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Asphaltlicht

Die Zeit vergeht schneller, je älter man wird #24hDeutschland

 

Wenn ich in der Früh am Bahnsteig stehe, dann beobachte ich die Menschen um mich herum. Sehe, wie sie Kaffee trinken und genauso gegen die Müdigkeit ankämpfen wie ich. Wie immer wünsche ich mir, mich wärmer angezogen zu haben. Daheim in der Wärme ist es leicht, sich sicher zu sein, es wird einem schon noch warm genug in den Klamotten werden, und wenn man dann draußen steht, findet man es in den ersten drei Sekunden doch gar nicht mal so kalt. Die Kälte kommt später.

Ich beobachte dann die Menschen, während ich mich vor die großen Plakate stelle. Ich mag es, etwas im Rücken zu haben; die News machen mir Angst, ich möchte nicht die nächste Pfütze auf den Gleisen sein. Wenn der Zug kommt, setze ich mich in die Mitte. Dort ist es doch am sichersten, oder nicht? Zumindest bilde ich es mir ein. Ich weiß nicht, wann ich so ängstlich geworden bin. War es vor oder nach Nizza? Vielleicht war auch Paris der Auslöser, ich weiß es nicht.

Eine Gruppe von Jugendlichen geht an mir vorbei, laut lachend, die Jungs mit Marihuana-Zeichen auf den Rucksäcken, die Mädchen mit Ugg Boots und vom Glätteisen gequälte Haare. Was ist passiert? Waren nicht gerade noch Pastelltöne total in?

Die Zeit vergeht schneller, je älter man wird, habe ich das Gefühl. Haben wir die Erwachsenen nicht früher noch belächelt über diese Aussage? Und jetzt werde ich belächelt. Die Zeit vergeht viel zu schnell.

Ich schaue aus dem Fenster und lasse alles an mir vorbeiziehen. Wenn es um Straßennamen geht, bin ich hoffnungslos überfordert; das Bahnnetz ist meine einzige Orientierung. Sogar mit einem Kompass könnte ich wahrscheinlich besser umgehen als mit einer Landkarte.

Die Bahn hält und ich stehe vor den Türen und warte darauf, dass der Passant draußen auf den Knopf drückt. So viele Bakterien in den Bahnen … Was ist bloß los mit mir?

Ich habe Glück, ich kann meine Hände in den Taschen bleiben lassen. Der Morgen ist kalt und ich laufe schneller, um warm zu werden. Ich laufe an Frühaufstehern vorbei, die zur Arbeit müssen oder lediglich zum nächsten Kiosk noch ein Bier kaufen. Ich bemerke Menschen, die mit sich selbst sprechen oder auf ihr Handy schauen, und ich kann mich nicht gegen das Gefühl wehren, mir zu wünschen, dass sie gegen eine Straßenlaterne laufen. Ha, ich böses Mädchen!

Wenn ich endlich im Warmen hocke, die Kurvendiskussion über mich hinweg ziehen lasse und trotzdem versuche, interessiert auszusehen, denke ich über mein Leben nach. Früher warteten noch Überraschungen auf einen. Als man noch ein Kind war und nicht wusste, was der Tag brachte. Und jetzt? Jetzt wurde alles von dieser Routine beherrscht, über die man immer denkt, man stünde über sie. Aber mal ehrlich: Wer kann sich das erlauben? Wer schafft das schon? Ich wünschte, ich wäre stärker, mutiger, aber alles, was ich mir ab und zu erlaube, ist, das Lernen ausfallen zu lassen. Schule ist ein Lebensfresser, aber für einen guten Abschluss … Eltern wollen, dass man Abitur hat, Eltern wollen stolz auf ihren Sprössling sein. Ich will Abitur haben, damit meine Eltern stolz auf mich sind. Natürlich.

Ich quatsche mit Freunden in der Pause, lästere mit ihnen über Mathe und dass die Lehrerin zu sehr Mathematikerin ist, um uns Zahlenfeinde zu verstehen. Ich esse meine Brotzeit, kann sie aber nicht genießen; die Pause ist zu kurz. Schule aus, Hast nach Hause. Schule hat zu lange gedauert, ich will Freizeit haben bzw. Zeit zum Lernen, um früh genug fertig zu werden, um eine Stunde Hobby zu haben.

Alltag ist trist, Leben ist Routine, und alles, was ich mir wünsche, ist, endlich ausschlafen zu können.

Ich bin froh, nicht mitten in der Stadt zu wohnen; ich mag Bäume. Ich mag es, einfache Landstraßen entlangzufahren, die nur zwei Spuren haben. Ich will nicht ständig das Gefühl haben müssen, tausend Verkehrsschilder zu übersehen. Und wie war das gleich nochmal mit der Vorfahrt? Bahnfahren ist eine schöne Alternative, solange ich den Plan habe, kenne ich mich aus. Für den Rest muss Google Maps herhalten. Meine Oma wäre enttäuscht von mir.

Wenn ich am Abend im Bett liege, bin ich überrascht, dass schon wieder ein Tag um ist. Bin ich nicht gerade erst aufgestanden? Die Zeit vergeht schneller, wenn man älter wird. Und ich hoffe fest, sie wird langsamer, wenn ich den Alltag endlich hinter mir gelassen habe. Wenn man über sein Leben nachdenkt, denkt man meistens über die schlechten Dinge nach, die guten vergisst man oft. Schade eigentlich, denn eigentlich passiert fast jeden Tag etwas Schönes. Und seien es nur die schrecklich schlechten Flachwitze von Freunden, die sich trotzdem Mühe geben, sie lustig an den Mann zu bringen. Das Leben ist es wert, gelebt zu werden. Und vielleicht schaffe ich es auch endlich, das umzusetzen.

Aber erst einmal muss ich ausschlafen.


#24hDeutschland



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