published in '24hDeutschland von Juptr' on Juptr.io

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Find what feels good, then give it away, for luck is like a candles flame - no matter how often you share the light, it will only get brighter around and inside.


Leena_Ausgerissen

Morgen: grau. / Abend: rot. 

Ich schieße ein Foto und twitter mit hashtag: #woTräumezersplittern. #24hDeutschland

 

zersplitterte, verschüttete Träume? 

Es ist Nacht. Ein schrilles Schreien durchdringt meinen Schlaf - auf einen Schlag bin ich wach. Erschüttert setze ich mich auf und stiere benommen in die Dunkelheit. Gerade schien es noch der Höhepunkt eines Tarantino-gleichen, actionreichen Traums zu sein -

doch es ist nur der Wecker - ein neuer Morgen. 5 Uhr dreißig reißt mich mit zuverlässiger Erbarmungslosigkeit dessen Ruf in den Tag. Ich versuche mich zu orientieren. Auf allen Vieren grabsche ich unbeholfen nach meinem Phone, dessen Smartness ich jeden Morgen auf's Neue verfluche. Dennoch möchte ich es nicht missen müssen, den Kontakt zur Außenwelt, zur Musik - die so vieles erträglicher macht - in meiner Hosentasche zu wissen.

Lustlos schleppe ich mich ins Bad, um mir die kurze Nacht aus dem Gesicht zu waschen. In diesem Moment ist mein einziger Ansporn der Ruf meines Körpers nach Koffein. Ich kralle mir meine Tasche und stürze aus der Wohnung - schon jetzt gestresst, dabei hat die eigentliche Alltagshektik noch nicht einmal eingesetzt.

An meiner Haltestelle angekommen, hole ich mir vom Imbiss neben an noch den heiß ersehnten, heißen Kaffee und dann kommt auch schon meine Bahn. Sie sammelt sie sich durch die Straßen, gabelt Menschen auf und spuckt sie wieder ins Grau, kaum dass sie eingestiegen waren. Hier geht man nicht zu Fuß, wenn man nicht muss.

Frust zeichnet die meisten Gesichter um diese Zeit. Wobei... In diesen Straßen eigentlich immer. Manchmal versuche ich mir und ihnen ein Lächeln abzuringen, sie zum Strahlen zu bringen, wenn's schon die Sonne nicht tut. Aber alles was strahlt, ist das kaltweiße Licht im Inneren der Straßenbahn. Straßennamen hallen in monotonem Tonfall durch's Abteil, während ich Menschen dabei zusehe, wie sie zur Arbeit- oder von der letzten Party nach Hause eilen.

Am Ziel angekommen halte ich inne um einen Moment die Stille zu genießen. Noch einmal kurz die Augen schließen, ein tiefer Atemzug, denn vor mir liegen 8 Stunden Selbstbetrug. Einfügen ins System, egal wie unbequem es sich anfühlt, seelenlos zu funktionieren. Ich schieße ein Foto und twitter: hashtag # wo Träume zersplittern.

"Das ist alles nur Mittel zum Zweck", red' ich mir ein, "um irgendwann ausbrechen zu können, unabhängig zu sein." Nur so lässt sich die mich quälende Routine überstehen, ohne dass sie mich verschluckt und ich drohe, in ihr unterzugehen. Ist die Arbeit getan, schafft es mein Geist, sich aufzuraffen, denn dann packt mich der gesparte Elan. Auf meinem Weg aus der Tür lasse ich sie hinter mir, die Monotonie, stehe an dieser Stelle auf der Schwelle zwischen zwei Welten.

Denn nun gilt es zu nutzen, was an Zeit noch bleibt. Mittlerweile sehen die Straßen viel bunter aus. Bilder machen die sonst so eintönig tonlosen Hauswände schöner. Man beschwert sich natürlich, dass die Wände beschmiert sind. Ich aber freu mich, dass die Sprayer einen Teil der Tristesse maskieren. Picasso-schön leuchten die Graffitis im Nachmittagslicht, weisen mir den Weg zu dem Teil des Tages, der Besseres verspricht.

Man trifft sich an den wohlbekannten Ecken, versteckt sich vor denen, die das nicht verstehen - und lebt. Schwebt und tanzt zum Beat der Musik, die man gemeinsam liebt. Dort wo wir uns finden, sind wir alle Künstler und sei es nur die Kunst des Überlebens in der Finsternis jenes Alltags, der jeden von uns in den Händen hält. Wir erzählen über das, was uns gleichermaßen missfällt und dann... kommen wir immer wieder zum selben Entschluss. So schlecht ist sie hier nicht, die Welt.

Ja, es könnte uns viel schlechter ergehen und vielleicht ist es gerade die Gleichförmigkeit, die uns am Ende befreit und Leinwände macht, aus unseren Leben. Uns Raum gibt, für Farben, Meinungen, Klänge, trotz aller Konflikte und der scheinbaren Enge. Wir haben die Freiheit, inspiriert sein zu können, nach all dem, was wir "müssen", einfach Wir sein zu können - ohne Angst vor den Dingen, die andere zum hierher flüchten zwingen.

Man diskutiert und fantasiert noch eine Weile, bis es schließlich spät wird und die Sonne untergeht. Ein letzter Schluck Mate, ein "Cheers" und ein Lächeln, unser stummes Versprechen, auch morgen wieder hier zu sein. Wir sind da füreinander, wir sind "die Anderen" und dennoch wie Du. Menschen mit Sorgen, Träumen, Ideen, genau jetzt unterwegs auf dem selben Planeten.

Bei Sonnenuntergang mache ich mich auf den Weg zurück. Die mir vertrauten Hausansichten leuchten warm, sind beinahe schön, in diesem Licht. Ich laufe den letzten Strahlen entgegen, hebe den Blick über die Neubautendächer und stelle einmal mehr für mich fest;

um diesen Moment, diesen Abend so rot leuchten zu sehen, würde ich das morgendliche Grau für immer auf mich nehmen.

(c) by Leena Ausgerissen  



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