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Suffimoiselle

Kaffeegenuss als Talfahrt durch bipolare Störungen

Ein kölnischer Studentenalltag in Kooperation mit dem KVB-Dschungel

 

Der Kaffeekonsum ist wie eine Talfahrt durch eine bipolare Störung.

So, oder noch viel mehr, fühle ich mich jeden Montag auf ein Neues, nachdem ich zwei Tassen mit 500ml purem schwarzen Gold intravenös in meinen Körper geschüttet habe.

Noch bevor ich mich meinem täglichen Selbstexperiment bezüglich eines drohenden Herzrasens widmen kann, jage ich mich für eine halbe Stunde unter die Dusche. 

Der Wecker, der mich seit inzwischen weit mehr als einer Stunde alle neun Minuten daran erinnert, gefälligst meinen Hintern aus dem Bett in die Dusche zu bewegen, wo er bereits ist, führt zu meinem ersten Wutanfall des heutigen Tages.

„Kann ich es denn nicht wenigstens einmal schaffen, vor meinem Wecker wach zu werden, oder wenigstens, nachdem ich aufgewacht bin, diesen auszuschalten?“

Nach dem zweiten Zwischenstop, meinen Wecker endgültig auszuschalten, gebe ich mich kampflos geschlagen. Soll das blöde Ding doch weiter den penetranten iPhone-Ton von sich geben, ich höre einfach nicht hin.

Dreißig Minuten sind vergangen, ich habe es geschafft und fühle mich wie der unangefochtene Champion im Kampf mit der Geduld.

„Was ziehe ich denn jetzt bloß an?“. 

Die wirklich wichtigen Fragen des Lebens kosten mich regulär etwa zwanzig Minuten, aber weil ich heute absolut rein gar nicht in der Stimmung bin, mich meiner potenziellen Karriere als Stylistin zu widmen, gehe ich meiner Leidenschaft des Kostümbildnisses nach, und hülle mich in meine liebste Rolle: Einen schwarzen Rollkragenpullover, die Italiener pflegen, ihn ‚Dolce Vita‘ zu nennen (wirklich wahr!), gepaart mit einer schwarzen ausgeleierten Hose und einem Paar spitzer Schuhe, natürlich auch schwarz. Schwarz spart morgens immer viel Zeit, falls man mal wieder verschlafen haben sollte. Also immer dann, wenn das Leben mal wieder alles andere als süß erscheint.

Der Kaffee wird schnell getrunken. „Ex oder Schalker“, mein Gehirn weiß, wie es mich immer wieder zu neuen Schandtaten bewegen kann (spätestens jetzt solltest du als Leser wissen, dass ich ein waschechtes Urgestein aus dem Dormunder Teil des Ruhrpotts bin).

So, jetzt aber dalli.

In der Panik, von meinen Mitmenschen gefragt zu werden, welcher Verwandte denn dieses Mal gestorben ist, fällt meine Wahl in der Not der Eile auf einen lilanen Webpelzmantel, darin werde ich sicherlich nicht in der Uni auffallen (wie gesagt, das Gehirn kann sich morgens unter der Entfaltung seiner kognitiven Fähigkeiten auch gerne einmal irren).

So, jetzt bloß nicht die Kopfhörer vergessen und ab aus dem Haus, wir wollen doch nicht schon wieder zu spät zu Italienisch kommen.

Der waschechte Vollblutfranzose hört auf dem Weg mit der U-Bahn zur Uni Nekfeu.

Meine Rapmoves verbessernd stolziere ich mit dem meine Mitmenschen nervenden Klackern meiner Schuhe zur Haltestelle. Es grenzt an ein Wunder, dass ich in meiner Verpeiltheit bei der Stolpergefahr noch keinen Sturzflug auf den Trottoir hingelegt habe. Für den finalen Akt der selbstverschuldeten Körperverletzung räume ich im Verlauf des Tages aber noch Zeit ein, keine Sorge!

Ich habe mich bei meinem Glück getäuscht, die KVB bleibt die KVB, sie wird wohl (m)ein Leben lang für Probleme meiner Pünktlichkeit führen.

Inzwischen ist die Bahn eingetroffen, heute habe ich die große Ehre mir den Vierer mit einer vollbusigen älteren Pommes essenden Frau zu teilen, deren Fast Food das Eau de Cologne der Linie 15 für heute bleiben wird, noch lange, nachdem sie ausgestiegen sein wird. Neidisch und zugleich angewidert freue ich mich auf meinen Ausstieg an der Haltestelle Zülpicher Platz.

Es hätte natürlich eine sehr entspannte und harmonische Fahrt mit der Frittenoma und mir werden können, wenn sich nicht auch noch eine überschminkte und bis in den Himmel gebotoxte Societylady mit ihren zwei ungezogenen Schoßhündchen zu uns gesellt hätte, die es schaffen, ganze zwölf Minuten unkontrolliert und wie aus einem Megaphon ertönend, zu kläffen. „Warum habe ich noch gleich keinen Führerschein?“ „Richtig Ophelia, weil du ein dummer Trottel bist!“.

Andererseits, welcher dekadente neureiche Student hätte die Kohle für den Autobesitz in Köln in seinem Portemonnaie mal so eben über? Was kostet die Welt?

Mehr als 1,50EUR für eine Kurzstreckenfahrt, so viel ist zumindest gewiss. Ich hingegen darf erneut mit dem Zusammenbruch meines Nervenkostüms aufgrund diabolisch nervtötenden Mitfahrer bezahlen.

Ich glaube, die großen Katastrophen meines mir heute bevorstehenden Tages schon weit hinter mir gelassen zu haben, als ich mich dazu entscheide, wohlgemerkt meinen Kommilitonen zu Liebe, mich dem drohenden Lärmpegel in der Linie 9 nicht auszusetzen und die letzten Paar hundert Meter zur Uni als Fußgänger zu absolvieren.

Gesagt. Getan. Gegangen.

Meine postmoderne Interpretation von „veni, vidi, vici“ wird mit einem Abfall meiner Migräne belohnt und mit meinem nächsten Aufreger des Tages bei Ankunft im Sprachlabor bestraft. „Italienisch fällt aus!“.

Worte, welche mich eigentlich in puren Jubel müssten ausbrechen lassen, werden gefolgt von einem Tourette-Anfall à la Française. Ich fluche für mindestens zehn Minuten und echauffiere mich anschließend über Gott und die Welt.

Margarete und die nette Barista im Phil-Café bewerkstelligen das nahezu Unmögliche: Sie vollbringen es, eine Grumpy Cat in ein schnurrendes Kätzchen zu verwandeln. Café au lait und ein Pain au Chocolat rücken den Schmerz über die verpasste Möglichkeit, ausschlafen zu können, in Vergessenheit.

Mein ganz persönliches Heroin führt vor Abklingen der Symptome wie ultimative Konzentration und Leistungsfähigkeit im Seminar zur französischen Sprachwissenschaft binnen von zweiundsechzig Minuten zum Cold Turkey.

„Packe ich meine Sachen und verschwinde?“.

Diese Frage ist rhetorisch zu verstehen. Ich packe. So viel zur heutigen Produktivität.

Wenigstens leistet sich die Linie 9 auf dem Weg zum Neumarkt heute keinen Fauxpas und bleibt frei von Gestalten aus einem Gruselkabinett wie ihre Schwester, die Linie 15, heute morgen.

„Diphtong, Diphtong, Diphtong.“ Mein Gehirn ist immer dann auf Sendung, wenn es schon längst zu spät ist.

Mittlerweile müssen die anderen Fahrgäste mich für den gleichen Störfaktor halten, den heute morgen zwei anderen Damen für mich gebildet haben. Zu meiner Verteidigung sitze ich jedoch nicht frittenfutternd und mit bellende Bällen aus Fell auf einem der Plastiksitze, die so aussähen, als wäre Jackson Pollock für 24 Stunden in einer U-Bahn-Zentrale eingesperrt gewesen.

Die Rolle der Psychopathin, die wie eine Irre die ganze Fahrt über vor sich hingeiert, scheint ein großes Publikum gefunden zu haben, weil sich mehrmals die Köpfe zu meinem Einzelplatz drehen.

I don’t give a damn. Ich lache weiter. Ich kann nicht aufhören. Ich steige endlich aus.

Mit sonorer Stimme schallt ein „Danke für Ihre Aufmerksamkeit und bis zum nächsten Mal!“ aus meinem Mund. Habe ich das gerade wirklich getan?

„Mit einem Abo lernen Sie die schönsten Flecken in Köln und Umgebung kennen.“ Ohja, liebe KVB. Und gratis oben drauf auch die nervigsten Zeitgenossen.

Du verbindest nicht nur die Stadt als Verkehrsnetz miteinander, sondern auch die penetrantesten Psychopathen. Und das schlimmste: Ich erkenne mich in beiden Rollen wieder. Die, der genervten Mitfahrerin, als auch die, der Nervensäge.

Wohin führst du mich jetzt? Welche sind denn die mitunter schönsten Flecken Kölns?

Noch ungewiss, ein Urteil fällen zu können, laufe ich blind los. Geradeaus und mal rechts und wieder nach links. Durch die Ruhe finde ich wieder zu meiner inneren Mitte zurück und drehe einige Runden in meinem Gedankenkarussell.

Ich bin zwar manchmal schlecht gelaunt und stelle eine Herausforderung für meine Mitmenschen dar, wenn diesen es zuvor gelungen ist, meine fieseste Seite in Form von Genervtheit hervorzukehren, doch will ich keine Sekunde davon missen.

Meine Kölner Puppenkiste lebt von Hektik und Humor und besteht aus den schaurig-schönen Zufällen der Begegnungen mit anderen Marionetten.

Ohne zurückzublicken, weiß ich jetzt wieder einmal, wo ich zu Hause bin.

Danke Köln, für jeden Atemzug in dir luftverpesteten Metropole mit dem atemberaubendsten Dom der Welt. Ich will keine Sekunde mit und in dir missen.



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