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Das Auflösen der Wände

Ein Essay über Heimat.

 

1. Wand – Der Ort

Heimat als Ort der Geburt und der frühesten Sozialisation der Kindheit zu sehen, scheint ohne Frage überholt, hat unsere Lebenskultur sich doch zu einem sehr flatterhaften Konstrukt entwickelt, das sich nicht mehr dauerhaft regional binden lässt. Ehen werden häufiger geschieden, Patchworkfamilien werden gebildet, der Arbeitsmarkt ist instabil wie die Zukunftspläne der ewig Adoleszenten, die mittlerweile in ihn einsteigen, es studieren so viele junge Menschen wie nie zuvor, langwierige Praktika, all diese Phänomene, welche unseren Alltag so penetrant dominieren, führen zu einem bestimmten Umstand: Viele Umzüge, ein ständiges Reisen. Ich selbst stelle ein ideales Ansichtsexemplar dieser Entwicklung dar, 26 Jahre alt bin ich mittlerweile über fünfzehn Mal umgezogen. Die moderne umgangssprachliche Art Heimat als Ort, an dem sich ein Mensch wohl und zuhause fühlt, zu definieren, wirkt angemessener. Jeder scheint selbst befähigt sie für sich zu bestimmen. Ernst Bloch sah in dem Begriff Heimat ein philosophisches Gegenstück zur Entfremdung. Heimat ist also der Ort, an dem einem alles vertraut ist, sprich: ein Ort vollkommener Sicherheit. Einen solchen Ort könnte sich jeder Mensch, wann auch immer er will, selbst schaffen. Doch dazu scheint ein weiterer Faktor unabdingbar.

2. Wand – Die Zeit

Die Zeit ist ein unverzichtbarer Faktor um einen derart vertrauten Ort zu schaffen. Denn es erklärt sich offensichtlich von selbst, dass eine gewisse Routine vonnöten ist um diese Art des Gefühls von Sicherheit zu etablieren, das dem aktuell kursierenden Begriff von Heimat immanent zu sein scheint. Und die bekannten Vorgänge im Gehirn, welche die Neurobiologie bisher untersuchen konnte, unterstreichen diese Aussage. Denn wie wir Heimat empfinden, wird durch Engramme geprägt. Das sind 2 physiologische Spuren, die durch Reizeinwirkung Veränderungen an der Hirnstruktur vornehmen. Die Gesamtheit aller Engramme bildet unser Gedächtnis. Je länger ein Mensch an einem Ort verbleibt, umso stärker sind die Engramme verankert, jedoch nur, wenn sie mit positiven Emotionen einhergehen. Betreten wir einen Ort, der großen Einfluss auf die Ausformung unseres Denkens ausgeübt hat, werden dieselben beruhigenden Gefühle erneut abgerufen; wir sind an besagten Ort emotional gebunden. Dieser Umstand bildet auch den Ursprung solcher eigentümlichen Gefühlsregungen wie Heimweh. Aber was passiert, wenn ein Mensch nirgendwo längere Zeit seines Lebens verbringt? Das Bedürfnis nach einer Heimat scheint natürlich im Wesen angelegt. Wenn der Mangel an Zeit uns also daran hindert, ein Heimatgefühl an einem Ort zu entwickeln, muss eine andere Möglichkeit gefunden werden. Die Lösung ist, den Ort wie die Zeit zu vernachlässigen und sich auf die positiven Emotionen zu konzentrieren. Diese Art der Kompensation äußert sich treffend im populär gewordenen Ausspruch „home is where your heart is“. „Du bist meine Heimat“, habe ich es letztens sirupartig einen Filmschauspieler in seinem Dialog dahersagen hören. Und auf einer recht kitschigen Postkarte las ich: „Zuhause ist, wo deine Familie ist“. In diesen Fällen lässt sich bei Heimat nicht mehr von einem Ort sprechen, es ist eher ein sozialer Raum. Die große Liebe erfüllt allem Anschein nach ideale Voraussetzungen Heimat zu verkörpern, mehr noch als Freunde oder Familie. Denn die romantische Liebe begleitet einen durch das ganze Leben, im Idealfall zieht ein Paar also zusammen um und verbringt die verfügbare Freizeit miteinander. Der Faktor der Zeit, des Verankern von Engrammen durch positive Emotionen, wird so auch in einem örtlich unsteten Leben wieder möglich. Doch bilden Personen wirklich einen adäquaten Ersatz für die klassisch definierte Heimat?

3. Wand – Der Andere

Ganz offensichtlich gibt es Unterschiede. Personen sind nicht in dem Sinne stabil, wie es eine Region, ein Wohnort, einmal war. Der Vorteil, den die ortsgebundene Heimat hatte, war, dass es ein beständig sicheres Gebiet gab. Beziehungen lösen sich auf, nicht immer, aber bei Weitem häufiger als bestehende Orte. Wenn die Person verschwindet, welche für einen Heimat bedeutet hat, ist dieser Raum nicht mehr zu rekonstruieren. Nur bestimmte Gesten oder Gegenstände, die wir mit dem sozialen Raum assoziieren, den uns dieser Mensch einmal geschaffen hatte, bringen Teile des guten Gefühls zurück. Die daraus resultierenden kleinen Erinnerungen führen dazu, dass wir diese Person vermissen. Doch ohne den Anderen physisch präsent bei sich 3 zu haben, ist auch der Heimatraum, den wir aufgebaut haben, in seiner gesamten Komplexität verloren. Ganz generell gesprochen, sind Menschen nun einmal unbeständig. Es ergibt sich also erneut eine Schwierigkeit, welche es zu beheben gilt. Menschen, die keinen Partner besitzen oder ihn verloren haben, ihre Freunde und Familie nur sporadisch sehen, weichen schließlich auf die letzte mögliche Variante von Heimat aus.

4. Wand – Das Ich

Heimat in dir, deinen Hobbies, deiner Arbeit. Wir leben immer noch im Aufschwung der Individualisierung. Was liegt also näher, als sich und seine Interessen zum persönlichen Ankerpunkt zu machen? Das Problem scheint nur zu sein, dass, wenn wir beispielsweise unsere Arbeit zur Heimat machen, keine Stabilität außer uns haben, die Sicherheit gewährleisten würde. Auch der Kosmos von positiven Gefühlen, die abrufbar sind, wirkt bedeutend kleiner. In einem Jugendzimmer, das uns Jahre des Aufwachsens begleitet hat, wird eine Masse an positiven Erinnerungen abgerufen, da es eine Fülle an Gegenständen und Texturen, welche sich mit Erinnerungen verketten können, gibt. Abgeschlossene Arbeit wird jedoch in der Regel weggegeben, nur in Ausnahmefällen bleiben Erinnerungsstücke. Es existieren wenige Tätigkeitsfelder, wie Textarbeit oder die bildende Kunst, die eine Art Archiv schaffen können, das ansatzweise Funktionen einer Person oder gar eines Ortes erfüllen kann. Fest steht auf jeden Fall, dass es aktuell ein immenses Verlustgefühl von Heimat gibt. Die Beschleunigung der Welt im Bereich der Wirtschaft und unserer Lebensverhältnisse zwingt uns, die eigentliche Heimat aufzugeben, sie lässt sich nicht mehr gewährleisten. Das führt zu zahlreichen, teilweise jämmerlichen, Versuchen diesen Verlust auszugleichen. Von mir selbst kann ich berichten, dass die Wohnung meiner Großmutter immer eine besondere Wirkung auf mich ausübte. Lange verstand ich nicht, warum ich mich dort immer so wohl, ja sogar heimisch fühlte – es war der einzige Ort, der sich über die Jahre nicht verändert hatte. Mir kam es vor, als stünde jede Vase, jeder altgoldene Bilderrahmen, als befände sich jedes Buch im Regal an derselben Stelle wie schon ein Jahrzehnt zuvor. Mittlerweile wird diese verkünstelte Heimelei vom Markt pervertiert. Die „Oma“ bildet dabei auch interessanterweise eines der zentralen Motive: Trendige Cafés, in denen es, aufgrund einer Vintage-Möblierung aussieht wie bei besagter Großmutter. „Hausgemachter Eintopf – wie bei Oma zuhause“ und themenverwandte Claims finden sich überall. Beim regional bezogenen Bio-Einkauf wird der Konsument mit Bildern von gemütlichen 4 wie urigen Bauernhöfen und satten Feldern konfrontiert. Es finden sich kleine Bars in Kreuzberg wo alles in naturbelassenen Materialien gestaltet wurde, ein wenig rustikal, Platz ist auch nicht viel, da rücken halt alle zusammen wie früher daheim am Esstisch. In unserer, um zurück auf Bloch zu kommen, vorangeschrittenen Entfremdung wird uns eine fiktionale Idealheimat eingeimpft, die wir in einem solchen Maße gar nicht mehr erfahren. In unserer Gesellschaftsform der totalen Optimierung haben wir unseren Rückzugsort verloren, die Wände haben sich aufgelöst, das Zimmer ist nun kein hermetisch abgeschlossener Ort mehr. Die Heimat verliert sich in diffuser Weite und realitätsfernen Klischees. Es gilt also sich die Zeit und den Ort zurückzuerobern, bevor uns selbst das Konzept von Heimat fremd erscheint. 



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