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Enjoy the ride. There's nothing else.


mhackethal

Die Tasche von Pierre oder Paul

Eine alte Briefträgertasche erzählte mir ihre Geschichte. Ich habe sie lediglich aufgeschrieben.

 

Seltsam, wie kleine Dinge unsere Fantasie in Gang setzen können. Ich ging über einen Flohmarkt im französischen Saint-Omer und fand eine Ledertasche, in die mit großen Lettern „P.T.T.“ eingeprägt war. Poste Téléphone & Télégraphie, vermutete ich, wahrscheinlich eine alte Briefträgertasche, vielleicht aus den dreißiger, vierziger Jahren.

Das dicke Rindleder der Tasche war spröde, doch ohne erkennbare Schäden, sogar die Nähte waren noch heil. Das Leder würde, gut gefettet, sicher wieder beweglicher werden. Ich fragte nach dem Preis und gab die geforderten zwei Euro ohne weitere Verhandlung. Ein Schnäppchen.

Ich ging davon und inspizierte meinen Fund genauer. Auf die Innenseite des Deckels war mit geraden Linien der Name „Fauveau P“ eingeritzt, offenbar mit einem Messer. Sicher der Name des Briefträgers.

Bestimmt Pierre, dachte ich, oder Paul.

Ich beschloss, ihn mir ähnlich jung und schlaksig vorzustellen wie seinerzeit Jacques Tati in seinem Film über die Schule der Briefträger. Nein, lieber ein paar Jahre älter, Ende zwanzig. Sodann überlegte ich, wie er wohl seinem Beruf nachgegangen wäre. Sympathisch sollte er sein, pflichtbewusst, immer bereit zu einem Plausch mit den Empfängern der Post.

Die Witwe Chavin hatte je nach Laune schon mal ein Gläschen Likör für ihn, der dicke M. Boulard ein Glas Wein in der Mittagszeit. Weiter unten bei Bravaille gab es nur ein ernstes Nicken, da lachte selten jemand, seit das Jüngste an Mumps gestorben war.

Da er es nicht weit nach Hause hatte, aß er daheim. Bei der Mutter? Nein, dachte ich, sei großzügig und gönne ihm eine temperamentvolle, hübsche Ehefrau, vielleicht haben sie auch schon das erste Kind in der Wiege. Warum nicht? Eine Tochter sollte es sein, Manou genannt.

Ja, das fühlte sich gut an.

Pierre oder Paul kam also regelmäßig zum Mittagessen nach Hause, nahm die Mütze vom Kopf und warf sie im Vorbeigehen auf die Garderobe im Flur des kleinen Mietshauses, das irgendwo in einer steilen kleinen Gasse hoch über dem Zentrum lag. Aber nein, das verwechselte ich jetzt mit Boulogne sur Mer, Saint-Omer war flach.

Also gut, dann wohnte er halt in Boulogne.

Wenn er seine kleine Straße aufwärts ging, kam er an eine Kreuzung, von der aus man das Meer zwischen den Häusern sehen konnte, vielleicht zwei Kilometer entfernt. Graublau glitzerte es zu ihm herauf und wartete auf ihn nach Feierabend. Bis dahin waren es allerdings noch einige mühsame Stunden. Also legte er sich gleich nach dem Essen noch aufs Sofa und hielt ein kurzes Nickerchen, die Tasche immer an derselben Stelle an einen der Sessel gelehnt.

So gingen die Tage dahin, der Sommer wich dem Herbst und dem Winter, Manou begann zu laufen und machte die Wohnung unsicher. Es war herrlich, die Kleine dabei zu beobachten, wie sie ihre kleine Welt eroberte.

Im Frühjahr brach der Wahnsinn der großen Welt in ihre kleine ein. Deutschland überfiel Polen, die Menschen befürchteten das Schlimmste. Hitler würde nicht Halt machen, wenn er Polen unter seiner Gewalt hatte. Und richtig – wenige Monate später rückten die Deutschen gegen Frankreich vor.

Pierre oder Paul trug nach wie vor die Briefe aus, doch immer häufiger wurden sie von den Empfängern mit banger Miene entgegen genommen. Die Freude an seinem Beruf wich allmählich der Sorge, ein unwillkommener Gast an der Tür zu sein. Die Leute kannten ihn, waren wie er Bewohner des Viertels oben am Berg, man begegnete sich ständig: beim Einkaufen, im Bistrot oder in der Kirche, bei Festen und Feiern. Doch jetzt brachte er ihnen nicht länger nur die ungeliebten Rechnungen oder die üblichen Briefe, sondern Nachricht, dass ein Sohn zum Wehrdienst eingezogen wurde oder gefallen war. Es war ihm, als wöge ein Umschlag mit dem Wappen der Regierung mehr als alle anderen, mochten die auch doppelt so dick sein.

Eines Tages, es war ein Herbsttag, der einfach nicht hell werden wollte, war ein Brief für ihn selbst dabei. Auch er trug das Wappen, das er so fürchtete.

Pierre oder Paul hob ihn sich bis zuletzt auf, nahm ihn in seiner braunen Ledertasche mit nach Hause, wo er seine Kappe sorgfältig auf den Haken hängte, seine Jacke auszog und sich mit dem Umschlag an den Küchentisch setzte.

Seine Frau Lisette, deren Aufmerksamkeit dem aufwendigen Abendessen galt, bemerkte dennoch, dass etwas anders war.

„Chéri, was hast du?“ fragte sie, während sie einen gusseisernen Topf mit geschmortem Kaninchen vor ihn stellte.

Pierre oder Paul wies nur stumm auf den Umschlag, der ungeöffnet vor ihm auf der gelben Wachsdecke lag. Dann erhob er sich und ging ins Bad. Er wusch Gesicht und Brust mit kaltem Wasser und rasierte sich, prüfte im Spiegel gründlich das Ergebnis, zog ein frisches Hemd an. Er warf einen Blick in den kleinen Garten auf der Rückseite des Hauses. Die Rosen sahen kränklich aus, er würde sich darum kümmern müssen. Der Messinggriff der Küchentür wackelte, warum hatte er nie Zeit, ihn festzumachen? Und Manou, meine Güte, sie war aber auch groß geworden! Ihm war, als sähe er sie seit Monaten das erste Mal mit offenen Augen. Er nahm sie auf den Arm, kitzelte und neckte sie, drehte sich mit ihr durch die Küche, doch ihr Kinderlachen, das so ansteckend war, befreite ihn nicht aus seiner seltsamen Stimmung. Schließlich setzte er sich wieder an den Küchentisch, wagte kaum den Blick auf das Kuvert zu richten.

Lisette wischte ein Küchenmesser sauber, schnitt den Umschlag auf und las. „... werden Sie aufgefordert, sich am vierten des nächsten Monats zur Musterung einzufinden. Hochachtungsvoll…“

Sie ließ den Brief sinken und setzte sich neben ihn. Es gab keine Möglichkeit, dem Gestellungsbefehl auszuweichen, das wusste sie.

„Oh Pierre (oder Paul)“, sagte sie leise.

Die lederne Tasche mit seinem Namen lag nach seiner Einberufung zunächst im Flur, dann im Wohnzimmer, an den Sessel gelehnt. Nach einigen Monaten brachte Lisette sie in den Keller, später, weil es unten zu feucht war, auf den Speicher.

Als ihr Mann mit einer Schussverletzung in der Hüfte aus dem Krieg zurück kam, war er nicht mehr derselbe. Er konnte keine langen Strecken mehr gehen. Nicht einmal die Tatsache, dass Frankreich gar nicht mobil gemacht hatte gegen die Deutschen, spielte noch eine Rolle. Pierre oder Paul fand eine Arbeit als Schreiber in der Buchhaltung, die Tasche verstaubte auf dem Speicher und geriet in Vergessenheit.

Manou blieb in dem Haus, in dem sie aufgewachsen war. Nachdem ihre Eltern gestorben waren, renovierte sie die Zimmer und räumte den Dachboden aus. Als ihr die alte Ledertasche mit dem Namen ihres Vaters in die Hände fiel, setzte sie sich auf eine Holzkiste und ließ ihre Finger über die eingeritzten Buchstaben tasten.

Fauveau P.

Wer warst du, cher Papa? fragte sie sich, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Hatte sie ihm genügend gezeigt, wie sehr sie ihn geliebt hatte, ihren lustigen, traurigen, freundlichen, stillen Vater, der nie vom Krieg hatte sprechen wollen?

Von diesem Tag an lehnte die braune Posttasche wieder an jenem Sessel, als wäre er nur eben ins Café gegangen, um einen Pastis zu trinken. Und sie enthielt nur einen Brief, den sie ihm noch am selben Abend geschrieben hatte und der nie mehr zugestellt werden würde.

Nachdem Manou selbst alt geworden war und starb, landete die Tasche auf dem Flohmarkt. Nehmen wir an, es war ihre Tochter, die sie mir verkaufte, also die Enkelin von Pierre oder Paul.

Ich weiß selbst nicht, warum, aber diese Tasche hat mir sofort etwas gesagt, als ich sie in die Hand nahm. Ich habe es lediglich aufgeschrieben. 



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