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Ein Sommer in der Normandie

Eine verbitterte Schriftstellerin findet in der Normandie alles, was sie nicht sucht: Sonne, Freundschaft, Liebe. Eine schöne Sommerlektüre.

 

Wenn der Sommer draußen in Deutschland mal wieder auf sich warten lässt, bietet sich das Sofa als Alternative an. Zugegeben, gegen Eis und Sonnenschein sieht das irgendwie schlecht aus. Aber mit einer guten Lektüre und dem Wunder der Vorstellungskraft ist das sicher das Beste, was man machen kann.

Ein Schmöker, der dabei behilflich sein kann, ist Ein Sommer in der Normandie von Nadine Roux. Während Gustave Flaubert dem Landstrich zwischen Paris und Kanalküste nichts abgewinnen konnte und sich nach der Sonne Korsikas sehnte (Hinweis: Er war Normanne...), so sieht das das Gros der Pariser und die zahlreichen Gäste, die jedes Jahr von Frühling bis Herbst in das kleine grüne Land kommen, deutlich anders. Regen hält sich nie lange und das Licht ist magisch, die Sonnenuntergänge legendär. Der Impressionsmus wurde hier erfunden, die Haute Volée der Belle Époque hat hier ihre eleganten Spuren hinterlassen. Endlose Strände, satte Wiesen und das Gefühl vom Angekommensein findet man hier.

 

Trouville-sur-Mer

Ein Sommer in der Normandie spielt in Paris und Trouville-sur-Mer, ganz nahe an dem berühmten Seebad Deauville, das noch heute Prominente anzieht. Camille Brochard, die Protagonistin, ist eine von ihnen. Sie ist Frankreichs bekannteste Krimi-Autorin und berühmt berüchtigt für ihre schroffe, kühle Art. Bei ihr wird niemand verschont: Fernsehmoderatoren werden verspottet, ihr eigener Mann bloßgestellt, ihre Hausangestellte herumkommandiert. Nur bei Georges, ihrem Schwiegervater, wird sie weich. Das Problem dabei: Von dessen Sohn hat sie sich quasi getrennt und obendrein kommt eine Schaffenkrise.

„Madame Brochard, Sie sehen heute fabelhaft aus. Man mag gar nicht glauben, dass Sie die düstersten Kriminalromane Frankreichs schreiben!“ Es folgte ein kleines Lachen, jenes, das diese Fernsehleute immer beherrschten. Jenes, das aussagte: Schaut her, wie fantastisch ich bin, niemand kann mir widerstehen! Aber eine Camille Brochard hatte darauf natürlich die richtige Antwort.

„Man mag aber sehr wohl glauben, dass Sie die langweiligste Talkshow des Landes moderieren, Monsieur. Haben Sie meine Bücher gelesen?“

Sämtliche Gesichtszüge waren dem Moderator bereits entglitten und dann sollte er auch noch eine Frage beantworten. Was für eine Katastrophe. Er wand sich wie ein Wurm. Camille unterdessen hatte sich zurückgelehnt und ihren linken Fuß, an dem ein roter High Heel steckte, auf ihr rechtes Knie gelegt. Sie saß da wie ein Mann und nagelte den armen Kerl mit ihrem stechenden Blick fest, in dem Spott, Missachtung und auch eine Spur Spaß stand. 

 

Strand in Trouville-sur-Mer

Ihre Lektorin fordert einen fröhlichen Krimi, ein Urlaubs-Wohlfühlbuch. Camille und Wohlfühlen sind wie Hund und Katze, aber am Ende führt kein Weg daran vorbei. Also macht Camille sich auf zu einer Schauplatzrecherche in die Normandie. Dabei hatte sie vor, hier nie wieder herzufahren, denn dieser Ort ist mit ihrem Vater verbunden, der auf tragische Weise ums Leben kam. Aber Camille lebt sich ein bei der sonnigen Magali, ihrer Freundin aus Studientagen, und sie trifft auf den Farmer Romain. Aber alle tragen ihr Päckchen und erst langsam blättert sich die Geschichte der beiden auf und scheint ihrem Glück wieder im Weg zu stehen.

Und dann muss sie auch noch die Familiengeschichte ihres bald Ex-Mannes aufdecken, wobei ihr die stinkreiche und unkonventionelle alte Madame Jeanette hilft. Auf ihre Weise natürlich.

Nein, sie gefällt mir nicht. Es ist keine Galerie, Madame. Mit Verlaub.“

„Papperlapapp!“, winkte sie ab. „Es kommt nicht auf die Darbietungsform an.“

„Sie haben da oben einen Monet.“

„Als wenn ich das nicht wüsste.“

„Das sind Werte, Madame. Sie sollten darauf Acht geben.“

„Mir gefällt es so.“ Sie sah Camille herausfordernd an, aber die gab nach und zuckte mit den Schultern.

„Mir soll es gleich sein. Ich mache mir nichts aus Kunst, Madame Jeanette. “

„Ich auch nicht.“

Ein Sommer in der Normandie ist ein gelungenes Sommerbuch mit Atmosphäre und einem Spiel aus Licht und Schatten. Wie die Normandie selber, irgendwie.

ISBN: 978-37450-9035-2 (Print;12,90€ ); 978-3-7450-9377-3 (E-Book; 2,99€) VÖ 29.06.2017





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