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Vor ziemlich genau 10 Jahren schnitt ich mir selbst das erste Mal mit einer Bastelschere in den Arm. Ich ritzte mir das Wort "WHY" ein. Ich war 13 und es war die erste Assoziation, die mir in den Kopf kam, als ich so an meinem alten Kinderschreibtisch saß, tapeziert mit bunten Stickern, Pferdebildern, Auschnitten aus Mädchenmagazinen. An diesem Tag fing ich an, die bunte Tapete abzureißen, zu renovieren in meinem Gehirn. Die folgende Woche kehrte ich jeden Tag nach der Schule zurück an meinen Schreibtisch, zu meiner Bastelschere. Ich schrieb darüber angemessen schockiert in meinem Tagebuch und versteckte meine verletzte Haut unter einer Lage Jerseystoff, der sich jedes Mal, wenn ich mich etwas mehr bewegte, an den Wunden rieb, und mir durch den kurzen ziependen Schmerz zurück ins Gedächtnis rief, was Fakt war. Du hast dich selbst verletzt.

Jahrelang bin ich immer wieder an diesen Tisch zurückgekehrt. Ich bin immer noch nicht fertig mit den Renovierungsarbeiten und ich habe das Gefühl, dass ich über mich sprechen muss, dass ich über mich sprechen sollte. Die Welten, die wir einander auf Instagram und Co zeigen, sind meistens nicht real, sie sind geprägt von hübsch angerichtetem Essen, Sonnenuntergängen, Selfies genau aus dem richtigen Winkel geschossen, Kinderfotos. Ich bin da keine Ausnahme. Ich möchte anfangen, mehr zu zeigen. Ich möchte etwas zeigen, das echt ist, etwas teilen, das so unmissverständlich zu mir gehört, dass mich langsam aber sicher das Gefühl beschleicht, ich würde lügen, wenn ich es weiterhin ungesagt lasse.

Immer wenn wir denken, wir hätten das Leben jetzt begriffen, begriffen, wie es funktioniert, passiert wieder etwas, das wir nicht verstehen, das wir nicht einordnen können, Situationen, mit denen wir noch nicht umgehen können oder es immer noch nicht können, obwohl wir überzeugt waren, wir könnten. Und dann müssen wir von vorn anfangen, alles auf Null setzen. Dabei sind wir nie bei Null. Jeder Tag, den wir überleben, den wir immer noch hier sind, ist etwas, das sich unwiderruflich zu erreichen lohnt, jedes Mal Weitermachen wenn wir dachten, jetzt geht es wirklich nicht mehr, ist wertvoll.

Ich vergesse das selbst andauernd und weiß, dass es unzählige Menschen geben muss, denen es ähnlich geht.

Mentale Erkrankungen waren und sind unglaublich aktuell und werden es auch immer sein. Ich will dazu beitragen, mehr Bewusstsein zu schaffen, dem Stigma entgegen zu wirken, ich will meine Erfahrungen teilen, Dinge von mir preisgeben, die über den letzten gemütlichen Abend mit Freundinnen hinausgehen, tiefer gehen. So oft lese ich hier so starke Texte von starken Menschen, in denen ich mich wieder finde, die mir helfen, durch den Tag zu kommen, selbst wenn es nur wenige Worte sind. Und das ist so viel Wert.

Ich möchte auch so etwas kreieren. Also fange ich jetzt damit an. 



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