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Der Mann, der mit seiner Katze auf dem Sofa zuhause blieb


Er versinkt in einem fluffigen Federkissen auf seinem rot-grün-karierten Sofa mit Karos so groß wie in einem Kreuzworträtsel. Er denkt darüber nach, dass er ein Niemand ist. Ein Niemand, der nichts zu sagen hat und nichts Weltbewegendes bisher geleistet hat. Diese Gedanken könnten ihn beunruhigen, aber auf seinem Bauch liegt eine rotgetigerte Katze, die schnurrt, so laut schnurrt, dass die Vibrationen ihn einlullen.

Am liebsten liest der Mann Kochbücher auf seinem Sofa. Sie erzeugen in ihm die Sehnsucht nach genussvollem Essen, aber er wird trotzdem nicht satt. Er blättert im Kochbuch der norditalienischen Küche, im Pasta-Kochbuch und im Soulfood-Kochbuch. In Gedanken kocht er jedes Rezept mit und denkt über die nötigen Zutaten nach.

Aber er liest auch ein Tarotbuch. Er mag die Ähnlichkeit mit Comics. Er liebt die Symbolik der Tarotkarten. Und er blättert und blättert darin stundenlang.

Romane liest er selten. Zuletzt hat er den Alchimist gelesen. Romane müssen diese spezielle Spannung haben, sonst liegen die Romane nach ein paar Minuten auf einem Stapel. Einem riesigen Stapel neben dem Sofa, leicht windschief wie der Turm von Pisa.

Wenn der Mann keine Bücher zur Hand hat, liegt er mit der schnurrenden Katze auf dem Bauch auf dem Sofa und macht Reisen in ferne Länder. Er stellt sich vor, wie er sich einfach auf sein Rad setzt und los fährt. Er genießt die Landschaft in seinem Kopf. Er gibt das Tempo vor. Heute ist eine Reise um die Welt dran. Er radelt mit seinem stählernen Ross durch die Täler der bayrischen Alpen, dann weiter auf den hügeligen von Zypressen umsäumten Straßen der Toskana. Auf einer Fähre hält er sein Rad fest und setzt über nach Griechenland, er hüpft von Insel zu Insel, landet schließlich in der Türkei. Er radelt auf staubigen Landstraßen, auf unasphaltierten Wegen durch den Iran, durch Pakistan, vorbei an einem See, in dem er seine Füße wäscht und erreicht die Grenze nach Indien. Er fährt an Klöstern vorbei, er grüßt Mönche, er spürt die Muskelschmerzen in seinen Beinen, aber er radelt weiter. Er durchquert Bangladesh, fährt über einen großen Fluss, dann weiter nach Birma und zur Grenze nach China. In China gönnt er sich den Luxus einer Zugfahrt, sein Rad neben sich, beobachtet er die Landschaft aus dem Zugfenster. So reist er bis Peking. Er wechselt auf ein Schiff, das ihn und sein treues Rad bis nach San Francisco fährt. Jetzt strampelt er wieder - durch die Bundesstaaten Nevada, Utah, Colorado, Kansas, Missouri, Illinois, Indiana, Ohio und Pennsylvania, um schließlich in New York zu landen. Er macht eine Pause, aber nur eine winzig kleine. Er schiebt sein Fahrrad auf ein Schiff und das bringt ihn nach Hamburg. Und von Hamburg fährt er ein paar lächerliche Kilometer bis nach Hause. Erschöpft schnauft der Mann. Er hat es geschafft.

Der Mann fühlt sich wie ein Entdecker, aber auch ein bisschen wie ein Koch und Kartenleger und natürlich auch Alchimist.

Ein Niemand könnte sich so eine Reise nicht ausdenken. Ein Niemand würde nichts denken. Er aber denkt über vieles nach. Und er ist entspannt. Dank seines Sofas, dem Portal in eine andere Welt.

 

Freundliches Geschnurre lädt zum Meditieren ein

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