published in '24hDeutschland von Juptr' on Juptr.io

0
0


KoenigindesAlltags

Die sprachlose Königin des Alltags, die das Sprechen lehrte


Eine Postkarte mit dem Titel „Königin des Alltags“ schenkten mir einst zwei wertvolle Kolleginnen und dieses wundervolle Kompliment von zwei überdurchschnittlich empathischen und weisen Frauen konnte treffender nicht sein. So hüte ich bis heute meinen Schatz, um die Königin zu bleiben.

Die Königin war mittleren Alters. Gestützt durch die zärtliche Aufmerksamkeit und tatkräftigen Hände ihres Begleiters, meisterte sie eben Alltägliches.

Ihre Kleinstadt in der Mitte Deutschlands konnte nicht durchschnittlicher sein. Eine Stadt am sinnbildlichen urdeutschem Strom, umgeben von ländlichen Mittelgebirgen. Bei den Bewohnern dieser Stadt handelte es sich um alte und neue Deutsche, um Ein- Um- und Auswanderer, um Menschen, die ihr Glück in der Kleinbürgerlichkeit suchten oder gefunden hatten. Die Mehrheit einte der Glaube an die Familie und die Erfahrungen der Zerissenheit eben dieser Familie, wenn auch diese Zerissenheit die unterschiedlichsten Ursachen zu haben schien.

Die Königin war auch eine Mutter, die Mutter zweier Kinder, eben die einer sinnbildlichen deutschen Familie. Sie hatten ein Haus, Neubau, massiv, aus der Hand eines Bauunternehmers, günstig, aber praktisch und modern. Geranien schmückten die Fensterbänke und einen Vorgarten gab es natürlich auch. Morgens gingen sie gemeinsam aus dem Haus: 7.30 Uhr. Um 13. 00 Uhr gab es Mittagessen für den Sohn, dann Hausaufgaben, die Tochter besuchte eine Kita. Beide Eltern arbeiteten. Abends aßen alle gemeinsam- meistens – manchmal. Das Wochenende verbrachten sie gemeinsam – meistens -immer – noch immer...und die Urlaube - alle vier liebten Urlaub. Tage fernab des geschätzten, gehetzten Alltags, keine Wäsche, kein Haushalt, keine Überstunden, keine Hausaufgaben, aber Zeit, Zeit zum Dösen, Träumen, Blödsinn machen.

Die Königin war stolz. Diese Tristese war ein Teil ihres wertvollen Schatzes. Sie genoß die Intimität, die Sicherheit, die Vernunft, die Stabilität und auch die Autonomie ihres Reiches. Sie war stolz auf ihre Tüchtigkeit.

Die Königin war zudem eine Arbeiterin. Ihre sinnvolle Tätigkeit war zugleich sinnerfüllend und bedeutsam. Dies war der andere Teil ihres Schatzes. In dieser Kleinstadt empfing sie die Welt. Sie hieß Menschen willkommen, die ebenfalls strebten nach der soeben beschriebenen bedeutsamen aber scheinbaren Durchschnittlichkeit. Junge Menschen, Kinder von Eltern, die sich gezwungen gesehen hatten zu flüchten vor Krieg, Elend, Hunger, Armut oder Arbeitslosigkeit.

Ihnen das Sprechen zu lehren war der Königin des Alltags eine leidenschaftliche Herzensangelegenheit. Sie sollten die Sprache ihres Landes, des Landes der Königin, finden, hören und nutzen können, und um ihre Sprachen bereichern, bevor diese Sprache sich verfärbt und verblasst.

Doch ihre eigene Sprachlosigkeit, wenn sie den Blick auf die Welt richtete, blieb.

Lediglich der Trost die Königin des Alltags zu sein, hielt sie aufrecht.

 

Die sprachlose Königin des Alltags, die das Sprechen lehrte

 



Published in: