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Mal poetisch, mal grotesk, gerne traurig, kafkaesk. Tags im Laden, dann am Schreiben. Nachts in Gedankenmeeren treiben.


TPunktBPunkt

Bald

Liegt dir dein Leben schwer im Magen?
Vielleicht solltest du mal etwas wagen.

 

Du willst so viel, der Weg ist weit. Zum Glück hast du ein Leben lang Zeit.

Wann hast du begonnen, die Stunden zu beschimpfen?
Ständig zählst du die Wochen und musst die Uhrzeiger verunglimpfen.
Andauernd trennen sie dich von dem, was du erleben willst,
Während du Hausarbeiten schreibst und deinen Nachwuchs stillst.
Wie gern wärst du stattdessen auf einem Boot in der Karibik,
Unterwegs allein auf blauer See.
Umgeben von sprachlosen Fischen und wortlosem Wind
Stattdessen wirst du erwachsen und fühlst dich doch wie ein hilfloses Kind.

Bald.
Bald wirst du deine Träume leben.
Bald kommt diese wundervolle Zeit.
Die Hoffnung lässt dich vor Vorfreude beben
Und wenn du im Fernsehen einen Reisebericht siehst, ruft dein Herz „Ich bin bereit!“
Du kannst bloß nicht weg – noch nicht – es ist noch nicht so weit.
Zuerst quälst du dich durch Überstunden und Nachtschichten,
Sorgst dich, träumst und wünschst und hast den Eindruck, dass sich deine Haare langsam lichten.

Bald.
Bald wirst du deine Träume leben!
Du musst dich jetzt nur etwas gedulden.
Du willst dem Staat nach dem Studium doch nicht ein Vermögen schulden.
„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ –
Wenn du dir das vorsagst, fühlst du dich, als würdest du lügen.
Bald, da wirst du ein Haus bauen!
Dein eigenes Bier brauen.
Wenn die Zeit kommt, dann wirst du Norwegisch lernen
Und energieraubende Menschen aus deinem Leben entfernen.
Du wirst im Sonnenuntergang über Strände spazieren,
Du wirst diese Antriebslosigkeit verlieren.
Bald, da beginnst du dein neues Leben
Vorher musst du dir bloß dieses Sicherheitsnetz weben.

Du spürst deinen Rücken,
Du merkst deine Knie.
Hier zwickt es, da zieht es; das gab es früher nie.
Vielleicht wachst du eines morgens auf
Und ganz plötzlich kommst du dann drauf:
Du hattest ein schönes Leben in deiner Fantasie.
In deinen Gedanken bist du Berge hinaufgestiegen,
„Bald wird es so weit sein“, dachtest du dir beim Auf-dem-Sofa-Liegen.
Während du gedankenverloren dein Kind bespaßt hast,
Hast du bunte Zukunftspläne gefasst. 

Wenn du heute morgen also deine Augen aufreißt,
Dann seufzt du tief, denn du siehst ein, dass du weißt:
Das Bald legt dein ganzes Leben auf Eis.
Du begrüßt es als Ausrede, um es bei Träumen zu belassen
Und als Begründung, um dein ach so unperfektes Jetzt zu hassen.
Du hast nicht nur deine Ziele verpasst,
Sondern siehst in dem, was dir geschenkt wurde, bloß die Alltagslast.
Du denkst, dein ödes Leben müsstest du nicht einmal erwähnen,
Dabei hast du so vieles, das sich viele ersehnen. 

Wie viel Zeit musst du denn noch verlieren,
Um irgendwann einmal endlich zu kapieren,
Dass schon deine Träume allein längst ausreichen,
Um etwas zu wagen und das Bald aus deinem Leben zu streichen.



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