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Fragen an die Freiheit

Ein Gefühl wahrer Schwerelosigkeit erfüllte mich, als das Flugzeug durch die Wolkendecke tauchte und ich die ersten azurblau umspülten Umrisse der australischen Ostküste sehen konnte. Es war mehr als dieses Kribbeln im Bauch, das beim Start oder der Landung eines Flugzeugs durch die Druckschwankungen und innere Spannung ausgelöst wird. Es war die Hoffnung - naive Erwartung - an einen Traum von Freiheit!

Was ist Freiheit? Was bedeutet Freiheit in einer vernetzten Welt? In einer Gesellschaft, deren Netze sich inzwischen durch jede Kultur ziehen?
Ist sie ein Traum oder in einem gelebten Traum zu finden? Geht es darum seine Träume auszuleben, um sich seine eigene Freiheit um jeden Preis zu erkämpfen? Ist es möglich ausserhalb seiner Träume all dies frei auszuleben?
Hat Freiheit Grenzen? Grenzen der Vorstellungskraft oder der Moral? Hört die eigene Freiheit dort auf, wo wir sie auf Kosten anderer ausleben oder sind auch dies nur Illusionen - geträumte Grenzen, die es zu überwinden gilt, um wirklich frei zu sein?
Bedeutet Freiheit - frei zu sein - glücklich sein? In einem ewigen Rausch fortschweben auf den Schwingen unserer gelebten Träume? Würden wir uns nicht allzu schnell daran gewöhnen, wie an alles in dieser dahinrasenden Welt? Würden den Rausch als selbstverständlich hinnehmen. Toleranz gegen ihn aufbauen. Nach mehr streben. Nach Höherem. Bis die Sonne unserer Glückseligkeit das Wachs unserer Träume schmilzt und wir in das Meer der Wirklichkeit stürzen, über das wir uns erhaben glaubten, um darin zu ersaufen? Ist es überhaupt möglich Glück ohne Schmerz zu empfinden? Sowie Freiheit ohne Gefangenschaft?
Ist der Moment, in dem wir unsere Ketten sprengen, nicht der berauschendste? Ebenso wie der Moment, in dem ein anhaltender Schmerz schwindet? Ist Freiheit sowie Glück nur in Momenten wie Augenblicken zu finden? Ähnlich einem Blick in geliebte Augen, der die Zeit still stehen lässt und doch so schnell wieder schwindet?
Ist Liebe Freiheit oder nur ein aneinander binden? Kann Liebe frei sein, ohne zu schmerzen?
"L'amour est l'enfant de la liberte", heisst es, "Liebe ist das Kind der Freiheit". Ein schöner Satz...doch in all seinem Glanz flüchtig wie Licht. Wirft nichts als die Schatten weiterer Fragen auf...

All diese Fragen stellte ich mir in diesem Moment nicht. Alles, was ich wusste, war, dass ich frei sein wollte und dass dieses staubige Land der Grund und Boden war, auf dem ich in Freiheit wachsen wollte.
Das Flugzeug setzte auf. Ein Gespräch aus Bangkok fiel mir wieder ein.
"Glaubst du , all die Menschen, die reisen, sind auf der Suche nach etwas oder versuchen sie vor etwas zu fliehen?"
Der junge Mann, dem ich diese Frage gestellt hatte, sah mir lange in die Augen, bevor er nachdenklich antwortete: "Von beidem etwas, denke ich..."
Seine Worte gingen mir nicht aus dem Kopf. Sie klingen auch jetzt noch nach, da ich die Tage zähle diesen Kontinent zu verlassen. Dem Glück und dem Frieden hinterherrennend. Neuen Träumen nach der Mitte der Erde entgegen.
Ich blicke aus dem Fenster. Der Ausschnitt eines von grünen Ästen umrahmten Hochhauses. Ebenso eins wie meins. Was wohl der Mensch im Fenster gegenüber sieht, wenn er in meine Richtung blickt?
Aus einigen Stockwerken über mir schweben die dahinrasenden Töne eines Saxophons herein - oder ist es ein Fagott? Immer wenn ich lausche, höre ich ihn spielen, pausenlos, nie ein Lied beendend oder beginnend.
Als ich den Blick durch meinen Raum schweben lasse, sehe ich den Kanarienvogel im Käfig, sitzen - schreiend - wild mit den Flügeln schlagend, wenn andere Voegel am Fenster vorbeiziehen. Wenn man ihn herauslässt, fliegt er wie wild in der Wohnung herum. Unkontrolliert gegen Wände, Decke und Fenster, bis er nicht mehr fliegen kann. Man ihn einsammeln muss, um ihn wieder in seinen Käfig zu legen.
Ich frage mich, wie lange er überleben würde, wenn ich ihn frei liesse und ob er sich die Freiheit noch immer so sehnlich wünschen würde, wenn er ihre Konsequenzen kennen würde. Es ist nicht mein Vogel, doch ich denke, ich werde ihn freilassen, bevor ich gehe...

Ein letztes mal die Ostküste hinauf. Adelaide mit seinem Winter und vereisten Hügeln hinter sich lassend. Vergessen all die kalten Nächte, dunklen Tage der Fabrik und kalten Herzen, die eine freie Liebe parodieren, bei der die Verliebten verlieren müssen.
Tasmanien, Land des vom aussterben bedrohnten Teufels, mit seinen rauen Küsten, grünen Hügeln, weissen Stränden. Den Bergen, die sich über diese zerrissene Insel erheben. Durch die friedlichen Idyllen des Nordens und des in Morpheus Träumen versinkenden Südens. Der sich in leisen Klängen prätentiös wiegt.
Melbourne, verkommene verruchte schöne Stadt. Die ihre Angst und Schrecken mit Stränden und Sonnenschein tröstet. Die Gespenster in die Nacht verdrängend.
Die Wüste mit ihren seltsamen Gebilden ein letztes mal durchqueren. Die vergangene Wanderung zur Linken. Vorbei am heiligen Berg, an der Schlucht des selbsternannten Königs und den Murmeln des Teufels. Vorbei an Alice Springs, kleine Heimat in der Wüste. Die Tage verbrennend mit all den gestrandeten Verlorenen dieser und anderer Länder und Welten, die umher wandeln. Nach kaltem Rausch, den verlorenen Eltern und dem geraubten Land suchen. Nichts als Gewalt finden, in den Herzen der Räuberskinder, sodass die geraubten Kinder selbst zu Räubern werden.
Dem Ausgangspunkt entgegen. Sydney, Stadt milder Hoffnung und des zerrinnenden Geldes. Darüber hinaus ein letztes mal durch Queensland. Land der weissen Koenigin. Regiert von Verblendung und Rassismus. Die Kadaver von zerquetschten Tieren, die die Strassenränder zieren. Unter Mondbögen und der Milchstrasse dahinrasend, dem Norden entgegen. Vorbei an Brisbane, ein letztes mal von Vergangenem träumen. Sich auf deinen Strassen, ohne Dach, ein letztes mal verlieren. Dann neuem entgegen...

Warum hatte ich meine Heimat verlassen?
Ich war (mal wieder) von einem Zuhause geflohen, dass mir keine Heimat mehr war. Geflohen vor meiner eigenen Schuld und der umso grösseren Schuld anderer, denen ich vertraut hatte, die ich geliebt hatte und die mich nun hassten, da ich sie an ihre Schuld erinnerte. Geflohen vor dem Geflüster feiger Stimmen hinter meinem Rücken. Geflohen vor einer Geliebten, die etwas in mir sah, was ich nicht war und nicht sein konnte. Geflohen vor all dem Hass und Wahnsinn um mich herum und in meinem Inneren, gegen den ich müde geworden war, anzukämpfen.
Doch wonach suchte ich? Nach Freiheit und einem neuen ich?
Nach einem Jahr und tausenden von Kilometern bleibt zu sagen, dass alles wovor ich fliehen wollte, mich eingeholt hat und ich in der Leere meiner Seele nichts als mich selbst fand...nichts anderes finden konnte.
Doch wenn ich zurückkehre - älter, härter und ausgezehrter - werde ich noch immer der selbe sein?

 



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