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I'm Rebecca. I paint, I write.


rebeccaxdoe

Kannst du?

Kurzgeschichte. Begegnung die mich nachhaltig verändert hat: Kuss. #encounters #begegnungen #autorenwettbewerb

 

Illustration by Rebecca Doe. Do not repost without credits.

  • 649 words
  • 2017

Kannst du


Normalerweise brauche ich es, über alles die Kontrolle zu haben. Alles vorherzusehen.

Außer bei ihm.

Wenn er mich plötzlich von hinten umarmt.

Es macht mir Angst, dass ich keine Angst vor ihm habe.

Das ist doch gefährlich. Oder.

Die Natur hat Angst so eingerichtet. Damit man gewarnt ist. Damit man sich schützt. Damit man sich fernhält. Von Gefahr.

Aber ich will mich nicht fernhalten. Ich will fühlen.

Ich will ihn fühlen.

Ich will bei ihm sein.

Ich liege an seinem Hals. Sitzend auf seinem Schoß. Es ist so friedlich. Und so ungewohnt. So vollkommen entspannt zu sein. Was macht er mit mir.

Vorsichtig schaue ich ihn an.

Schade dass ich dich nicht küssen kann.

Sagt er.

Mit großen Augen. Ruhig.

Ich starre ihn an.

Kuss.

Das Wort macht mich fertig.

Alarmierend. Wie eine Neon Reklame in meinem Kopf. Verlockend. Abstoßend.

Er sieht mich immer noch an.

Ich sehe weg.

Ich vertraue ihm.

Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag.

Ich sehe wieder hin.

Er schaut mich immer noch so an. Ich will weinen. Seine Augen. Da ist kein irres Glitzern. Nichts das mir Angst macht. Nichts das mich anwidert.

Warum. Ich will die Hand ausstrecken und ihn berühren. Sein Gesicht anfassen. Seine Lippen..

Es sticht.

Ich würde ihn so gern fragen.

Aber ich kann nicht.

Ich würde dich so gern etwas fragen. Sage ich. Aber ich kann nicht.

Da schäme ich mich schon. Kaum habe ich es gesagt. Dabei habe ich es nicht mal gesagt. Ich hasse meine Wünsche. Hasse es dass ich nicht sprechen kann. Hasse es dass ich sprechen will.

Reiß dich zusammen.

Was ist das erste Wort von deiner Frage?

Mein Herz pocht.

Er ist so nah.

Und es ist schön.

Kannst..

Ich darf nicht. Ich darf nicht.

Du..

Ich verdiene nicht, ich verdiene nicht..

Ob ich dich küssen kann?

Schauer. Pochen. Oh Gott. Er weiß es. Er hat mich durchschaut.

Was soll ich nur tun?

Er ist so nah.

Näher.

Klopfen.

Pochen.

Mund.

Sein Mund. Auf meinem.

Sein Mund. Auf meinem..

Meine Hände. Ich weiß nicht wohin damit. Sie schweben in der Luft. Was soll ich tun. Was soll ich tun..

Sein Mund.. immer wieder. Darf ich.. sollte ich.. denke ich.. bewege meine Lippen.. zögerlich.

Angst.

Ich warte die ganze Zeit darauf. Dass mir schlecht wird. Auf den Ekel.

Aber er kommt nicht.

Ich bin also bei vollem Bewusstsein. Als mir das bewusst wird, fängt mein Herz an zu rasen. So dermaßen. Dass es den ganzen Oberkörper mit warm macht. Ich schauere.

Sein Mund ist warm. Und seine Hand auch. An meiner Wange. Hält mich. Zärtlich.

Warum ist er so zärtlich. Womit habe ich das verdient.

Warum riecht er so gut.

Er riecht so gut.

Ich atme tief seinen Geruch ein. An seiner Schulter, wo ich jetzt liege. Und immer noch zittere. Ganz sanft war sein letzter Kuss. Bevor er mich wieder in den Arm nimmt.

Und hält.

Er muss rauchen. Hebt mich vorsichtig von seinen Beinen.

Mir ist schwindelig. Benommen sitze ich auf der Bettkante. Doch über der Oberfläche. Das spüre ich. Spüre das alles.

Ich darf noch etwas hier bleiben, hat er gesagt. Und klar kommen.

Klar kommen. Wie soll ich klar kommen. Bei vollem Bewusstsein. Was soll ich nur tun? Ich fühle alles. Meine Glieder sind weich. Ich kann nicht stehen. Ich zittere. Ich weine. Ich weine? Ich weine. Die Wangen sind nass. Es quillt alles über.

Sein Mund. Er war nicht eklig. Ich habe mich nicht geschämt. Und fühle mich nicht wie eine Hure. Er hat mich geküsst. Und das war alles. Und das bedeutet alles. Für mich.

Mir ist so warm. Immer noch. Dabei steht er im Nebenzimmer. Ich höre ihn. Und weine. Weil er so gut zu mir ist. Danke. Danke. Will ich schreien. So laut ist es in meinem Kopf. Die Dankbarkeit.

Ich weine meine Dankbarkeit heraus.

Und spüre noch immer seinen Kuss auf meinem Mund.



(c) Rebecca Doe 2017

Illustrations on Instagram: instagram.com/rebeccaxdoe




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