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Listen und Videos können einen Ort vielleicht erklären. Aber ihn lebendig machen: Das schafft nur das geschriebene Wort. 


Laura Elisa Nunziante

Sozialismus oder Tod: Ein letzter Blick auf Castros' Kuba  

Kuba wird touristischer, das amerikanische Embargo ist gelockert. Jetzt ist die Zeit, in der wir uns durch Geschichten erinnern sollten. An ein Land ohne Mc Donald's, Starbucks und der Volkswille zur uneingeschränkten Solidarität. 
 

Fernab von Oldtimern und Strandspaziergängen

Die Luft ist dick und klamm, man möchte sie auseinanderreißen, die Hitze dahinter ist kaum auszuhalten. In einer offenen Kabine sitzt ein dunkelhäutiger Polizist mit hellblauen Augen und blättert durch meinen Reisepass. Mit einer Webcam macht er ein Foto von mir. 

„Did you have nice flight?“ Ich habe nicht den Eindruck, dass er mir diese Frage aus Gründen der Staatssicherheit stellt. 

"I am so afraid of flying", antworte ich.

"You're beautiful." Er zwinkert mir zu. 

Vor dem Gebäude werde ich direkt von ein paar Taxifahrern angesprochen.              „Taxi, Taxi,“ rufen sie unentwegt. Das hier ist das Gegenteil der Silvesternacht für die deutsche Taxiindustrie. 

Ich entscheide mich für den Fahrer in einem weißen Kombi, dessen Licht auf der einen Seite schwach ist und auf der anderen Seite gar nicht vorhanden. Es ist dunkel, nur das helle Licht des Mondes fällt in seinen Rückspiegel. Als ich keine Anschnallgurte finde und ihn darauf aufmerksam mache, lacht der Fahrer mich aus. Laut und lange lacht er, und ich lächle müde. Während der Fahrt lässt er immer wieder den Motor ausgehen, so richtig scheint die Batterie seines Wagens nicht zu funktionieren, besonders dann nicht, wenn er zuvor stark abbremsen musste, weil ein Landsmann seelenruhig über die Autobahn spazierte. 

Vierzig Minuten später halten wir vor meiner Ferienwohnung. Es ist ein Bungalow, zwei Königspalmen stehen im Vorgarten; die Fenster und Türen sind mit dicken, schwarzen Gittern abgeriegelt. Der Fahrer möchte 40 CUC von mir, noch weiß ich nicht, dass das Verlangte völlig überteuert ist, aber ich will zahlen, sage ihm, dass ich nur einen 50 CUC Schein dabei habe. Er zuckt mit den Schultern, das wäre dann wohl mein Pech, Wechselgeld habe er nicht. Also gebe ich ihm die sowieso schon überteuerten 50 CUC und schicke ihn zum Teufel. 

Das große Eisentor öffnet sich. Ein älterer, kleiner Mann mit einer viel zu großen Hornbrille steht vor mir.

"Did you have a nice ride with the taxi?"

"Geht so", antworte ich. "But I love your home."

Es ist Fanjul, der Vermieter dieses casa particulares, so nennt man hier die Zimmer und Wohnungen, die von Privatfamilien an Touristen für etwa fünfzehn Euro die Nacht vermietet werden. Er ist fröhlich, will mir jetzt schon jeden Wunsch von den Augen ablesen. 

"Bitte alle Türen ständig immer schließen", weist er mich in gebrochenem Englisch an. Wegen der Mosquitos, wegen der Kleinkriminellen – er macht dort keinen Unterschied. Das Schlafzimmer ist gefliest und mit einem robusten Holzbett ausgestattet. Die Küche ist ein Treffpunkt für Ameisen. Aber egal, ich bin glücklich, bin unterwegs, in der Welt, Erdenbürger, irgendwie. 

"Wenn du willst Brot kaufen, ist schlecht", sagt Fanjul. "Im Moment, wir bekommen keine Brot auf diese Insel." 

"Das ist nicht schlimm", sage ich. "So lange ihr Zigaretten habt."

"Immer", sagt Fanjul. "Sonst es gibt Revolte."

Als er geht, lasse ich mich aufs Bett fallen.

Stunden später – es muss mitten in der Nacht sein – dreht unser Nachbar seine Boxen so laut auf, dass ich meine, diese stünden direkt neben mir. Eine aufdringliche Männerstimme singt laut zu einem obszönen R’n'B Song. Ich gehe nach draußen und setze mich auf einen Schaukelstuhl. Jede Minute erwarte ich, dass eine Ingeborg Schneider mit einem Nudelholz auftaucht und droht, die Polizei zu rufen, aber stattdessen lerne ich ihr kubanisches Äquivalent kennen: eine etwa 80-jährige Dame in Hotpants und einem pinkfarbenen Spaghetti-Top. Sie stellt sich zwischen die Tanzenden und bebt mit den Hüften. "Appa", ruft sie, immer wieder. 

Am Morgen lese ich im Reiseführer, den ich immer dabei habe, dass dicke Stereoanlagen zum Standard eines jeden kubanischen Haushalts gehören. In der Tat, als ich mir bei zweiunddreißig Grad die Nachbarschaft anschaue, fehlt vielen Bewohnern zwar ein Kochtopf, aber sie alle besitzen fast ausnahmslos eine Stereoanlage und zwei riesige Boxen, die im Vorgarten stehen. Ich gehe bis zum Ortskern von Guanabo. Die Sonne knallt mir auf den Rücken, ich schnaufe beim Gehen. Das Meer rauscht, es hält mich über Wasser. Auf dem Weg hupen mich immer wieder blaue, rote oder gelbe amerikanische Chevys an, manche  Fahrer tragen einen Cowboyhut. Sie nehmen wahllos Menschen mit, die auf der Straße warten. 

"Do you wanna come?" Einer bleibt jetzt neben mir stehen.

"Warum nimmst du diese Menschen mit", frage ich ihn.

"Wir müssen alle mitnehmen, die sich kein eigenes Auto leisten können", erklärt er. "Das ist vom Staat so vorgegeben."

Solidarität als Staatsräson. Unmöglich bei 86 Millionen in Deutschland. Ich winke ihm freundlich und gehe zu Fuß weiter. Mit meiner weißen Haut bin ich eine Ausnahme, ich falle als Tourist auf; bin Geld- und Interessenobjekt zugleich. Ich komme an einem Supermarkt vorbei. Der Korb, in dem das Brot liegen soll, ist tatsächlich leer. Das „Café Maryland“ nebenan ist eine kleine Wellblechhütte, die mit Gittern abgeriegelt ist. Von hier aus riecht es bis über die Straße nach heiß gekochtem Öl. Ich habe Hunger, suche nach CUC-Preisen, stattdessen finde ich auf der Karte nur ein Dollar-Zeichen. Überall gilt: Wer spanisch kann, ist in Kuba ein gern gesehener Gast. Englisch wird hier weder gut noch gerne gesprochen, aber ich bekomme zwei Tortillas, heiß-dampfend, etwa dreißig Minuten später. Als Wechselgeld erhalte ich Pesos, die eigentliche Währung in Kuba, das moneda nacional. Ich habe für ein Tortilla umgerechnet zwanzig Cent bezahlt. 

Jetzt halte ich 230 Pesos in der Hand und weiß nicht, wohin damit. Eine Kubanerin, bei der ich nachfrage, erklärt, dass der nationale Peso nichts wert sei, ein Fall für die Mülltonne. Milch, Rum, Zigarren, Kaffee – die Grundnahrungsmittel der Kubaner – bekäme man nur für CUC. Das sind die Pesos convertible, das Geld womit sich die reichen Touristen die Bäuche einreiben. Der CUC sei das, wonach jeder Kubaner strebe, den er aber nie vom Staat bekommen werde. Ich frage sie, wie sie es schafft, ohne diesen zu leben, wenn es doch fast nur Brot und Wasser dafür gäbe.

„Welcome to Cuba." Sie grinst. Ich sehe, dass sie nur noch zwei Zähne im Mund hat. "Manchmal tauschen wir mit den Nachbarn." An einer Hauswand hinter ihr entdecke ich ein gemaltes Bild von Che Guevara. Darunter steht in roter Schrift: „Socialismo o muerto.“ 

Ein blauer Chevy nebelt mich mit schwarzen Abgasen ein. Zwei ältere Frauen diskutieren lautstark auf einer Parkbank. Ich sehe den Parque Central und riesige, kolonialistische Gebäude, die dem Anblick europäischer Hauptstädte in nichts nachstehen. Ein Hund mit einem halb abgebissenen Ohr läuft neben mir her. Eine Prostituierte zieht einem Jugendlichen die Hose herunter und begutachtet, was sich darunter verbirgt; die Polizei steht nur wenige Meter daneben.

Ich bin jetzt in La Habana. Havanna ist die letzte Station meiner Reise.

Ich checke in ein casa particulares im Stadtteil Old Havana ein. Da ich nicht mehr in der Provinz bin, kostet das Zimmer 30 Euro die Nacht. Es hat pinkfarbene Wände und einen kleinen Kühlschrank, in dem ich meinen letzten Rum verstaue. Ich habe es mir angewöhnt, mir um zehn Uhr morgens einen cuba libre zu genehmigen. Nenne man es die Vorstufe zum Alkoholismus – auf Kuba sehe ich es als eine gesunde Einstellung zur Integration.

Mit einem Wagen des staatlichen cubataxi fahre ich am Nachmittag aus der Stadt heraus. Ich will nach San Francisco de Paula, Hemingway’s Finca besichtigen. Heute sollte ich die vielleicht berühmteste Schreibmaschine der Welt zu Gesicht bekommen. Der schwarze Fahrer lächelt freundlich, er trägt ein sauberes, weißes Hemd und eine Cordhose. Gefühlte Stunden später fahren wir auf das Anwesen Hemingways. Ein Trecker steht willkürlich auf einem Feld im anliegenden Wald. 

"Den hat Hemingway besoffen vergessen", witzelt der Fahrer. Er stellt den Wagen ab und schickt mich die Treppen zur Finca hoch. Alle Fenster sind weit geöffnet, aber in das Haus darf der Besucher nicht. Es ist mit Stoffbinden abgesperrt und ich wage einen Blick hinein. An den Wänden hängen unzählige Jagdtrophäen, sogar Elche und Wildschweine gaffen herunter. Bücher und Magazine sind ordentlich in ein Regal eingereiht und ein charismatisches Bild des Schriftstellers, der die amerikanische Literatur revolutionierte, hängt direkt über dem Alkoholschrank. Die Zimmer sind ordentlich und sauber hinterlassen worden. Mochten die anderen Touristen doch an seine Reinlichkeit glauben, ich hatte schon immer den Tumult seines Herzens zwischen den Zeilen herausgelesen.

Anliegend an das Haus liegt ein Turm von etwa zehn Metern Höhe. Von hier oben kann man in der Ferne La Habana erkennen. In der Mitte des kleinen Raumes steht ein schwerer Holzschreibtisch. Darauf: Hemingway’s Schreibmaschine. Zuhause hatte ich mir ausgemalt diese einzustecken und damit unbemerkt das Land zu verlassen; ja ich war bereit, deswegen fortan im Exil leben zu müssen! Aber auch hier wird mir der Eintritt verweigert und eine Kubanerin, die den Turm bewacht, fragt  freundlich, ob sie  mit meiner Kamera ein Foto von der Schreibmaschine machen soll. Nachdem sie fertig ist, bittet sie uns mich um ein presenta; sie will Geld für diese Dienstleistung.

Auf der Rückfahrt wird mein Fahrer gesprächig. In jedem Häuserblock gibt es einen sogenannten presidente, ein Mann der Partei, der dafür sorgt, dass der regimekritische Kubaner innerhalb kürzester Zeit aus der Nachbarschaft verschwinde, erzählt er mir. 

"Warum bist du dir so sicher, dass du mir diese Geschichte anvertrauen kannst?", frage ich ihn. Schon oft hatte ich davon gehört, dass Kubaner, die zu viel mit Touristen über ihre Regierung quatschten, im Gefängnis gelandet waren. 

"Ich bin ein großer Verehrer Hemingways", sagt der Fahrer und wir reden über einige seiner Kurzgeschichten, besonders aber über die aus dem Erzählband Schnee auf dem Kilimandscharo. 

Im El Floridita, das die Kubaner als Hemingway’s Lieblingsbar feiern, trinke ich am Abend einen überteuerten Daquiri. Die Vorhänge sind aus rotem, schweren Samt; die Theke mit eingebauten Lichtern verziert. Ich treffe hier ausschließlich auf Touristen.

"Hemingway würde sich im Grabe umdrehen", sagt ein junger Mann in einem dunklen Sakko neben mir. Er hält eine Zigarre zwischen den Fingern, die Mundwinkel ragen nach unten. Er notiert etwas in einen Block, der vor ihm liegt.

Als ich die Bar verlasse, die Klänge der erzwungenen Gute-Laune-Musik noch im Ohr, übergibt sich ein betrunkener Kubaner direkt vor meine Füße. Etwa acht Taxifahrer fragen mich, ob ich bei ihnen mitfahren will.

„Jetzt nicht!“, fahre ich sie an. 

Ein Kubaner in einem orangenen Shirt und einer Flasche Rum unter den Achseln stellt sich neben mich.

„Don’t worry, be happy,“ sagt er. 

Ich will ihm danken, aber er hält seine Hand auf. Auch für seinen Rat soll ich bezahlen. 

Später setze ich mich mit meiner letzten Flasche Rum an den Malecon und feuere die Sonne beim Untergehen an. Hinter mir sehe ich die historischen Kolonialgebäude und weiter dahinter die bröckelnden Steinhäuser, in denen das echte Kuba mit seiner Armut und Verzweiflung wohnt. Niemand hatte mich vorher über die Schattenseiten dieses Landes aufgeklärt. Ich war zu naiv gewesen, hatte Kuba nie als das betrachtet, was es war: Ein Land, in dem politische Tyrannei seine Bewohner zu Maden machte. Maden, die der Partei hinterher kriechten, um irgendwann trotzdem von ihnen ins offene Meer geschmissen zu werden. 

Ich schaue ein letztes Mal in meinen Reiseführer. Er zeigt mir bunte, amerikanische Wagen und alte Männer, die Zigarren auf Parkbänken rauchen. Er erzählt von glücklichen Kindern, die mit Fußbällen auf restaurierten Straßen spielen. 

Dann werfe ich das Buch ins Meer und proste zwei Jugendlichen neben mir zu. Sozialismus oder der Tod. Anders geht es hier nicht. 



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