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Offene Türen

So wie Goethes Faust um des Strebens Willen strebt, so suchen wir um des Suchens Willen. Nach Sicherheit. Nach Freiheit. Nach Glück. Nach uns.

 

Die Sonne scheint mir ins Gesicht, der Wind bläst mir sanft über die Haut. Es ist Sommer; für viele die Zeit voller Jubel, Trubel und Heiterkeit. Auch mir könnte es so gehen - wäre da nicht die Angst vor dem Unbekannten.

Mein Name ist Johanna, ich bin fast 19 Jahre alt und so gut wie fertig mit dem Abitur. Meine letzten Schulwochen sind geprägt von gut gemeinten, interessierten Fragerunden. "Und, was wollen Sie nach dem Abi so machen?" Meine Ahnungslosigkeit wird vom umliegenden Redeschwall ertränkt: Der eine macht hier ein FSJ, der andere da ein Praktikum, der nächste dort ein duales Studium. Alles tun, um den Lebenslauf aufzuhübschen.

Das Gerede, bei dem ich insgeheim hoffe, dass es sich nur um einen massiven Bluff auf allen Fronten handelt, erschlägt mich beinahe völlig, sodass ich mich zurückziehe - wie sooft in die freie Natur. Als Einzelkind konnte ich schon immer gut alleine sein, habe es schon immer genossen, in Ruhe Kleinigkeiten auf mich einwirken lassen zu können, an denen andere Menschen ahnungslos vorbeigingen. So auch heute.

Geistesabwesend starre ich auf den Fluss, der mir zu Füßen liegt, während die ersten warmen Sonnenstrahlen die Eisfassade aufzutauen versuchen, die ich mir während solchen Fragerunden immer aufs Neue aufbaue. Das Wasser wirkt zwar ruhig und unscheinbar, doch die Strömung trägt alles unter mir fort, was sich nicht widersetzt. In Windeseile ziehen Äste und Enten an mir vorbei und wie so oft habe ich das Gefühl, als ob die Zeit ebenso schnell dahinfliegt.

Das Problem an der heutigen Zeit? Die Vielfalt.

Das mag zunächst paradox klingen, doch die vielen verschiedenen Wege, die man als junger Mensch heutzutage einschlagen kann, können auch immensen Schaden anstelle der versprochenen Hilfe für jeden bringen. Sie sind Teil eines Labyrinths, in dem jeder auf sich alleine gestellt ist, jeder für sich selbst kämpft. In ihren Grundzügen wirkt die Aufgabe einfach: Sammle so viele Trophäen wie du kannst, aber komm bloß nicht vom Weg ab, der von dir erwartet wird. Nur dann erreichst du das Ziel. Und je schneller du bist, desto eher wirst du belohnt. 

Doch was ist mit denen, die auf der Strecke bleiben? Die den Weg vor lauter Trophäen aus den Augen verlieren und womöglich sogar im Kreis laufen, sodass sie zwar wieder am Anfang angelangt sind, dafür aber wichtige Zeit verloren haben? Und was ist mit denen, die es aus Angst vor so einem Schicksal gar nicht erst wagen, das Labyrinth zu betreten? Zu Letzteren gehöre ich. 

Ich bin auf der Suche nach einem Weg für mich. Er muss mich nicht an ein Ziel bringen, wo ich mit ausufernden Boni belohnt werde. Aber überhaupt zu irgendeinem Ziel zu kommen, zu einem Punkt, wo ich glücklich sein kann, weil mir Sicherheit, weil mir ein Job gegeben wird, der mich erfüllt - das will ich. 

Doch gerade wenn sich Zuversicht und Ehrgeiz einstellen, kommt die Ahnungslosigkeit zurück. Natürlich warten an jeder Ecke gute Ratschläge, wenn man sich dann doch mal traut, die eigene Unsicherheit zuzugeben. "Das wäre doch vielleicht was, oder der Bereich, oder die Firma... halt dir am besten mal alle Türen offen."

Doch was heißt das überhaupt, sich alle Türen offen zu halten? Dass man willig und aufgeschlossen gegenüber jeder möglichen Stelle sein soll? Also genauso wenig konkret bleiben, wie man bisher schon war? Doch was ist mit den Türen, die noch gar nicht offen sind? Mit Bereichen, die ich noch gar nicht kenne? Es sind zu viele. Wie ein unerforschtes und riskantes Universum im Gegensatz zu der allgemein bekannten und generell als sicher geltenden Milchstraße. Und allein die schiere Masse an Angeboten führt in mehr als fünfzig Jahren zwangsläufig zu Selbstzweifeln, an denen nicht mehr gerüttelt werden kann.

"Hätte ich mich damals doch bloß mehr umgeschaut."
"Wäre ich damals doch bloß weltoffener gewesen."
"Hätte ich mich damals doch bloß nicht immer gleich verschlossen, vielleicht hätten andere mir dann die entscheidende Inspiration geben können."

Aber gibt es vielleicht doch eine Rettung aus der Ahnungslosigkeit? 

Jein. 

Sie kommt nicht in Form eines Rettungsrings, den man auswirft und sofort zurück aufs sichere Boot gezogen wird. Stattdessen kommt sie langsam. Aber sie kommt.

Mit jedem Auslandsaufenthalt, jedem Praktikum, jedem angefangenen und nach einem Semester glorreich wieder abgebrochenen Studium.

Sie kommt in Form des Ausschluss-Prinzips.

Erfahrungen zu sammeln kostet zwar Zeit, aber wenn man dafür seinem Ziel immer näher kommt - dem Job, der einen jeden Tag aufs Neue erfüllt - dann investiere ich sie lieber in die berüchtigte Selbstfindung. Denn die Alternative - BWL-Studium mit 19, Bürojob mit 24, erste Rente und Erholung für den ohnehin schon kaputten Rücken mit 67 - wirft weitaus mehr Nörgeleien und Selbstzweifel auf, wenn man es sich dann mal wieder zum Nachdenken am Fluss gemütlich gemacht hat. Egal in welcher Stadt. Egal ob mit Rollator auf der Brücke oder halbwild im Unterholz.

Die Suche nach dem perfekten Job, nach der Bestimmung, der man mit Herzblut nachgehen kann und will, ist endlos und getränkt in Rückschläge, Selbstmitleid und ständige Zweifel. Doch wie sagte schon Konfuzius? Der Weg ist das Ziel. Egal wie steinig oder lang er ist, er offenbart immer wieder neue Nischen, die nicht nur die Reise als solche bereichern sondern uns auch zu uns selbst finden lassen. Wir erfahren Dinge über uns und unsere Umwelt, die sonst im Druck des Alltags und der Gesellschaft untergehen. Wir trauen uns endlich Dinge, die vorher unvorstellbar waren. Wir sind wir selbst, unabhängig von Konventionen.

So wie Goethes Faust um des Strebens Willen strebt, so suchen wir um des Suchens Willen. Nach Sicherheit. Nach Freiheit. Nach Glück. Nach uns.

 



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