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Ich muss nicht suchen - meine Vergangenheit holt mich ein 

Wie ist das Leben in einem goldenen Käfig. Wie lebt es sich wenn man in etwas hineingepresst wird?

 

#AufDerSuche

Wofür?! Wofür?! Wofür mach ich das alles?! Ich arbeite von morgens bis spät abends und wofür das

ganze? Ich sehe meine Familie nicht, ich habe keine Zeit mehr für mich und obwohl ich nur noch arbeite
läuft die Praxis nicht.
Ich habe vor zwei Jahren das letzte Mal Sport gemacht. Ich wollte dieses Jahr in Moskau den Marathon
mitlaufen aber ohne Training brauche ich daran keinen Gedanken zu verschwenden. Wenn man vor dem
Spiegel steht und beim Zähneputzen alles schwabbelt, hilft es auch nicht den Spiegel höher zu hängen. Ich
bin gesund eitel und ich hatte vor nicht allzu langer Zeit noch ein Sixpack. Ich bin nicht rumgelaufen und
habe es jedem gezeigt aber ich habe mich wohlgefühlt. Und jetzt…? Ich habe keine Zeit mehr, mich um
mich zu kümmern.
Ich lebe in einem goldenen Käfig. Es war die größte Fehlentscheidung in meinem Leben wieder zurück nach
Deutschland zu gehen. Das war ein absoluter Fehler! Mein Vater wollte nur mein bestes und er hat damals
zu mir gesagt:“ Deine Brüder sind Taugenichts und du wirst unsere Arztdynastie aufrechthalten.“ Eigentlich
wäre ich lieber Schauspieler in Hamburg geworden. Aber mein Vater schlug mir diesen Wunsch ganz
schnell aus dem Kopf. „Von der Hand in den Mund leben.“ „Sieh dir deinen Onkel an.“ „Das lass ich nicht
zu.“ „Du machst Abitur und lernst etwas Anständiges.“ Und jetzt sitze ich hier und sehne mich so sehr nach
Tansania zurück. Ich kann es nicht ertragen, dass alle von mir erwarten, dass ich mich über meinen
Doktortitel profiliere. Sicherlich gibt es mir ein Stück weit Befriedigung wenn ich einer Frau zu neuem
Selbstbewusstsein durch meine plastische Arbeit verholfen habe aber es füllt mich nicht vollständig aus.
Ich will wieder für die arbeiten, die sich
selbst nicht schützen können. Wie habe ich
die Verhaltensforschung der Bonobos
damals geliebt oder das Nashornprojekt an
dem ich mitgearbeitet habe. Ich möchte so
gerne zurück da wo meine Seele zuhause
ist. Aber meine Frau will nicht. Ich habe meine
Seele verkauft und mich selbst eingesperrt.
Mein eigener goldener Käfig. Wenn ich
gewusst hätte was auf mich zukommt, wäre
ich kein Familienvater geworden. Ich habe
Existenzängste, arbeite so viel, buckel
mich krumm, bin unglücklich in meinem
Beruf. Ich will frei sein. Nur mit Flip Flops ohne Prada Sonnenbrille durch die staubige Steppe laufen. Die
Big five beobachten. Unterhalb des Äquators entspannt leben. Frei vom Sozialprestigedenken, frei von
gesellschaftlichen Erwartungen, frei von Vorurteilen. Mit wem soll ich mich hier identifizieren? Mit
radikalen Muslimen? Juden, die den Holocaust für ihre Zwecke ausschlachten. Fanatischen Christen? Wer
bin ich denn? Syrer, Deutscher, Franzose oder doch Pole? Meine Eltern sind multikulti und mir fällt es
womöglich leichter, Menschen fremder Herkunft, anderer Religion usw. mit offenen Armen zu empfangen
aber wer bin ich? Wo bin ich zuhause? Ich fühle mich nirgends wirklich zuhause. In Frankreich nicht, in
Polen schon gar nicht, in Syrien falle ich am wenigsten durch mein Äußeres auf und Deutschland? Hier bin
ich geboren aber nach 43 Jahren sagen mir die Menschen:“ Das ist gelungene Integration! Sie sprechen
ausgezeichnet deutsch!“. Und was mache ich dann?! Ich schweige und mache eine Faust in der Tasche. So
will ich nicht mehr leben. Nicht in Deutschland und nicht als Arzt.
Ich fühle mich nur in Tansania zuhause, akzeptiert, geliebt, geachtet, respektiert und vor allem weiß ich nur
dort, wer ich bin.


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