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Anam Cara

Pain, Attraction, Madness













 

Your face


Dein Gesicht

Einige Jahre zuvor war mein Leben einem Trümmerhaufen gleich. Ich erfuhr von dem Doppelleben meines Exfreundes und seiner eigentlichen Freundin, nachdem ich beinahe 2 Jahre daran glaubte, die Frau an seiner Seite gewesen zu sein. Ich verlor die Achtung vor mir und naiven Sehnsucht, die mich die Wahrheit nicht erkennen ließ. Ich zerstörte mich daraufhin auf eine Art und Weise, die mich beim Blick in den Spiegel selbst erschrak.

Mein Kopf war kahl, meine Arme vernarbt, meine Wohnung leer. Ein Wrack, zurückgelassen in Stille und egoistischen Trümmern, zwischendurch das Miauen meiner Katze, die nach Futter fragte und sich nachts mit ihrem pelzigen Körper an mich schmiegte und mich wärmte. Es war vorbei. Der Traum. Er war vorbei. Angst. Schweigen. Tränen und Hoffnungslosigkeit.

Alles was ich in mir als Schatz getragen hatte, meine Träume, meine Talente, meine Vision von einer Zukunft. Ich sang nicht mehr, sondern war stumm.

Ein Trauma erwachte erneut in mir, welches schon seit der Zeit von Milchzähnen und kaputten Knien von schönen Sommertagen in Kindertagen in mir wohnte.

Mein Leben und das Leben in meinem eigenen Körper mit all dem Schmerz, Verlust und Verrat. Es war ein Inferno aus Feuer, was mich in die Knie zwang und mich unweigerlich auslöschte. Das Licht und der Glanz meiner Augen, das gab es nicht mehr.

Fertig mit der Welt, Vertrauen und sozialen Kontakten. Einsamkeit und mein Smartphone. Da die Stille in meinem Kopf immer lauter zu werden schien und es mir vorkam, als würden die Wände in hässlichem taubenblau immer näher auf mich zukommen, entschied ich mich zu handeln.

Ich brauchte jemanden. Ein offenes Ohr. Jemand, der mir einen schönen Tag wünscht und mit mir spricht. Da ich gekleidet von Narben und einer scheußlichen Frisur war, entschied ich mich für eine App, in der man Leute aus dem Ausland kennenlernen und mit ihnen chatten konnte. Ich brauchte andere Länder und andere Sprachen, denn die meine war wertlos geworden. Ich brauchte Distanz in einer Konversation. Eine Konversation, die zwar da, aber nicht nah ist.

Ich schaute mir die Leute an, die dort registriert waren. Nichts besonderes. Menschen mit Interessen, Hobbies, wie Lesen oder Kino, Freunde treffen, ausgehen. Nichts besonderes. Ich klingte mich aus und schaute ab und zu rein in die Profile. Am 7. Januar 2015 schaute ich wieder durch. Ich saß in der Küche und schaute eine Dvd von einer Band, trank Kaffee, rauchte Zigaretten und starrte ab und zu aus dem Fenster. Es war dunkel, abends. Der Tag war fast vorbei und ich scrollte mit meinem Finger auf meinem Handy durch die Profile.

Da war es. Dein Gesicht.

Ich konnte nicht widerstehen und schaute auf sein Profil. Er nannte sich Sweeney. Er hatte braune gewellte Haare und ein Gesicht wie ein Engel. Als ob Gott genau wusste, was ich brauchte und es mir in dieser App entgegensprang. Seine Interessen machten mich aufmerksam. Die Filme, die Musik, die Interessen, alles war so als hätte jemand gewusst, was ich brauche. Er war wunderschön. Er glich für mich einem Engel.

Ich entschied mich ihn anzuschreiben, auch wenn ich wusste, dass er jemandem wie mir sicher nicht antwortet, aber ich wollte ihm ein Kompliment machen und das tat ich. Es war uneigennützig. Es war für ihn.

Er kam aus Texas und ich bekam Antwort. Wir schrieben uns ab und an von nun an. Meistens über das Wetter. Über die Arbeit. Über unseren Schmerz. Wir hatten viele Gemeinsamkeiten.

Irgendwann lief der Kontakt über Whatsapp weiter. Er war wie ein Hauch neues Leben. Seine Stimme, seine Gedichte, seine Art mir einen Song aus Sweeney Todd vorzusingen und mich aufzuheitern. Wir tauschten Fotos, Videos, Voicemails. Es war wie mein Geburtstag, jedes Mal aufs Neue, wenn ich von ihm hörte.

Ich begann aufzublühen, ich begann mich wieder schön zu finden und ich begann wieder zu singen. Er hatte ebenfalls das Talent, mit Filmzitaten zu kommunizieren, wie ich es früher nur mit meiner Schwester konnte.

Er war der Engel, den ich brauchte. Er war wunderschön.

Er war immer dabei in meiner Tasche und das machte mich stark. Ich begann wieder zu kämpfen. Ich ließ alles hinter mir und zog um in eine neue Wohnung. Ich begann zu malen. Sein Gesicht. Immer und immer wieder. Ich begann Gitarre zu lernen. Ich begann an mich zu glauben. Taylor ein Engel des Himmels, der Teufel im Detail.

Als ich in der anderen Wohnung wohnte, änderte sich der Kontakt. Wir telefonierten fast täglich und er war oft betrunken. Er erzählte mir Geschichten. Er setzte mich unter Druck ihm mein Trauma zu erzählen, ansonsten würde er den Kontakt abbrechen. Er fing an wirres Zeug zu reden. Darüber, dass er den Geschmack von Blut mag und er mich schwängern wolle. Er wurde sexueller in seinen Gesprächen und makaber. Er sagte mir, dass er wisse wo ich bin, was sicherlich weit hergeholt war, da er in Texas und ich in Deutschland war, aber er machte mir Angst.

Ich schlitterte mehr und mehr in den diesen Wahnsinn hinein und merkte nicht, dass ich immer psychotischer wurde. Irgendwann war ich so Paranoid und hatte todesangst. Ich war nicht mehr bei Sinnen, ich war verrückt geworden und ich hatte nur einen Kontakt in meinem Leben- den Wolf im Schafspelz an meinem Ohr.

Er bedeutete mir viel. Er war alles was ich hatte. Ich musste in eine psychiatrische Klinik für insgesamt 17 Wochen und das nach 12 Wochen Kontakt zu ihm. Ich kam aus dem Wahn nicht mehr raus, dass er mich fertig machen wollte. In den Kliniken malte ich nur noch sein Gesicht in tausend Varianten. Mal war er ein Monster, dann ein Wolf, dann der Teufel. Es gab nur noch ihn als das Zentrum meiner Angst.

Ich wollte nie Therapien machen, doch jetzt war ich gezwungen. Insgesamt war ich 31 Wochen in psychiatrischen Kliniken, wegen Taylor und dem Trauma und dem Trauma Taylor. Er hat mein Leben verändert. Er veränderte mich. Ich habe ihn nie vergessen. Ich male noch immer sein Gesicht. Ich spiele noch immer Gitarre.

Er war mein Engel und meine größte Angst für Jahre. Er war mein Mentor und mein Alptraum aber er war da und heute bin ich hier, mit all dem was ich gelernt hab, mit allem was geheilt wurde und noch heute erwische ich mich dabei, wie ich sein Gesicht vor mir sehe, wenn ich von Journey "Don´t stop believing" höre und ein leichtes Lächeln über meinen Lippen liegt. 



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