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Aus dem Tagebuch eines Soldaten

(alternative Welt und deren Zeit)

 

Ich denke, dies wird mein letzter Eintrag sein. Ich habe mich oft gefragt, ob ich den Krieg überleben werde um wieder ein normales Leben führen zu können, so wie wir alle, aber kann doch ein Moment alles entscheiden. In all den Stunden, in denen ich mit meinen Schmerzen kämpfe, muss ich an meine geliebte Schwester und ihre Tochter Claire denken und an diese besondere Begegnung, die mich seitdem begleitete.
Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen.

Es war der 15. November vor drei Jahren, als ich nach einer Schussverletzung aus dem Lazarett entlassen wurde. Ich machte mich sogleich auf den Weg zu ihr, nachdem ich erfahren hatte, dass ihre Tochter sechs Jahre alt geworden war. Ich wollte diese Zeit nutzen um sie noch einmal zu sehen, bevor es wieder zurück an die Front ging. Es schien mir wie eine Ewigkeit vorzukommen, seitdem ich die beiden das letzte Mal gesehen hatte, weshalb ich mich fragte, ob die kleine Claire mich überhaupt noch erkennen wird, schließlich ist viel Zeit vergangen.

Wir näherten uns dem Haus, vor dem meine Schwester schon stand, ich stieg aus und wartete bis der Wagen weitergefahren war. Vor mir stand nun meine geliebte Schwester, noch immer jung und voller Leben, Sorge und Erleichterung darüber, dass ich lebte, während ich mich erschöpft und ausgebrannt fühlte. Ich fragte, wo denn Claire sei, aber antwortete sie nicht, sondern senkte nur den Blick.

Und dann kam sie hinter ihr zum Vorschein. Ein kleines Mädchen mit braunem Haar, welches unter einem Kopftuch hervortrat und einem jungen Gesicht mit unschuldig blickenden Augen, die mich ängstlich ansahen. Ich lächelte, aber schien ihr dass noch mehr Angst zu machen, weshalb ich mich trotz der Schmerzen hinkniete, damit sie mir in die Augen sehen konnte.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte als ich einfach ihren Namen sagte. Sie wich zurück und fragte, woher ich denn ihren Namen kenne.

Ich wusste, dass sie sich nicht mehr an mich erinnern würde, warum auch? Ich war viel zu lange fort gewesen, als das sie mich noch kannte. Ich sagte ihr: „Ich bin dein Onkel.“ Und ich fügte hinzu: „Du bist wirklich groß geworden, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe.“

Sie zögerte und fragte mich: „Warum warst du so lange weg?“. Betrübt senkte ich den Blick, unterdrückte die Schmerzen und sagte ihr: „Ich wollte nicht gehen, aber ich musste. Ich musste, um euch zu beschützen. Aber die ganze Zeit über habe ich nur an euch gedacht und gehofft, dich und deine Mutter wieder zu sehen.“ Ich wusste nicht, was sie darüber dachte, sie schwieg nur, bis sich meine Schwester an sie wandte.

„Willst du deinen Onkel denn nicht begrüßen?“, fragte sie die Kleine. Noch etwas zögerlich trat Claire vor, wartete einen Moment und überquerte die Straße, während ich die Arme nach ihr ausstreckte und sie mit Tränen in den Augen in den Arm nahm. In diesem Moment wusste ich, dass es jenseits von den Schlachtfeldern und den grausamen Bildern etwas gab, wofür es sich zu leben lohnte und genau das hielt ich in diesem Augenblick in meinen Armen, während Tränen meine Augen füllten.

„Aber warum weinst du denn Onkel?“, fragte sie mich und ich sagte ihr: „Weil ich glücklich bin. Glücklich, dich wieder in den Arm nehmen zu können. Meine kleine Claire.“
„Aber deshalb musst du doch nicht weinen.“
„Ich will es aber.“ In diesem Moment wurde mir klar, dass die Worte eines kleinen, jungen Mädchens ausreichten, um einen Mann, der vieles gesehen und durchlebt hat, zum Weinen bringen kann, zum Weinen, als auch zum Lachen.

Dieser Moment – diese Begegnung zeigte mir, warum ich noch lebte, warum ich nicht aufgeben durfte und es noch immer nicht darf, denn auch wenn der Abschied schwer fiel, so ist es, als wäre dies ein Zeichen gewesen. Ein Zeichen eines Versprechend auf ein baldiges Wiedersehen.

Aber nun liege ich hier und bitte einen Freund darum, diese letzten Worte niederzuschreiben, die ich unter schmerzenden Tränen über die Lippen bringe und dabei an euch beide denke. Ich hatte gehofft, mein Versprechen halten und zu euch zurückkehren zu können, aber werde ich es nicht halten können.

Trotzdem sollt ihr wissen, dass ich, wo immer ich auch war, steht`s an euch gedacht habe. Ihr ward meine Schutzengel, mein Stern am Horizont, der mir den Weg wies. Aber nun wird mein Weg enden, dennoch danke ich dem Herrn dafür, dich – meine Schwester – und Claire, meine liebe kleine Claire, noch einmal gesehen zu haben und bin dankbar, diese Begegnung mit auf meinen Weg zu nehmen.

Medun, 23. Mai 1921



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