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Braune Augen 

 

Diese Augen… diese dunklen, braunen Augen, die mich von unten nach oben mustern, die mich fesseln, mich kontrollieren und aufs Schärfste beobachten und analysieren. Sie durchstoßen mich mit einem finsteren Misstrauen, welches ich momentan nur zurückgeben kann. Wer bist Du und wieso bist du nur hier? Willst du denn hier sein? Musst du hier sein? Was musst du nur erlebt haben, dass mich jetzt deine großen, dunklen, braunen Augen derart durchbohren. Ein Blick, der mich verstört, mich traurig macht und meinen Glauben an diese Welt erschüttern lässt. Ein kalter, gebrochener Blick aus doch so warmen, dunklen, braunen Augen.

Wieso schaust du mich nur so an? Habe ich dir etwas angetan? War es meine Schuld, dass du nun hier bist? Bin ich der Grund dafür, dass du weg musstest? Je mehr du mich so anstarrst, umso schuldiger fühle ich mich. Du hältst ihre Hand, damit sie nie wieder loslassen kann. So fest und klammernd. Und du schaust mich an. Du schmiegst dich an sie. Deine rosa Jacke, die lila Hose und die pinken Schuhe lassen dich so niedlich wirken; verspielt, freundlich und unschuldig. Doch das bist du lange nicht mehr, richtig? Wie kann man noch kindliche Unschuld verkörpern, wenn man einen solchen langen Weg auf sich nehmen musste, wenn man so vieles sehen und erdulden musste und das Ende noch immer nicht in Sicht ist. Sie steht da. Wesentlich entspannter als Du und wartet auf den Bus. Sie merkt gar nicht, wie du auf sie aufpasst. Wie du sie beschützt. Sie merkt gar nicht, dass du längst erkannt hast, wie wir alle sind. Wie wir zu euch sind. Sie glaubt, du bist zu klein, um zu verstehen, was die Menschen von euch denken. Aber du weißt es ganz genau. Du verstehst vielleicht nicht die Worte, aber du verstehst deren Bedeutung. Den Klang, den Ton, die Lautstärke, das Unverständnis, die Angst, die Wut, den Hass. Du verstehst all das und weißt, dass du dich an sie klammern musst. Du hältst sie fest, denn du weißt, dass euch keiner will. Du spürst den Hass und weißt, dass eben jener euch erst hierher gebracht hat. Du machst keinen Unterschied, ob jemand nett zu euch ist oder so unmenschlich, wie jene zuhause. Wieso auch? Für uns seid ihr doch auch alle gleich. Wieso sollte ich anders sein, als der Kerl, der dich vor kurzem anschrie oder der, der dein Zuhause zerschoss. Vielleicht bist du froh, um das Dach, um das Essen und um den Schlafplatz. Das zeigst du auch. Du kannst lächeln, wie jedes andere Kind auch. Doch es ist anders – es ist gebrochener, es zeigt ihr, dass du noch nicht aufgegeben hast. Aber es zeigt mir, dass du niemanden vertraust. Du weißt, wie wir sind, wie wir sein können und wie ich es sein muss. Nicht besser, als die anderen… Es braucht keinen weiteren Grund für dein Misstrauen.

Dein Blick sagt so viel. Er zeigt mir deine Geschichte, wie könnte ich da noch böse sein? Euer Bus ist da. Es ist eurer, nicht meiner, also bleibe ich stehen und warte. Ich sehe nur noch, wie sie hinein humpelt; deine Mama – und wie du sie stützt. Du drehst dich nicht um, würdigst mich keines Blickes und sitzt mit ihr am Fenster. Es sind nur noch diese wenigen Zentimeter Glas, die uns trennen. Dennoch schaust du mich nicht an, wieso auch? Es gibt keinen Grund dafür. Der Bus fährt los und ihr sitzt drinnen. Du fährst nun ins Heim, welches weder deine Heimat ist, noch eine werden könnte. Ich schaue euch hinterher und noch immer durchbohrt mich dein Blick; diese kalten, dunklen, braunen Augen, die mich verstören, mich traurig machen und meinen Glauben an die Welt erschüttern.  



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