewalt. Kaum von Schönheit zu unterscheiden. Die Darbietung des ausgeübten Sadismus welche sich mir bot war das Spiegelbild einer Voyeurismusgesellschaft in der ich stellvertretend für alle die Lust an der Grausamkeit frönte. Selbst um seinen "Auftritt" wissend, bekam man beim Anblick dieser Szenerie und dem lautlos vorgetragenem Aphorismus der Bhagavad Gita: ,,Jetzt bin ich zum Tod geworden, dem Zerstörer von Welten", meiner inneren Stimme Gänsehaut.

Meiner Gnade erlegen und ausgeliefert unterbreche ich das Geschehen: ,,Schöne Playstation hast du da... Die brauchst du doch sicher nicht mehr?!" Die Wahl meiner Worte fiel mit Bedacht. Aus des rasiermesserscharf agierenden Verstandes hoher krimineller Energie so ersonnen und gesprochen, den objektiven Tatmerkmalen des Raubes; der Aneignung einer Sache unter Ausnutzung seiner Gefahr für Leib und Leben mittels der Ausübung physischer oder psychischer Gewalt auf ihn, wenigstens unmittelbar, nicht zu entsprechen.

Gerissen grinse ich dazu.

Mike lässt von ihm ab. ,,Die ist kaputt, tut mir so leid, die ist kaputt, kaputt, tut mir leid... bitte... nehmt mit was ihr wo...." - ,,HALTS MAUL!" unterbreche ich ihn zischend flüstern, wie es an der Tür klopft: ,,Wer weiß von uns?! Wem hast du was gesagt??" frage ich eindringlich ,,Niemand, niemand, wirklich, ich schwöre es!" antwortet er leise.

In der vollkommenen Stille um uns wechselt meine Aufmerksamkeit nun zwischen ihm und seiner Wohnungstür. Inmitten des Schweigens dämmert mir langsam ein Verständniss dafür was hier gerade im Gange ist... Papam... Papam.. Es klopft erneut. Papam! Papam!!. Papam!!! Immer schneller. Immerschneller. Die eigene Atmung und den aufkommend hämmernden Pulsschlag außen vor, auf jedes Geräusch achtend, schleiche ich mich zur Tür. 140 Bpm drücken sich gegen meine Brust.

Schritte die Treppe hoch...,

Schlüsselklimpern...,

Ein Schnapper der ins Schloss fällt.

Erleichterung. Du schließt die Augen und versuchst tief durchzuatmen. Schwindelgefühl kommt auf. Jetzt nur nicht die Kontrolle verlieren! Nicht gut! Garnicht gut! Panikattacke. Fuck! FUCK!! Ganz dummer Zeitpunkt Großer... Oben angekommen verwandelt sich die Herzensangst welche dir den Rücken hinaufkroch in kalten Schweiß entlang deiner Stirn. Tropfen für Tropfen, beabsichtigend böse Tripparanoia in dir heraufzubeschwören. 

Jeden Moment würden die Cops hier einreiten und dich direkt in den Knast werfen. In Handschellen. Gefesselt. Ausgeliefert. Zu spät um auszusteigen, das war´s dann. Jemand muss den Gedankenkarusselbetreiber dieses verfluchten Rummelplatzes mit Schnaps abgefüllt haben denn es hörte nicht auf zu drehen. Game Over... STOP! Du musst HIER raus! Sofort! Schnappatmung setzt ein wie die Wohnung plötzlich beginnt auf dich zu stürzen. Reiss dich zusammen und denk nach, denk NACH, DENK NACH!!!

Mit der flachen rechten Hand knall ich Kellermann eine Schelle in die Fresse.

In Rage und von allen guten Geistern verlassen. So stark das sein Käppi wegfliegt: ,,WAG ES NIE WIEDER MICH ANZULÜGEN!!” werfe ich ihm vor. Aus jeder Faser seines Körpers, jeder verdammten Haltung und Bewegung kam die nackte Angst zum Vorschein: ,,Ich lüge nicht. Ehrlich. Ich lüge nicht. Ich weiss doch nicht wer das war. Glaubt mir bitte!" Mike setzt nach: ,,Verasch uns nich Kellerman. Besser du verarsch´ uns nich!” ...Er murmelt etwas auf arabisch vor sich her und gestikuliert Gebete bevor er wieder ins Deutsche wechselt... “Gott is´ meine Zeuge, Allah befiehl und ich gehorche. Zwing mich nich´ das su tun Kellerman..." Was den noch zusätzlich verstörte.

Es war nicht länger ein Spiel, es war choreographiertes Grauen.

,,Ehrlich, ich verarsch euch nicht, ehrlich..."

Ich erkannte die tiefe seelische Verletzlichkeit der letzen Minuten in seinen Augen. Die unsäglich verachtende Misshandlung an Gottes Schöpfung. Nicht der physischen Schmerzen wegen, die würden vergehen und vergessen werden. Die Zeit wird alle seine sichtbaren Wunden heilen. Allerdings vermochte es nicht einmal die Unendlichkeit selbst dass wieder lebendig zu machen was an diesem Tag starb.

Etwas unschuldiges... Der kindlichen Glauben und die Zuflucht in all das wunderbare das es zu bewahren galt, an alles was gut und richtig war in einem ungerechten, von Leid getränkten Leben. Die bloße Erwähnung eines Messers, unserer Namen oder irgendetwas in Verbindung mit dem was heute passierte würde in ihm zukünftig schreckliche Qualen auslösen und schweißgebadete Alpträume verursachen. Cluster von grässlichen Kopfschmerzvisionen darüber drängten sich schmerzend zwischen vorangegangenes Rachegefühl und bestehende Omnipotenzphantasien.

Die Wirkung der Drogen ließ nach, ich begann zu fühlen. Was auch immer von meinem kaputten Verstand jetzt noch übrig war schnürte mir die Kehle zu.

,,...Tu´das", pressen es meine Lippen gerade so hervor. Beinahe wehleidig. 

- Ich musste die Sache zu einem Abschluss bringen und zwar ohne mein Gesicht zu verlieren. Es gibt da einen Trick, in deinem Gegenüber die Illusion eines Augenkontaktes zu erwecken. Dazu betrachtet man den Punkt oberhalb der Nase, zwischen den Brauen -

,,nie wieder, du SCHEISSFOTZE!!", schreie ich ihn an, längst den Arm erneut erhoben.

Wie ein geprügelter Hund nimmt Kellermann schützend die Arme nach oben... ,,Das ist die Wahrheit, das ist die Wahrheit..!!” Panische Unterwürfigkeit umgab ihn.

Wirklich schlimme aber, an diesem Moment, war zu wissen dass er die Wahrheit sagte.

Irritiert schaue ich zu Boden und mir wird übel. Alles ist so falsch, so grundlegend falsch. Wollten wir nicht die krassen Gangster sein, war es nicht so?

Herzlichen Glückwunsch! DAS ist der Preis für den Respekt.

Indess spielt Mike lässig mit seinem Messer, klappt es ein und wieder auf. Den Zehenspitzen einer wunderschönen Balletttänzerin gleichkommend zu Tschaikoswki´s Schwanensee rotiert die Klinge an ihrer Spitze auf dem Tisch. Ohne mich dabei aus den Augenwinkeln zu verlieren verbleibt sein Blick gebannt bei den Pirouetten. ,,Ey Lulu, alles ok? Gehs´dir nich gut??" Ich fühl mich ertappt. Hatte er was gemerkt, könnte er mich tatsächlich gesehen haben?!? Unmöglich von seiner Position auf der Couch aus... Oder etwa doch? ,,WAS!? Neeein, alles cool. Keine Sorge..."

Ich bin unkonzentriert aber muss die Aufmerksamkeit von mir weglenken und wechsel das Thema ,,Wo ist deine Kohle, Kellermann?" frage ich jetzt geraderaus. Eine Kopfbewegung deutet Richtung des Tresens ,,D..., Dor.., Dort...", nur stotternd gelingt ihm die Aussprache der Wörter. Zielgerichtet geh ich darauf zu und bemächtige mich seines Portmonees.

(Gemeinschaftlicher schwerer Raub) Erledigt, Haken dahinter!

Führerschein, DAK-Karte, irgendwelche Zettel, Sparkassenkarte... ,,40€?! Soll das´n Witz sein? `N Scheisswitz??" verfluche ich diesen Bastard selbstgesprächeführend inbrünstig. Klasse, ich geh in Knast, mit 40€ in der Hand... Hah, träum weiter! 20€. Hälfte-Hälfte-und-so... denke ich mir noch.

Die Fratze des Clowns war uns gefolgt. In dem Trüben unseres Verstandes, unbemerkt aber immer da, lachte sie nun. Dies war ihre Manege und wir lediglich die Akteure darin.

,,Bis hierher lief alles gut, bis hierher lief alles gut, bis hierher lief alles gut..."

Aber entscheidend ist der Fall, sonder die Landung!

Es heißt jeder Mensch beherbergt 7 Dämonen in sich. Versuchte er uns ernsthaft mit lächerlichen 40€ abfertigen zu wollen?

Hatten wir nicht deutlich genug gemacht mit WEM er es zu tun hat?? Satan, der vierte Dämon heizte den Zorn an und schlagartig war klar was zu tun sei. Vergessen war mein einknicken von eben.

Harte Schale, harter Kern. Keine Anzeichen von Schwäche mehr!

Mit seiner Bankkarte in der Hand winke ich Mike zu bevor ich sie Kellermann herüberwerfe: ,,Na, noch jemand in der Stimmung für ´nen kleinen "Überfall" ?"

Der beißende Spott meiner Worte; jene bittere Verhöhnung unseres Opfers als Ankündigung der nächsten, unvermeidbaren Etappe auf einer entgleisten Geisterbahnfahrt hinab ins unendliche Nichts.

Längst den Halt der Schienen verloren und im freien Fall trudelnd ihrer gefährlichen Eigendynamik erlegen, endgültig die Gelegenheit verpassend auszusteigen...

Uns erdreistend in der fanatischen Überzeugung äonenalte Kräfte jenseits von Gut und Böse sowie deren Horizonte übersteigender Mächte beherrschen zu können, blieben wir weiterhin hochmütig.

Wer waren wir zu glauben Gott, den Teufel und alldem Mystifizismus des Universums dahinter überlegen zu sein? Leben und Sterben in Ursache und Wirkung auszutricksen? Sich gar über die elementare Existenz allen Seins oder Unseins zu stellen?

Wir spielten nicht mehr damit, wir spielten von nun an nur noch da mit...

Vergessen die Panik an der Tür, vergessen das mahnende Gewissen der letzen Minuten, vergessen sich daran zu erinnern was richtig und falsch gewesen war... Mike schnappt sich zwei Handy´s vom Couchtisch sowie ein Messer aus dem Block in der Küche und mit dem Befehl

,,! aufzustehen !”

ich mir Kellermann. Mike geht vorweg, er dahinter und ich sichere den Rückweg ab. Beim kommandoartigen Verlassen der Wohnung treffen wir auf Christin die gerade vom einkaufen zurückkommt.

(Zeuge Nr. 1)

Sie bleibt stehen, unsicher ein Urteil über das gesehene abzugeben oder sich in der Kürze des Augenblicks eine Meinung zu bilden grüßt sie mich. ,,Jetzt hat er ihn kennengelernt...", gehen ihr meine Worte vermutlich noch durch den Kopf.

Mit dem vom Boden, sich nun nach oben richtenden Blick zwinker ich ihr vertrauensvoll zu. Sofort weiss sie was abgeht und grinst ihrerseits. Ich schnappe mir mein Fahrrad dass nach wie vor im Gang steht und unsere ungleiche, für außenstehende wahrlich zutiefst verstörende, Ménage-á-trois begibt sich zur Haustür raus.

,,Bau´ bloß keine Scheisse, Man!" stutze ich Kellermann kurz angebunden noch zurecht als dieser mit Mike zu dessen Auto geht. ,,Die Sparkasse ist nur eine Strasse entfernt. Keine 5min... Denk daran!"

Ein letzter, anstachelnder Blick zu meinem Schwager ,,Mike?"

Wir nicken uns zu "Bis gleich!" und ich bin weg.

(Gemeinschaftlich erpresserischer Menschenraub) Erledigt, Haken dahinter!

Dort angekommen stelle ich mich ein paar Meter neben den Haupteingang und beobachte wie beide mit dem Auto vorfahren. Kellermann steigt aus und geht zum Bankautomaten. Er sucht etwas... Und sucht... Und sucht: ,,Ich finde meine Karte nicht..." - ,,Wo ist die?!" - ,,Weiß nicht, vielleicht noch in der Wohnung..." - ,,Warum ist die in der Wohnung und nicht hier?" - ,,Na, vielleicht habe ich sie da verloren..." - ,,Sicher das du sie verloren hast?" 

Er lügt: ,,Ähm, Ja...?!"

Trivial und eigennützig in den Absichten ergriff Mammon, der zweite Dämon Besitz von ihm. Seine Gier und Habsucht waren noch nicht bereit herzugeben was wir mit Gewalt nehmen wollten. Wie schnell doch die eigene Unversehrtheit für so etwas belangloses wie Geld in den Hintergrund rückt...

Trotz der Gefahr welche allgegenwärtig in der Luft lag, all dem Unheil dass bereits über ihn kam, des Unrechts und des Schaden für dass wir verantwortlich waren und den wir anrichteten. Dessen allen ungeachtet schien er plötzlich in einer Verfassung nie etwas dergleichen durchgemacht zu haben. Maskiert in Tun und Handeln verstellte er sich. Ein Lügner aber, erkennt seinesgleichen.

So wurde aus dem anfänglichen Bauchgefühl heraus im Verlauf des Verhörs dann mehr und mehr Gewissheit. Schon die Stasi wusste damals darum solange Fragen zu stellen bis sich die Geschichte eines Mannes der log, veränderte. Die fragende, sich nach hinten raus aufhellende, Intonation seiner letzen Antwort war immerhin ein erstes Indiz dafür gewesen. Misstrauisch verschränke ich die Arme: ,,Ist das so ja? Nun, dann erzähl mir die Geschichte mal rückwärts!" verdutzt schaut er mich an.

In mir breitet sich Zufriedenheit aus. Welche aber schnell Wut weicht...

Inmitten dieser Apokalypse, die nichts anderes beschrieb als ihre Wortbedeutung im eigentlichen, das zumvorscheinbringen dessen was vorher verborgen war, offenbarte sich im Menschen nun einmal mehr der wahre Charakter. Dort wo es in uns Ordnung gab, war immer auch Chaos und ohne die unverrückbare Wahrheit konnte keine Lüge gesprochen werden. Dem ewigen Dualismus zwingend folglich beinhaltet somit das eine IMMER stets das andere und niemand ist nur schuldig...

,,Du musst dich ja ganz schön sicher fühlen, hier draußen...? Vor den Kamera´s, in der Öffentlichkeit... Ein beschissener Lügner sagt "was!?" nuschel ich den letzen Part unverständlich vor mir her.

,,Wa..." Vor einer Antwort noch bekommt er eine Schelle mit der flachen Hand. ,,Halt die Fresse, Arschloch!". Und das muss geklatscht haben, an meinen leisen zischen der Worte kann es nicht gelegen haben dass nun um uns herum zwei Leute darauf aufmerksam wurden und herüber schauten. Erbost sehe ich beide an.

(Zeugen Nr. 2 & 3)

Sie gehen weiter. ,,Steig in deine Karre und bring die Karte ran...!"

Zurück im Auto spricht er kurz mit Mike und beide fahren los. Jetzt am Abend war es kühl geworden hier. Mein Atem gefror sogar schon leicht an der kalten Luft. Später müsste ich noch schnell einkaufen gehen, weil ich die nächsten Tage auf Montage wäre... Mal sehen ob ich alles zusammenbekomme; ,,Quark, Eier, Bananen, Cookies, Milch. Naja..., das nötigste eben. Oder schaff ich das vielleicht jetzt? Nee wird zu knapp” erzähle ich dem zufällig vorbeigekommenen Alexey.

(Zeuge Nr. 4)

,,Ach und weißt schon das ich Ende des Monat wegziehe. Jaja, nach Arnstadt. Mit meiner neuen zusammen... Wohnung haben wir schon. Passt, Ausbildung ist näher dran.” - ,,Ja, Fitnesscenter gibts dort auch, bin ich schon angemeldet denkst´n du, pünktlich zum 1. Dezember.” - ,,Scheiss AP halt, hier nervt einfach alles..., Schnauze voll von allem hier, is´ viel cooler dort. Kennt dich keiner. Ey sag ma´, hast du vielleicht Zeit mein Transporter zu fahren, kriegst auch was dafür...” - ,,Nich? Ach shit, naja...” - ,,Nee, kein Plan wo du dein Grass dann herbekommst, findet sich schon jemand oder kommst dann halt vorbei hahahaha... Keine Sorge bin ja nicht aus der Welt. Und sonst bei dir, Alles gut, ´macht´s Leben?” - ,,Mhh... Ja kenn ich noch, klar. Mhh... Achso ja? Ok... Mhh... Ok... Noar... Noar...”

Mittendrin statt nur dabei von vollkommen belanglosen, als Mike aussteigt und Kellermann wegfährt, breche ich die Unterhaltung ab ,,Wir quatschen nächstes mal weiter, ich muss los”

Mike erzählt mir er hat zwar seine Karte nicht mehr gefunden aber sie hätten einen Deal gemacht. Morgen würde er sich melden und uns dann "auszahlen".

(Versuchte schwere räuberische Erpressung) Erledigt, Haken dahinter!

,,Lass uns abhauen", schieb ich mein Rad neben mir her, irgendwie froh das alles zu Ende ist, für heute jedenfalls, aber auch sauer über seine Leichtgläubigkeit verlassen wir den Platz. ,,Der wird sich nicht melden, du hast seine beiden Handy´s..." meine ich zu ihm. ,,Ey Lulu, da´ hatte so einar scheisse Angs´ jez... Da´ meldet sich schon ögenwii, wörs du sehn... bleib cool Lulu. Siehs´ du dann. Bleib cool, mein Freund... bleib cool"

Für die nächsten Minuten waren wir die Kings... Uns selbst feiernd, noch vollkommen berauscht vom erlebten eben, die Beute teilend und verschwindend in einer finsteren Nacht.

Kellermann´s Martyrium ging zuvor, zurück in dessen Wohnung, weiter. Mike erzählte mir von einer weiteren "Show", ihm bedroht zu haben seine Finger abzuschneiden...

Es bedurfte 2 Wochen und einer Blutalkoholkonzentration von 2,4 Promille eh er zur Polizei ging und Anzeige gegen uns erstattete.



Published in: