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Mein Nachbar ... eine Begegnung der besonderen Art

Die Begegnung mit meinem Nachbarn, kurz vor und kurz nach dem Tod seiner Frau und wie sich alles für ihn weiterentwickelte und er sein neues Glück fand. 

 

Copyright Andrea Riemer, 2017

Ich erinnerte mich an unsere erste Begegnung – was für ein beeindruckender Mann … gebildet, gepflegt, charmant, einnehmend, kommunikativ, eloquent, weit gereist. Vor wenigen Wochen war ich in meine neue Bleibe in Berlin gezogen. Nach fast 30 Jahren in Wien, mit vielen kleineren Unterbrechungen, hatte ich nun ein neues zu Hause gefunden, wie ich später feststellte – mein erstes tatsächliches zu Hause.

Das Haus, klein, jeder kennt jeden. Im Stockwerk ober mir lebte mein Nachbar mit seiner reizenden Frau. Unsere erste Begegnung bei meiner Vorstellungsrunde durch das Haus wurde von ihm so positiv wahrgenommen, weil ich nach Jahren die erste war, die diesem alten Brauch folgte. Wir waren einander vom ersten Moment an sympathisch. Seine Frau hielt sich dezent im Hintergrund, während wir uns angeregt unterhielten. Damals wusste ich nichts um ihre schwere Erkrankung. Ich war von der Sympathie eingenommen, von der Herzlichkeit, die in Berlin nicht unbedingt selbstverständlich ist, von seinen beruflichen Engagements. Rasch stellten wir einige Parallelitäten fest – und das verband natürlich.

Und dann, an diesem Abend im November, einige Monate nach unserer ersten Begegnungen, der einige weitere kurze Momente im Stiegenhaus folgten … Scheu, den Kopf nach unten gebeugt, stand er vor meiner Wohnungstür im Halbdunkel – das Licht im Flur gab nicht so viel her, als dass man mehr als eine Silhouette erkennen hätte können. Das Läuten war kurz – nur nicht stören, bitte nur keine unangenehmen Fragen zum Gesundheitszustand der todkranken Frau. Rasch abholen, was unbedingt sein muss, dann wieder weg sein, gehen, sich wegschleichen, flüchten.

Scheu, einfach nur scheu. Kaum ein paar Worte kamen ihm über die Lippen. Da stand er – in weiten Hosen, ausgeleiertem Pullover – bordeaux, ein wenig vernachlässigt, der Kragen des hellblauen Hemds sah etwas verdreht hervor. Die Haare – etwas wirr, konnte auch vom Wind, der an diesem Tage herrschte, herrühren. Schade – ein intelligenter, einnehmender Mensch war er, als ich meine Wohnung bezog. Charmant, gebildet, umgänglich. Die Frau – zerbrechlich, bestimmt, kraftvoll. Ich merkte nichts von ihrer Erkrankung, die im letzten Winter wieder schlimmer geworden war.

So stand er vor mir – ich war noch in Gedanken bei meiner Arbeit. Spät war es geworden. Meine Augen brannten ein wenig. Ich blinzelte, wusste beim Läuten der Türglocke bereits, was er wollte. Ich hatte ein Paket für ihn übernommen. Das ist nach wie vor unausgesprochener Teil der Nachbarschaft in unserem Haus. Der Inhalt dieses Pakets – er schien ihm peinlich, unangenehm. Sauerstoff für die kranke Frau. Ich konnte nicht verstehen, was da peinlich dran sein soll. Natürlich war ich nicht in seiner Lage, war nie mit einem kranken Menschen, der einen das ganze Leben begleitet hatte, mit dem man sehr viel, vielleicht nicht alles, jedoch das meiste geteilt hatte, zusammen gewesen.

Und dennoch schwang Mitgefühl in mir, als ich diesen Mann gebeugt vor mir stehen sah. In Sekunden gingen Bilder durch meinen Kopf. Ich hatte auch Menschen, die mir nahe standen, verloren, plötzlich, unvorhergesehen. Was war einfacher, kurz und schmerzlos oder aber ein langsamer Abschied? Ich konnte es in diesem Moment nicht beantworten. Beides hatte ich im engsten Kreis erlebt. Abschiede sind immer etwas Besonderes – auch wenn sie immer den Neubeginn in sich tragen. Abschiede tun meistens weh – außer man möchte den anderen loswerden. Dann ist der Abschied gleichzeitig eine Befreiung.

Nichts von dem spürte ich bei meinem Nachbarn. Dankbar übernahm er das Paket. Ich lächelte ihn aufmunternd an. Er konnte es nicht nehmen, das geschenkte Lächeln. Schade. Das Paket schwankte ein wenig in seinen schlanken, sehr gepflegten Händen. Seine Augen nach unten geschlagen, ein leises Danke murmelnd, drehte er sich langsam um. Gleichzeitig spürte ich, dass er nur weg will, nur keine Frage zu seiner Frau, nur keinen Gruß an sie, denn dann müsste er vielleicht erklären, wie es ihr ging.

Mit dem Paket in der Hand flüchtete er die Stiegen hinauf. Überraschend schnell stieg er die Stufen im Schatten des Ganglichts hinauf. Ich schickte ihm dennoch einen leisen Gruß an seine Frau nach. Er bedankte sich still verneigend. Dann verschwand er auf der oberen Treppe.

Langsam schloss ich die Türe. Ich war berührt von der Begegnung, betroffen, von der Traurigkeit, die herüberschwappte, von der unausgesprochenen Hoffnungslosigkeit.

Dabei haben wir doch vom ersten Atemzug an vereinbart, dass wir wieder gehen – ohne den Zeitpunkt zu kennen, ohne die Umstände bestimmen zu können. … Und dann wollen wir doch nicht lassen – weder uns, noch den anderen.

Ein paar Wochen später: Schleppend kam er die Stufen herauf, mein Nachbar aus dem ersten Stock, den Kopf gesenkt, das weiße Haar wirr, zerrauft. Ein wenig durch den Wind wirkte er, etwas ungepflegt. Einige wenige Monate waren seit unserer letzten Begegnung, als er die Sauerstoffflasche für seine Frau abholte, vergangenen. Er wirkte noch kleiner, noch mehr in sich verschlossen.

Die Frau – vor kurzem verstorben, nach Jahren des Leidens – erstickt am Nichtlebenwollen. Fast 50 Jahre Gemeinschaft sind beendet – es war erwartbar gewesen und doch – als es eintrat, trat auch der Schmerz des Gehens ein. Nun ging es ans Abschied nehmen. 

Unsere Begegnung war kurz. Ich spürte seine Traurigkeit. Hoffnung, die Hoffnung sei gestorben. Glaube, Hoffnung, Liebe – die Hoffnung sei von ihm gegangen – so meint er tonlos. Seine Stimme war gedämpft, gefasst. Wie es in ihm aussah, wagte ich nicht zu fragen. Immer die Hoffnung, die enttäuschte Hoffnung.

Ich spürte, dass Schweigen die passendste Antwort ist. Jedes Wort wäre ein Wort zu viel gewesen. Es war der Blick in diese Augen, der mehr tröstete als jedes Gefasel. Es war der feste, ehrliche Händedruck, der berührte. Das war mir im Moment klar. Er konnte nichts so recht nehmen. Dazu war alles zu frisch, zu schmerzhaft – und doch würde dieser Zugang nicht nur ihm das Geschehene erleichtern.

Die Hoffnung bleibt ebenso wie der Glaube und die Liebe. Nichts kann verloren gehen. Vielleicht kann es vergessen werden, nur – verloren gehen ist nicht möglich.

Die geschäftigen Vorbereitungen rund ums Abschiednehmen, die Trauerfeier, das Begräbnis, das Auf- und Ausräumen des gemeinsamen Lebensraumes, vielleicht auch davon Abschiednehmen – das lenkte ihn ab. Die empfundene Leere blieb - auf der physischen Ebene. Sie ließ sich nicht ersetzen oder gar füllen. Der Platz im Herz ist und bleibt besetzt – selbst wenn sich jemand Neuer findet – nach Jahren. Und das ist gut so – denn nichts und niemand geht verloren – die Verbindung bleibt, weil sie immer da war, ist und sein wird.

Und heute … heute hat er längst eine neue Partnerin gefunden … was für eine Freude … für die Liebe es nie zu spät und keiner von uns ist je zu alt dafür.  



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