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Szenenwechsel (Poetry Slam)


 

Vorwort: Ein Poetry Slam lebt vom gesprochenen Wort. Deswegen könnt ihr euch hier (https://www.youtube.com/watch?v=Q54yZ_xVWkU&feature=youtu.be) den Text auch nochmal anhören.

Szenenwechsel.

Eine Gruppe Jugendlicher, die seit Wochen zusammen arbeiten. Aus fremden sind bekannte und aus bekannten Freunde geworden. Wir machen keinen Unterschied. Wir lachen, tanzen, spielen zusammen. Wir kommen aus verschiedenen Ländern und haben nicht die gleiche Hautfarbe. Ich bin in Deutschland geboren und er in Afghanistan. Was uns verbindet geht über das, was ihr sehen könnt hinaus. Denn in den letzten paar Wochen haben wir die gleiche Freude und den selben Schmerz empfunden. Wir haben zusammen gelacht und geweint. Ich habe schon mal Angst gespürt, während er sie gelebt hat und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen fühlt sich seine Hand in meiner genauso warm, weich und vertraut an wie die meines deutschen Freundes.

Wenn ich meine Augen schließe, dann kann ich seinen Herzschlag hören. Ich spüre seine Haut an meiner und seine Geschichte, die tiefer geht als jede Berührung. Was uns im großen und ganzen unterscheidet ist, dass ich privilegiert bin und das bin ich nicht, weil ich besonders großartig wäre oder was besonders tolles geleistet hätte. Ich bin privilegiert, weil ich hier geboren wurde. Weil meine Familie hier lebt und ich hier aufgewachsen bin. Mir erlaubt ein kleines, rotes Buch Grenzen zu überschreiten, an denen er nur immer wieder hoch und runter rennen kann.

Und rennen, das kann er, das kennt er, das hat er sein Leben lang gemacht. Der Rhythmus seiner Schritte ist mehr er als die Sprache die er jetzt spricht. Wenn wir ganz leise sind, dann können wir diesen Rhythmus noch heute hören.

Lauf - Lauf - Lauf - Lauf - Lauf

Hinter ihm erklingen die Schüsse. Schneller laufen, laufen, laufen. Seine Mutter hat er aus den Augen verloren. Weiter laufen, laufen, laufen. Die Hand der kleinen Schwester fest umklammert. Laufen, laufen, laufen. Sie stürzt, er hört einen Schuss oder war es anders herum? Alleine weiter laufen, laufen, laufen.

Lauf um dein Leben. Sie ist gefallen, sie wird nicht mehr rennen doch du rennst, rennst, rennst. Bis an diese eine Grenze, die ich so problemlos überschreiten kann und die dir so hemmungslos verbaut wird.

Du bist so weit gelaufen, um jetzt hier anzukommen. Du möchtest bleiben. Du möchtest Heimat, Freunde, Liebe, Familie. Du möchtest ein Zuhause. All das, was du in deinem Land zurück lassen musstest. Heute bist du alleine und deine Tränen laufen im selben Rhythmus wie du damals.

Szenenwechsel.

Herzlichen Glückwunsch, du bist 18. Herzlichen Glückwunsch, das ist nicht die Nacht der Nächte und das ist nicht der Tag, auf den du so lange gewartet hast. 18, das bedeutet für mich Auto fahren, wählen gehen, Alkohol trinken und Zigaretten rauchen. 18, das bedeutet für dich das Flugticket zurück in dein Herkunftsland.

Dabei bist du seit einem Jahr und acht Monaten in Deutschland. Dabei hast du dich mit all den unbekannten Bräuchen und Sitten vertraut gemacht. Dabei hast du unsere Sprache gelernt und trotzdem fehlen dir jetzt die Worte um auszudrücken, was dieses Ticket für dich bedeutet.

Aber du bist mein Freund geworden und manchmal borgen sich Freunde ihre Worte.

Wenn dir deine Stimme genommen wird, dann bin ich für dich mit laut. Weil du nicht mehr für dich sprechen darfst, ich aber deine letzten Worte nicht vergessen kann. "Ich möchte doch nur bleiben, ich möchte doch nur auch mal glücklich sein."

Szenenwechsel.

Der Platz neben mir ist so leer wie der in meinem Herzen. Da ist keine Hand mehr die nach meiner greift und da sind keine Finger mehr, die die meinigen kreuzen. Mit ihm wurde die Wärme weggeschickt und alles was bleibt, ist dieser kalte, leere Platz neben mir.

Wenn ich heute an ihn denke, dann kann ich ihn noch immer rennen sehen und ich frage mich, wie weit ihn seine Beine noch tragen müssen, bis er den Frieden findet, nachdem er sich so sehnt. Ich frage mich, ob er schneller ist als die Schüsse auf sein Leben und ob er oder die Nachricht seines Todes abends sein Haus erreicht.

Letzte Worte, für den Fremden, der zum Bekannten und für den Bekannten, der mein Freund geworden ist. Ich hoffe, dass du irgendwann aufhören kannst zu rennen und dass du ankommst, dass deine Flucht ein Ziel hat und dass es dir gut geht. Dass ich dir irgendwann wieder in deine Augen gucken, deine Wärme spüren und deinen Rhythmus hören kann. Mein Freund, ich habe dich nicht vergessen. Willkommen in Deutschland. 



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