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Rituale 

 

Es ist ein schrecklicher Tag.

Im brechend vollen Bus drückt die Hitze die Menschen in die Sitze, die Stehenden klammern sich schwitzend an die Stangen. Es riecht nach Schweiß und ungewaschenen T-Shirts. Durch die offenen Fenster kommt nicht der Hauch eines Windseufzers hinein, die Luft steht, sirrend, in Erwartung eines Gewitters.

Ich habe Kopfschmerzen und bin gereizt. Wegen des Scheißwetters, des Scheißbusses und der Scheißmenschen und des Scheißlärms. Und der Scheißarbeit. Heute war ein schrecklicher Tag. Ich möchte nur schlafen.

Zwei Stationen vor meiner stehen wir endlos lange an der Haltestelle, Köpfe drehen sich genervt nach dem Verursacher um.

Ich knirsche mit den Zähnen. Jeden Tag stehen wir hier. Das kann nicht sein Ernst sein.

Entnervt klemme ich mir meine Tasche unter den Arm und schiebe mich zwischen den stinkenden Menschen hindurch zum Ausgang. Die Türen sind weit geöffnet, aber niemand steigt aus. Wie jeden Tag.

Ich packe die Griffe des Rollstuhls und drücke ihn unsanft über die Stufe hinab. Die Hitze von draußen knallt mit Wucht auf uns beide hinein, sofort bricht mir der Schweiß aus.

Ich stoße den Rollstuhl auf den Gehweg und sehe, wie der Busfahrer, genervt wie ich, sich wieder auf den Weg nach vorne macht und die Türen schließt. Vielen Dank auch.

„Es wäre traumhaft, wenn du nicht jeden Tag so ein Drama machen würdest“, sage ich dem Typen im Rollstuhl und gebe mir keine Mühe, auf einen sanften Fahrtweg entlang des Gehweges zu achten. „Es würde dir keinen Zacken von der Krone brechen, einfach mal jemanden um Hilfe zu fragen.“

„Tut mir wirklich schrecklich Leid“, sagt der Typ eisig. Ich kann sein Gesicht nicht sehen, aber seine Hände sind zu Fäusten geballt. „Ich hoffe, ich habe dich nicht von etwas irrsinnig Wichtigem abgehalten.“

Ich setze zu einer scharfen Antwort an, lasse es dann aber sein. Er ist nur ein kleiner Teil des unschönen Tages.

„Kommst du von hier alleine weiter?“, frage ich stattdessen.

Statt einer Antwort greift er nach den Reifen und entzieht mir die Griffe mit einem Ruck. Schweiß perlt mir vom Rücken, während ich ihm nachsehe.


Es entwickelt sich ein eigenartiges Ritual. Statt zu warten, bis der Busfahrer zu ihm gekommen ist, die Rampe runterfährt und ihn hinausschiebt, schaut der Typ mich so lange an, bis ich ihn herausschiebe, unsanft und ruckelig. Nur die ersten Male. Danach mache ich es automatisch. Unsere Kommunikation beschränkt sich auf ein paar garstige Kommentare und halbherzige Sätze, unvollständig und leer und zermürbend. Ich schiebe ihn soweit, wie ich es beim ersten Mal getan habe, dann gehe ich die letzten zwei Stationen nach Hause. Jeden Tag.


Heute ist ein Tag, der dem Sommer Lebewohl sagt, die Luft kühl ist und nach Herbst riecht. Draußen tanzt das erste Laub durch die Straßen und sammelt sich unter den parkenden Autos.

Wie immer steige ich zwei Stationen früher aus, den Rollstuhlgriff fest in den Händen. Ein paar der Leute beobachten mich, versuchen sich seit Wochen einen Reim auf unser kleines Schauspiel zu machen.

Ich werde langsamer, als ich zu der Stelle komme, an der ich umdrehen soll. Doch der Typ rührt sich nicht. Seine normalerweise steifen Hände sind ineinandergeschlungen, unruhig.

„Alles in Ordnung?“, frage ich, nicht zu freundlich, um unseren üblichen Tonfall nicht zu vernachlässigen. Allerdings ist die Wut längst verblasst.

Er schweigt, auch, als ich den Rollstuhl loslasse. Irritiert warte ich. Gehe einen Schritt. Warte.

„Es ist nicht mehr weit bis zu mir“, sagt der Typ. Seine Hände packen einander so fest, dass die Haut weiß wird. „Willst du – willst du mit hochkommen?“

Diesmal bin ich an der Reihe zu schweigen.

„Okay“, sage ich dann, mit klopfendem Herzen, als hätte ich meine Seele gerade dem Teufel versprochen.

Er nickt.

Wir sagen nichts, während ich ihn weiterschiebe, in die Auffahrt eines Hochhauses hinein, in den Fahrstuhl.

Die Stille darin ist erdrückend. Der Spiegel macht es nur noch schlimmer, wir starren einander an, schweigend, irritiert, wartend. Schauen weg, schauen wieder zurück. Ich möchte am liebsten lachen, lauthals und irre, aber ich schlucke es herunter. Mein Herz rast.

Der Fahrstuhl kommt zum Stehen, wir steigen aus. Nackte, hässliche Flurwände, gefüllt mit dem Duft von Verwahrlosung und Hoffnungslosigkeit.

„Da lang.“

Er fingert die Schlüssel aus seiner Tasche, beugt sich vor und schließt mit unsicheren Fingern die Tür auf.

Die Wohnung ist klein, spärlich eingerichtet, und auf Hochglanz poliert. Der Geruch von Putzmitteln und Klosteinen überlagert den leichten typischen Männergeruch, der manchmal in Wohnungen haftet. Ich fühle mich klein und fehl am Platze.

„Möchtest du einen Kaffee?“

Ich trinke keinen Kaffee, trotzdem nicke ich. Folge ihm in die kleine Küche, wo er sich mit routinierten Bewegungen durch den Raum manövriert und uns den kleinen Tisch deckt. Ich muss an die Wut denken, die ich das erste Mal empfand, als ich ihn aus dem Bus gestoßen habe. An die Dinge, die ich gedacht und gesagt habe. Ich kann mich kaum an sie erinnern.

Wenige Augenblicke sitzen wir einander gegenüber, nur das kleine Radio durchbricht unser Schweigen mit nichtssagenden Popsongs. Vor mir der Kaffee, den ich nicht trinken werde.

„Warum bin ich hier?“, frage ich nach unzähligen Minuten, in denen ich jede andere Frage wieder verworfen habe.

Er schaut mich an und dann langsam wieder auf die Tasse in seiner eigenen Hand.

In einer anderen Erzählung könnte ich erzählen, dass er unglaublich lange Wimpern hat oder hohe Wangenknochen und Augen aus Schokoladeneis. Dass seine Blicke mir den Atem rauben und ich immer wieder zu seiner gut bemuskelten Brust herunterschauen muss.

Aber dies ist keine andere Geschichte. Er sieht verhärmt und bleich aus und sitzt im Rollstuhl.

„Es war noch niemand hier“, sagt der Typ und sein Mundwinkel zuckt, wenn auch nicht aus Fröhlichkeit. Er deutet vage in die Luft. „Hier in der Wohnung. Bis auf meine Putzhilfe.“

„Das… beantwortet nicht wirklich meine Frage.“

Er schaut mich an, furchtbar intensiv und unendlich angreifbar. „Mein Psychologe hätte mich gerne in einem betreuten Wohnheim“, sagt er dann, langsam, dann flüssiger. „Er sagt, wenn ich noch gehen könnte, würde ich sicherlich auf ein Dach steigen und mich hinunterstürzen.“ Er schweigt einen Moment. „Womit er sicher nicht Unrecht hat.“

Ich will nicht hier sein. Ich habe das Gefühl, ein unsichtbarer Druck würde sich um meinen Brustkorb legen und mich erdrücken. Ich stehe hier an der Klippe des unerträglichen Leids eines anderen Menschen und kann die Aussicht nicht ertragen.

„Wie lange… wie lange ist das schon so?“, frage ich und hasse mich selbst für meine vage Formulierung.

Doch der Typ lächelt einfach nur. „Seit fast einem Jahr.“

„Wie ist das passiert?“

„Ein Sportunfall.“ Er antwortet automatisch. Diese Fragen beantwortet er oft, dafür bin ich offensichtlich nicht hier.

„Warum war noch niemand hier?“

„Willst du keinen Kaffee?“, fragt er und deutet auf die Tasse.

„Ich trinke keinen Kaffee“, sage ich und nehme doch einen Schluck. Ekelhaft. „Warum war noch niemand hier?“

„Weil ich es nicht wollte. Alle haben… alle hatten so viel Mitleid und nach einer Weile wollten sie, dass ich funktioniere. Anders, aber dennoch. Dass ich weitermache. Sie wollten nicht mehr mitleidsvoll gucken oder mir bei Einkäufen helfen oder anderen Dingen. Sie wollten, dass ich mich selbst in den Griff kriege, damit ich ihnen nicht mehr auf die Nerven gehe.“

Tausend Sachen liegen mir auf der Zunge, aber ich halte mich zurück. Nicht der richtige Zeitpunkt.

„Ich habe nicht funktioniert und glaube nicht, dass ich es kann. Aber ich soll jemanden in die Wohnung lassen, hat mein Therapeut gesagt, um ihn“, wieder zuckt sein Mundwinkel, „in mein Leben lassen. Schönes Bild, oder nicht?“

„Wieso ich?“

Er zuckt mit den Schultern. „Besser oder schlechter als sonst wer.“

Wieder schweigen wir. Ich schlucke sämtliches Mitgefühl herunter, denn ich weiß, es ist hier nicht willkommen.

„Denkst du manchmal an…“ Ich kann es kaum aussprechen. „Denkst du manchmal daran-“

„Manchmal?“ Er lacht auf. „Jeden Tag. Immer.“

Schweigen. Ein Liebeslied perlt aus dem Radio. Es ist laut und misstönig und unpassend. Ich wünschte, das Radio würde schweigen, so wie wir.

„Ich weiß nicht, wie ich dir helfen kann“, sage ich schließlich.

Er zuckt mit den Schultern. „Daran glaube ich auch nicht.“

Die nächste Stille rollt wie eine Welle heran, langsam und zäh und unermüdlich. Sie nimmt den ganzen Raum ein, verdunkelt das Ticken der Uhr, selbst das Geplärre aus dem Radio. Ich merke, dass meine Zeit hier verrinnt.

„Warum warst du immer so wütend?“, frage ich.

„Warum warst du es?“, fragt er zurück.

„Wegen Kleinigkeiten“, antworte ich. „Du?“

„Wegen allem.“

Und wieder dieses tiefe, unangenehme Schweigen, in dem mir etwas sagt, dass das hier nicht ausreicht, ein bisschen zu ungenügend ist, einen Hauch zu wenig.

Als er auf die Uhr schaut, weiß ich, dass ich Recht habe. Ich hebe die Tasse an die Lippen und trinke sie in wenigen Zügen leer, ohne das Gesicht zu verziehen.

Der Abschied ist traurig und leer. Wir beide scheinen versagt zu haben.


Am nächsten Tag sitze ich im Bus, die Hände im Schoß verkrampft.

Der Bus hält, und der Impuls auszusteigen ist groß, aber ich bleibe sitzen. Nach einem kurzen Moment fahren wir weiter, vorbei an einem Halt und einer Chance und einer Niederlage. Sein Platz ist leer und wird es immer sein. 




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