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Das totalitäre Wir

Darüber was das "Wir" eigentlich ist und worin seine Gefahr liegt.

 

Das Wir begegnet uns im Alltag überall. Es ist essentieller Teil der Verständigung und Selbstdefinition: Wir sind ein Paar / Arbeitskollegen / eine Familie / ein Staat. Doch was das Wir eigentlich ist, wozu es dient und ab wann tatsächlich davon gesprochen werden kann, scheint unklar. Denn das Wir ist flüchtig und anhand fester Kriterien fast nicht zu beschreiben. So scheint es Konsens zu sein, dass ein Wir eine Gemeinschaft bezeichnet, die sich in bestimmten Bereichen gleicht und ein gemeinsames Ziel verfolgt. Doch wie lange diese Gemeinschaft existiert ist so verschieden, wie die Umstände unter denen sie sich bildet. Ein spontanes Wir unter Reisegästen lässt sich beispielsweise oft in den Hallen von Flughäfen und Bahnhöfen beobachten: Eine Verbindung wird plötzlich gestrichen und oft dauert es nicht lange bis aus mit sich selbst beschäftigten Individuen eine empörte Gemeinschaft wird. „Wir fordern eine Ersatzverbindung.“ oder „Sie können uns doch jetzt nicht einfach im Ungewissen lassen.“ sind Sätze, die dann geäußert werden. Sobald die Reise fortgesetzt werden kann, löst sich dieses Wir hingegen sehr schnell wieder auf. Eine permanentere Form, nämlich bis zum Lebensende, findet sich hingegen in den meisten Fällen bei der Familie. Und auch die Größe des Wir scheint kaum über eine Begrenzung zu verfügen, es kann von zwei Personen (romantische Liebe) bis zu einer Nation geweitet werden („Wir sind Weltmeister.“). Ein Wir kann Subjekt und Objekt gleichermaßen sein „Wir können hören und gehört werden“. Und nicht einmal physisch muss eine Gemeinschaft präsent sein, über Chatrooms kann sich ein Wir im undefinierten digitalen Raum bilden.

Wenn das Wir also derart universal ist, wie soll man es dann begreifen? Nun, es gibt Kriterien, die zur Definition des Wir entscheidend beitragen, denn nicht immer wenn von einem Wir gesprochen wird existiert es auch. Die Politik und sämtliche anderen ideologischen Strömungen instrumentalisieren diesen Begriff gerne für ihre Unterfangen, obwohl es nicht haltbar ist ihn in diesen Zusammenhängen zu nutzen. Im Folgenden möchte ich zu erklären versuchen warum.

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Wenn Menschen ein Wir bilden, ist das ein komplexes Zusammenspiel aus äußeren Gegebenheiten, sozialen Faktoren und mentalen Vorstellungen von etwas.

Dabei ist es sinnvoll an der Wurzel zu beginnen: Ein Wir setzt ein komplexes Bewusstsein voraus. Egal wie viele Gemeinsamkeiten die Tannenbäume eines Nadelwalds auch besitzen mögen, sie sind unfähig eine Gemeinschaft zu bilden, sind zu keinem Zeitpunkt ein Wir. Bei höher entwickelten Tieren kann schon eher von einem Wir gesprochen werden, allerdings in sehr groben und instinktgeleiteten Ausformungen, wie von einem Wir-Gefühl des Rudels in etwa. Doch um in spezifischen Situationen spontan ein Wir zu schaffen, fehlt Tieren die Fähigkeit mentale Bilder von Dingen in der Welt zu schaffen, einen Prototyp von etwas, der dazu dient Gemeinsamkeiten über animalische Bereiche hinaus festzustellen. Wenn Menschen ein Wir bilden, ist das ein komplexes Zusammenspiel aus äußeren Gegebenheiten, sozialen Faktoren und mentalen Vorstellungen von etwas. Die einfachsten dieser Äußerungen sind noch die von der Natur am stärksten beeinflussten. „Wir sind eine Familie.“ ist schon ein schwieriges aber nachvollziehbares Wir-Konstrukt. Es setzt sich aus verschieden Fragmenten zusammen, optionale Teile sind beispielsweise zueinander in biologischer Verwandtschaft zu stehen oder sozialen Kontakt zu pflegen, der essenzielle Part allerdings ist der mentale Prototyp eines Bildes von dem was eine Familie ist, welchen wir auf unser Verhältnis anwenden, ein Geflecht, das verschieden sein kann, sich aber in der Regel aus bestimmten Ansichten zu Erziehung, Fürsorge und Hierarchie zusammensetzt. Auch der Aussage „Wir sind ein Paar.“ liegt der Prototyp einer romantischen Beziehung zu Grunde. Nach einer gewissen Zeit wird zusammen ein Beschluss gefasst gemeinsam in den Wir-Zustand Paar einzutreten und dieses Wir bleibt bis zur Auflösung bestehen, beziehungsweise bis sich mindestens einer entschließt den Verbund aufzubrechen. Wesentlich komplexer wird es je spezifischer dieser Prototyp wird und umso fremder sich die Beteiligten sind. Um unter Bekannten die Aussage „Wir unternehmen heute Abend etwas zusammen.“ zu treffen, bedarf es eines besonders klar definierten Ziels und Prototyps. Nur wenn sich die Vorstellungen der Parteien überwiegend decken kann auch von einem Wir gesprochen werden. Eventuell möchte einer ins Kino gehen, der andere denkt daran, in einer Bar etwas zu trinken. Einer plant sich um 20:00 auf den Weg machen, der andere um 21:30. Selbst wenn Beide eine Bar besuchen wollen, können die Interessen doch ganz verschiedene sein; während einer seinem Alltagsstress mit einer umfangreichen Alkoholaufnahme entgegenwirken will, möchte der andere vielleicht ein anregendes Gespräch führen. In diesen Fällen wird ein Wir nicht zustande kommen oder sich gleich wieder zersetzen. Das große Problem besteht darin, dass ein Wir immer noch ein Plural ist, eine Einheit die aus mehreren Ichs besteht. Auch wenn eine Gemeinschaft in bestimmten Situationen ohne sprachliche Kommunikation eine Eigendynamik entwickelt, die sich mit einer Sachwarmintelligenz vergleichen lässt, bleiben wir dennoch Individuen die parallel zu einander existieren und fühlen. Es braucht immer etwas von dem wir uns abgrenzen oder mit dem wir in Konfrontation stehen um eine Gemeinschaft zu bilden. Jedes Wir brauch ein Nicht-Wir zum existieren. Natürlich kann die Menschheit in einem Wir zusammengefasst werden, zum Beispiel in literarischen Texten, doch ist dieses Wir ein Stilmittel oder versucht eine bestimmte Gruppe (in diesem Text die Menschheit) unter einem Kriterium zusammenzufassen, diese Nutzung ist in jedem Fall kritisch zu hinterfragen und so gut wie nie eine Tatsache. Zum Beispiel ist die Aussage „Wir alle haben ein Bewusstsein.“ ein relativ haltbares Wir, „Wir alle können etwas tun um die Umweltverschmutzung zu stoppen.“ scheint auch noch angemessen, aber schon da gibt es viele nicht vom Menschheits-Wir Eingeschlossene: Komapatienten und Kleinkinder sind unfähig etwas zu unternehmen, ebenso wie sehr ursprüngliche Naturvölker. Über unser Bewusstsein hinaus kann deshalb solange nicht von einem realen Wir der Menschheit gesprochen werden, wie der Planet nicht durch einen Meteoriteneinschlag der Vernichtung bevorsteht oder wir uns einem Gott gegenüber befinden. Im kleineren Maß können uns äußere Umstände aber sehr wohl in diese Positionen drängen. Wie es Sartre schon beschrieben hat, ist ein Autounfall in der Lage zuerst noch voneinander getrennt agierende, sich misstrauisch beäugende, Café-Besucher zu Helfern zu einen, ein Wir in Hinblick auf die gemeinsame Aktion entsteht. Alle, die zur Hilfe eilen, haben den selben Prototyp ethischen Verhaltens, der sie in dieser Situation nach außen und auch untereinander als Gemeinschaft kennzeichnet. Jene äußeren Bedingungen nannte Sartre „gemeinsamer Rhythmus“. Doch ganz frei von Fehlern ist auch diese Theorie nicht, denn natürlich kann sich immer noch jemand in das Wir einschleichen, der dort eigentlich nicht hingehört. Eventuell hat sich nur jemand der helfenden Fraktion angeschlossen, um nicht als feige zu gelten. Sein Ziel (das persönliche Image vor Beschmutzung zu bewahren) trennt ihn eigentlich vom Rest, dennoch ist dieser Umstand weder von außen noch unter den Beteiligten selbst wirklich zu erkennen. Es bleibt also immer noch eine Unschärfe.

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Wenn klare, äußerlich erkennbare Richtlinien vorgegeben werden, nach denen sich ein Wir definiert, ist das wohl das einzig stichhaltige Argument, dass es dieses Wir nicht gibt


Doch über diese zu verkraftenden Ungenauigkeiten hinaus wird an ganz anderer Stelle Schindluder mit dem Wir getrieben, nämlich überall dort wo Ideologien verbreitet werden. Wenn Politiker von einem Wir sprechen und damit sämtliche Bürger einschließen, ist das genauso haltlos, wie Feministinnen die ihr Wir allen Frauen überstülpen oder Konzernvorstände die einem erzählen „Wir als Unternehmen haben eine Entscheidung getroffen.“. Warum dieses Wir inkonsistent ist, liegt auf der Hand, einer großen Masse wird ein Prototyp attestiert, ob der wirklich vorhanden ist bleibt ungeprüft. Darüber hinaus wird auch ein sehr unpräzises Nicht-Wir geschaffen, welches in dieser Form nicht funktioniert. Ein Wir als nationale Identität, eine Rasse, hat beispielsweise noch nie funktioniert, man nehme hierfür den Nationalsozialismus in den Blick, auch ein Wir in Klassen, wie im Kommunismus, ist ebenso unmöglich, wie sich das Wir einer Familie durch genetische Abstammung definieren lässt. Es ist ein sehr kompliziertes Ineinanderwirken mentaler Bilder, empathischer Vorgänge und äußerer Umstände, das ein Wir formt. Ich bin in der Lage ein adoptiertes Kind in das Familien-Wir einzuschließen, es als Familie zu fühlen und zu denken, in diesem Fall ist mein mentaler Prototyp von Familie beispielsweise viel ausschlaggebender als die äußere Bedingung biologischer Verwandtschaft. Ein Wir kann durchaus irrational sein. Wenn das konservative Lager beispielsweise von einem Wir der „Deutschen“ spricht, ist das schlicht falsch und dient lediglich eigener Interessen. Sicherlich gibt es gewisse Gemeinsamkeiten, die „deutsche Bürger“ miteinander teilen (Kultur, Geschichte, Gesetze), doch ganz abgesehen von dem gemeinsamen Ziel, bleibt das grob skizziert, nicht ausgearbeitet. Mit einem Koreaner, den ich über das Internet kennengelernt habe, bilde ich vielleicht ein stärkeres Wir, als mit jedem Deutschen. Wenn klare, äußerlich erkennbare Richtlinien vorgegeben werden, nach denen sich ein Wir definiert, ist das wohl das einzig stichhaltige Argument, dass es dieses Wir nicht gibt. Eine Gemeinschaft lässt sich niemals derart oberflächlich rastern. Somit ist auch die ohnehin abstrakte Behauptung „Wir sind Weltmeister.“ (Fußballbezug) zu Anfang dieses Textes lediglich eine leere Phrase. Das Wir der Fans, die weltweit Anhänger der deutschen Fußballnationalmannschaft sind, ist Weltmeister. Doch das geht einem leider nicht so geschmeidig und einprägsam über die Lippen. An ein solch einfaches Wir zu glauben, ein Wir, das sich aufgrund einer Kultur oder Nationalität gründet ist der erste Schritt zu einer totalitären hermetischen Gesellschaftsform. Menschen agieren nicht als ein Wesen, die Pluralität des Wir darf nie aus dem Fokus geraten. Alles ist ein Ineinander-fließen, es gibt keine stabilen, einfachen Gemeinschaften und kein klares Feindbild. Das ist schwierig auszuhalten, aber es ist eine Verpflichtung des kritischen Menschen sämtliche Zustände immer wieder auszutarieren, um zu prüfen ob es dieses Wir überhaupt noch gibt.



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