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Keine Mädchen mehr

Postapokalyptische Kinderliteratur, für Kinder ab neun Jahren. Ein Mädchen findet sich in einer Dystopie wieder, und sucht ihre Mutter. Dabei begegnen ihr seltsame Dinge...

 

Wo sie auch hinsah, um sie herum waren nur fremde Männer, und nirgends eine Spur von ihrer Mama. Ganz allein stand sie auf diesem weiten Marktplatz. Sie wusste nicht mehr, wo sie war. Nur Hokuto war bei ihr. Aus Angst umklammerte sie ihren pinken Teddy. Doch sie würde nicht weinen; sie war ja schließlich schon groß!
Einer der Männer ging vorüber und blieb kurz bei ihr stehen, musterte sie, und sagte dann mehr zu sich selbst als zu ihr: „Diese Roboter werden auch immer jünger...“ und dann ging er kopfschüttelnd weiter.
Ein anderer Mann kam auf sie zu, ganz nah. Er betrachtete sie mit aufgerissenen Augen. So wie er die Zähne fletschte und sich den Sabber von seinem Mund wischte, dachte sie erst, er wäre ein böser Wolf.

Dann plötzlich hörte sie Musik und Gesang, und ging etwas schneller in die Richtung, aus der die Stimmen kamen. Solche Melodien hatte sie vorher noch nie gehört, und so konnte sie sich nicht entscheiden, ob sie fröhlich oder traurig klangen.
Bald war sie an einem großen Gebäude angekommen, mit vielen grellen Farben und bunten Lichtern. Sie blieb erst mal eine Weile davor stehen und schaute.
Sie traute sich nicht hinein zu gehen. Also streckte sie sich und machte sich groß, damit sie durch ein Fenster schauen konnte. Im Inneren des Hauses konnte sie lauter Frauen sehen, und gar keine Männer mehr. Sie tanzten in hübschen Kleidern, spielten Musik und sangen dazu. Irgendwie erinnerte es ein bisschen an ein Puppentheater – mit großen Marionetten.
Ob ihre Mama wohl auch dort war?

RUMMS! Da erschreckte sie sich, als die Tür auf einmal zu fiel. So machte sie sich augenblicklich ganz klein und vergrub ihr Gesicht in Hokutos plüschigen Teddy-Bauch.
Eine Frau war durch die Tür gekommen und ging auf sie zu.
„He, was machst du hier?“
Sie blickte über Hokutos Kopf hinweg und sah, wie die fremde Frau immer näher kam.
Dann – für einen Moment – dachte sie, sie hätte ihre Mama wiedergefunden! Doch als sie blinzelte, sah sie, dass sie ihr nur ein wenig ähnlich sah.
Sie traute sich nicht, ihr zu antworten.
„Sag! Was ist deine Identifikation?“
Es dauerte etwas, bis sie die richtigen Worte fand. Aber kurz bevor sie ihren Namen nennen konnte, sagte die Frau:
„Ganz ohne Nummer, oder wie? Bist wohl ein Sonderstück, was? Naja, so siehst du auch aus...“
Die Frau schien irgendetwas zu erwarten – eine Antwort vielleicht. Mehr als ein fragendes Blinzeln bekam sie jedoch nicht.
„Ich bin NANA737. Los, nun steh mal auf Kleine.“
Sie zögerte kurz, ergriff dann aber Nanas Hand und stand wieder auf. Nana betrachtete sie von den schwarzen langen Haaren bis hin zu ihren nackten Füßen.
„So ein Sonderstück wie du müsste doch eigentlich schon einen festen Besitzer haben. Oder bist du etwa abgehauen?“
„Nein, bin ich nicht! Ich suche meine Mama.“
„Mama? Was ist das denn? Ein neues Modell? Wie auch immer, ich hab hier keine MAMA gesehen. Die gibt’s hier nicht.“
Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Woher wusste das die fremde Frau, wenn sie ihre Mama doch gar nicht kannte?

Aber während sie dort stand und nachdachte, rempelte ein Mann die NANA737 an. Und ihr Arm verdrehte sich dabei – so einfach wie bei einer Puppe.
„Verzeihung mein Herr.“, entschuldigte sich Nana, und verbeugte sich tief vor dem Mann.
„Pass gefälligst auf, wo du stehst!“
„Ja, Sie haben ganz recht, mein Herr. Das war ungeschickt von mir.“
Der Mann ging weiter. Und als ob das ganz normal wäre, nahm Nana ihren Arm ab.
Mit einem einzigen Handgriff schraubte sie ihn los und drehte ihn von Neuem an ihrem Schultergelenk fest. Was tat diese fremde Frau da nur? Menschen können sowas doch gar nicht!
Nana blickte auf sie herunter und sagte: „Was ist denn, was starrst du denn so?“ – und das erschreckte sie auf einmal so sehr, dass sie Hokutos Pfote nahm und so schnell weglief, wie sie nur konnte. Als sie merkte, dass Nana ihr nicht folgte, wurde sie langsamer. Ihr Hals tat ihr weh, von der kalten Luft, die sie so schnell ein- und ausgeatmet hatte, und sie musste husten.

Da sah sie auf einmal, nur ein paar Meter von ihr entfernt, drei Männer in Polizeiuniform.
Sie dachte sich, die könnten ihr sicher helfen, endlich ihre Mama wieder zu finden.
Sie holte tief Luft, und ging auf die Polizisten zu.
„Hallo. Hallo. Ich suche meine Mama.“
„Hm? Was sagst du da, deine Mama?“, antwortete ihr einer der drei Männer. Und ein anderer fragte ihn, als ob sie gar nicht da sei:
„Was redet die denn da? Die ist bestimmt kaputt...“ Dann packte er ihre Hand und drehte sie um: „Zeig mir mal deine Identifikationsnummer!“
Er stutzte.
„Was ist das denn? Wo ist deine Nummer?!“
Der Mann tat ihr weh und schrie sie an. Ihr Atem wurde immer schneller, und trotzdem bekam sie keine Luft. Schon bald brannten Tränen in ihren Augen.
Sie riss sich los – flüchtete.
„Hey! Stehen bleiben! Sofort!“
Die Männer rannten ihr nach.
„Fangt sie ein!“
Noch nie zuvor hatten sich ihre Füße so flink bewegt wie jetzt. Sie schwitzte. Doch dadurch fühlte sich der Wind noch kälter an.
Da verlor sie auf einmal Hokuto auf der Straße. Sie schaute sich nach ihm um, aber übersah dabei einen Bordstein. Sie fiel hin. Ihr Knie war aufgeschürft und blutete ein bisschen. In dem Moment tat es ihr aber gar nicht weh. Da blieben die Männer plötzlich stehen, auf der anderen Seite der Straße, und blickten in ihre Richtung.
„Sagt mal, seht ihr das auch? Seht ihr das?“
„Das ist doch Blut! Blut an ihrem Bein!“
„Das würde ja bedeuten, dass sie gar keiner ist.“ „Gar kein Roboter, sondern ein Mensch!“
„Nein, das gibt’s nicht! Es heißt doch, dass es schon seit über hundert Jahren keine Frauen mehr gibt.“
Die Männer starrten sie an und gingen nicht weiter auf sie zu. Das nutzte sie, stand wieder auf, und lief hastig davon. Die Polizisten gafften ihr nur nach, und sie entkam.

Sie ging noch ein Stückchen weiter, bis zu einem Fluss. Nun musste sie doch anfangen zu weinen. Sie war ganz allein und hatte ihren besten Freund und einzigen Beschützer verloren. Es war dunkel und kalt, und der Himmel donnerte über ihr.
Nach einiger Zeit wurden ihre Augen immer müder vom Weinen. Sie blickte sich um und suchte nach einem Unterschlupf – und entdeckte gleich am Fluss ein großes Kanalrohr. Dort ging sie hinein und kauerte sich zusammen, und es dauerte nicht lang, bis sie einschlief...
Und dann sah sie endlich ihre geliebte Mama vor sich, die ihre Tochter in ihre Arme schloss und zu ihr sagte: „Keine Angst, Karen.“
Und Karen lächelte im Schlaf – denn sie dachte an die Tunnel unter der Stadt, und an all die anderen Frauen und Mädchen.



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