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Enjoy the ride. There's nothing else.


mhackethal

Mord am Mörder

Er wusste nicht, was er tat. Und was man ihm tun würde.

 

Phil bewunderte die Raiders. Wenn sie zu viert durch die Straßen streiften, machten ihnen die Leute Platz, auch die Erwachsenen.

Phil war allein, hielt sich mit Diebstählen über Wasser. Er schlief hinter einem Supermarkt auf dem Abluftschacht einer Tiefgarage. Das war ein guter Platz, warm, sogar überdacht.

Mit den Raiders kam er klar, sie ließen ihn in Ruhe. Was nicht hieß, dass sie seine Freunde waren.

Ein Tritt gegen das Bein ließ ihn schlagartig aufwachen.

„He, du Penner“, schnarrte eine Stimme, „beweg deinen Arsch!“

Phil fuhr hoch, bereit zu kämpfen.

Raff, der Anführer der Raiders, stand vor ihm, beugte sich zu ihm herunter und grinste schief. Seine Stimme klang höhnisch weich.

„Guten Morgen, lieber Phil. Wie hast du geschlafen? Möchtest du ein Brötchen oder lieber Cornflakes?“

Die Jungs grinsten hämisch. Phil versuchte cool zu bleiben, aber er spürte, wie er rot anlief.

„Ich hab dir heißen Kakao gemacht, den magst du doch so gern. Aber trink langsam, du bekommst ja immer Verstopfung davon.“

Phil hatte keine Chance. Er musste das Lachen der anderen einfach aushalten.

„Was willst du?“ fragte er schroff.

Raff genoss seine Überlegenheit, er ließ sich Zeit mit der Antwort.

„Wir könnten noch einen gebrauchen.“

Phil traute seinen Ohren nicht. Er bei den Raiders? Kaum zu glauben.

„Was ist, keine Lust?“

Der Chef grinste nicht mehr. Eine Ablehnung war eine Beleidigung, eine Beleidigung bedeutete Vergeltung. Und Vergeltung hieß Schmerz. Phil hatte mehr als genug Schmerz erlebt.

„Was soll ich tun?“

„Mitkommen“, sagte Raff nur und drehte sich um.

Die Pistole aus mattgrauem Stahl war viel schwerer, als er sich vorgestellt hatte. Phils Hand sank nach unten, als Raff sie ihm hineindrückte.

„Zeig uns, dass du’s ernst meinst“, sagte er. „Schnapp dir irgendeinen und beweise es uns.“

Phil rasten tausend Gedanken durch den Kopf. Aber zuletzt blieb nur einer übrig, zäh und heiß und übermächtig. Er pochte durch sein Blut wie ein Schlachtruf.

Viel zu lange war er Beute gewesen. Jetzt würde er zum Jäger werden.

Sie warteten, bis es dämmerte, bevor sie hinunter zum Fluss gingen, weit außerhalb ihres Reviers. Wo der Fußweg am Ufer entlang führte, setzten sie sich auf eine Bank. Menschen joggten vorüber oder fuhren Rad, hasteten mit Plastiktüten voller Einkäufe nach Hause. Als es dunkler wurde, kamen nur noch selten Leute vorbei, und dann mindestens zu zweit.

Sie blieben sitzen und warteten geduldig. Irgendwann hörten sie das Rattern eines Skateboards. Jemand kam. Allein.

Phil stand auf und ging in die Dunkelheit.


Der Uniformierte schob ihn durch den grauen Gang zu einer schweren Tür, drückte einen Schalter und öffnete sie. Weiter ging es, vorbei an Stuhlreihen und Bänken, bis der Beamte Phil auf einen Stuhl hinunterdrückte und sich hinter ihn stellte.

Der Rechtsanwalt saß neben ihm, nickte ihm zu, und sortierte weiter seine Unterlagen.

Der Richter kam, sie standen auf, setzten sich wieder und die Verhandlung nahm ihren Lauf. Er verstand nichts von dem, was gesagt wurde, und musste zum Glück auch nichts sagen. Sein Anwalt sprach für ihn.

Alles, was er wahrnahm, war eine Frau, die ihn die ganze Zeit über anstarrte.

Irgendwann wurde das Urteil verkündet.

„Fünf Jahre Haftstrafe.“

Sein Anwalt gratulierte ihm, dass er so gut davongekommen war, und verschwand. Er war wie betäubt. Bevor er verstand, was das alles bedeutete, tauchte das Gesicht der Frau vor ihm auf. Sie war kreidebleich, fixierte ihn mit ihrem starren Blick wie eine Hexe.

„Du hast meinen Jungen umgebracht“, sagte sie. „Ich werde dich töten.“

Ihre Worte dröhnten noch in Phils Ohren, als er wie durch einen Tunnel aus Watte in seine Zelle geführt wurde.

Die Tage im Knast vergingen wie in Trance. Phil zog sich zurück in diese Watte im Kopf, so oft er konnte.

„Besuch für dich.“

Der Wärter sah ihn durch die Klappe in der Tür an.

Phil brauchte eine Weile, bevor er begriff, dass er gemeint war.

Besuch? Wer konnte das sein? Sicher nicht die Raiders, die hatten ihn im vergangenen Jahr nicht einmal besucht. Wahrscheinlich würden sie eher auswandern als zu ihm in den Knast kommen. Und sonst kannte er niemanden.

Unsicher folgte er dem Aufseher in den Besucherraum.

Als er die Frau erblickte, erschrak er.

„Setz dich“, sagte sie und wies auf den Stuhl ihr gegenüber.

Zögernd nahm er Platz, immer auf dem Sprung, falls sie ihn angreifen sollte.

„Hier bist du sicher“, sagte sie.

„Was wollen Sie?“

„Ich will wissen, wer du bist. Warum du es getan hast, habe ich in der Verhandlung erfahren. Aber über dich weiß ich nichts.“

„Da gibt’s nichts zu wissen“, sagte er, und seine Stimme klang trotzig.

„Ich habe Zeit“, sagte sie und lehnte sich zurück.

Sie ließ ihn nicht aus den Augen.

„Wie bist du auf der Straße gelandet?“

Er blickte auf seine Hände, die Hände, die den Jungen erschossen hatten. Ihren einzigen Sohn. Waren das wirklich seine Hände? Er schluckte. Dann stand er wortlos auf und ging hinaus.

Sie kam wieder, zwei Wochen später. Er schüttelte nur den Kopf, als der Wärter ihn informierte.

Beim dritten Mal ging er zu ihr. Sie war die einzige Abwechslung in seinen grauen Tagen.

"Sag mir, wie das geschehen konnte."

Sie gab nicht auf. Und er spürte, dass er darüber reden musste. Gegen seinen Willen.

Nach einer Weile begann er zu erzählen, stockend zunächst und ohne Zusammenhang, doch bald ergaben seine wirren Sätze einen Sinn.

Sie hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen, bis er nichts mehr sagte. Als er das Schweigen fast nicht mehr aushielt, stand sie auf und ging ohne ein weiteres Wort hinaus.

Nach vier Wochen kam sie wieder. Und dann wieder. Sie brachte ihm selbst gebackenen Kuchen, ein Buch, T-Shirts. Zu Weihnachten bekam er einen MP3-Player mit cooler Musik, Plätzchen, weitere Bücher.

Er hatte keine Angst mehr vor ihr. Sie hörte ihm zu, wenn er vom Leben im Gefängnis erzählte, von den Schlägern, die die Schwächeren drangsalierten, von der Gewalt, der Wut und der Traurigkeit, die ihn erfüllten.

Sie machte ihm Mut durchzuhalten, nicht aufzugeben, sich zu überlegen, was er mit sich anstellen würde, wenn er rauskäme. Dabei hatte sie es selbst nicht leicht. Einmal erzählte sie, wie einsam sie war. Ihr Mann hatte sie vor Jahren verlassen, und jetzt war ihr Sohn tot. Die Wohnung kam ihr so groß vor, so leer.

Als er nach knapp drei Jahren entlassen wurde, stand sie vor dem Tor.

„Wohin gehst du jetzt?“ fragte sie.

Er blickte die graue Straße hinab und zuckte die Schultern.

„Weiß nicht.“

Niemand wartete auf ihn, er hatte kein Zuhause, in das er hätte gehen können.

„Du kannst das Gästezimmer haben“, sagte sie. „Es wird seit Jahren nicht benutzt. Ich habe es geputzt und aufgeräumt.“

Sie öffnete die Autotür und wartete. Schließlich stieg er ein.

Sie gab ihm Kleidung, kochte, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, half ihm, eine Ausbildungsstelle zu finden. Er stellte sich geschickt an, war bemüht, alles richtig zu machen. Der Meister lobte ihn. Das tat gut.

Tage vergingen, Wochen, Monate, und er gewöhnte sich daran, gebraucht zu werden. Es gab ihm ein Gefühl von Sinn und Stolz. Auch das tat ihm gut. Und ließ seine alte Wut verrauchen.

Eines Abends, nachdem sie die Küche aufgeräumt hatten, rief sie ihn ins Wohnzimmer. Sie saß in einer Ecke des Sofas. Er setzte sich in einen Sessel.

„Ich muss mit dir reden“, sagte sie.

„Was gibt’s?“ fragte er verwundert.

„Erinnerst du dich daran, wie ich sagte, ich würde dich töten?“

Er zuckte zusammen. Nie würde er das vergessen.

Er nickte stumm.

„Ich habe es auch nicht vergessen.“

Seine Hände klammerten sich an die Sessellehnen, dass die Knöchel weiß hervortraten. Er hatte es gewusst. Wie hatte er so dumm sein können? Fieberhaft überlegte er, was er tun konnte. Panik stieg in ihm auf, als er sah, wie ihre Hand in die Handtasche glitt.

Sie war der einzige Mensch, dem er je vertraut hatte. Vertraut! Und jetzt —

„Ich habe meine Worte wahr gemacht“, sagte sie.

Er starrte sie mit aufgerissenen Augen an, ohne zu verstehen. Was sagte sie da?

„Ich habe dich getötet. Es fing damit an, dass ich dich besuchte. Ich wollte wissen, wer meinen Sohn erschossen hatte. Dann begann ich, diesen kalten, verstörten, brutalen Jungen, der mir gegenüber saß, zu töten, Stück für Stück. Ich brachte ihm Kuchen, ich hörte ihm zu, ich nahm ihm seine Bösartigkeit, seine Wut, seine Gewalt. Und jetzt“ – sie machte eine Pause – „ist er tot.“

Er starrte sie fassungslos an.

„Du bist jetzt ein anderer Mensch“, sagte sie. „Ein Mensch, den man lieben kann – den ich lieben kann.“

Es war, als würde sich der Boden unter ihm öffnen. Ein Schwindel ergriff ihn, und er wusste nicht, wie er sich dagegen wehren konnte.

Sie legte ihm die Adoptionspapiere vor, die sie beantragt hatte, und bat um seine Zustimmung. Er sah, wie seine Hand den Kugelschreiber nahm, den sie ihm hinhielt, und seinen Namen auf das Blatt schrieb. Und er wunderte sich, wie es sein konnte, dass es darauf regnete. 



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