published in 'Encounters von Juptr' on Juptr.io

0
0

Ich und mein Inklusionshelfer 


 

Ich gehe zum Arzt, der mir nach längerer Krankheit bescheinigen soll, dass ich nun wieder fünfundvierzig Minuten unterrichten darf. Erst einmal im Monat, dann zweimal im Monat, dann dreimal undsoweiter. Ganz langsam. Schleichende Annäherung. Das Gespräch verläuft ganz nach meinen Vorstellungen. Wenig Fragen, viel Abnicken und ach ja, gut, machen wir so, ist genehm. Das einzig Abweichende von meinem Wunschvorhaben ist, nun einen Inklusionshelfer an meiner Seite zu haben. Der Inklusionshelfer wird kompetent, geschult auf genau meine Befindlichkeiten und ganz nett sein. Er soll unterstützend agieren, als wäre er gar nicht da. In meinem Fall bedeutet das, er kopiert, sortiert die Arbeitsblätter, bei Bedarf erstellt er sie nach meinen Vorgaben, bei Bedarf ersinnt er selbst die Vorgaben. Er wird eingreifen, wenn mir Worte fehlen, bei Bedarf korrigiert er meine Worte taktvoll, bei Bedarf übernimmt er die Moderation in Unterrichtsgesprächen, bei Bedarf übernimmt er den gesamten Unterricht. Er wird vor Betreten des Unterrichtsraums die Örtlichkeit in Augenschein nehmen, überprüfen, ob alles dort steht, wo es meinen Befindlichkeiten am angenehmsten erscheint, bei Bedarf zusätzliches Mobiliar besorgen, überflüssiges entsorgen und alles so, dass ich im Moment des Hereinkommens alles so vorfinde, dass es meiner Vorstellung perfekt entspricht. Er wird die Schüler durchleuchten. Da es aufgrund kritischer Charaktere zu Störungen kommen kann, die meiner ärztlich verordneten Genesungsphase in die Quere kommen könnten. Dazu wird er mit den Eltern sprechen, Hausbesuche unternehmen, Freundeskreise begutachten, mit den Kindern in Einzelgesprächen Tests durchführen und auswerten. Im Endeffekt ist er also unsichtbar in Momenten, in denen ich die Leitung meiner anvertrauten Aufgabe übernehmen möchte und absolut sichtbar, wenn ich unsichtbar sein möchte. Selbstredend werden die fünfundvierzig Minuten im Monat, später zweimal in Monat, wiederum später dreimal im Monat undsoweiter umfangreich vor- und nachbereitet. Er wird mindestens eine Woche vor den ersten fünfundvierzig Minuten meinen Haushalt übernehme. Kochen, reinigen, einkaufen, Pflanzen wässern undsoweiter. Dabei wird er aufgrund seiner Kompetenz das Gespür besitzen, zu erkennen, wann ich Herr meines Alltags, beispielsweise aus Gründen der Ablenkung, sein möchte und selbst Alltagsaufgaben übernehmen will. Dann wird er wiederum unsichtbar, sodass ich ihn gar nicht bemerke. Er wird jederzeit als Gesprächspartner bereit stehen und Zuhörer, Motivateur, Animateur, Masseur, Psychologe und gegebenenfalls Geistlicher sein. Die Nachbereitung umfasst dann eben selbiges, nur dass sie nicht zeitlich begrenzt ist, sondern so lange dauert, wie es dauern wird. Mein ganz persönlicher Inklusionshelfer. So erklärt es mir der Arzt. Ich willige ein und erwarte den Moment voller vorfreudiger Erwartung, meinen Inklusionshelfer endlich kennenzulernen.

Ich stelle fest, dass sich in meiner krankheitsbedingten Abwesenheit einiges verändert hat.

Ich befinde mich in meinen ersten fünfundvierzig Minuten Unterricht.

Der Raum entspricht meinen Vorstellungen, da gibt es keine Einwände. Die Schüler entsprechen demjenigen Klientel, mit dem es sich reibungslos arbeiten lässt. Höflich, sympathisch, aufgeweckt und neugierig, still und gehorsam, wissbegierig und emphatisch wissend, dass hier ein Mensch vor ihnen steht. Soweit gut. Allerdings sitzen genau zwei Schüler vor mir. Dazu befinden sich circa vierzig weitere, erwachsene Personen im Raum, die so unscheinbar sind, dass sie weder Bewegungen noch Handlungen ausführen, noch zu atmen scheinen. Die anfänglichen zehn Minuten habe ich sie nicht bemerkt. Als mir mein Inklusionshelfer, den ich anfangs ebenso wenig registrierte, die Buchseite auf meinem Lehrerpult umschlug, da dies eine Überstimulation meines empfindlichen Gemütes bedeuten würde, wurde ich seiner gewahr. Und mit ihm registrierte ich die übrigen circa vierzig Gestalten in diesem Raum. Ich beauftragte meinen Inklusionshelfer, meinen Unterricht fortzuführen und erbat die restlichen Anwesenden mit mir vor die Tür zu gehen, um mir zu erläutern, in welcher Funktion und Relevanz ihre Anwesenheit zu begründen läge. Der erste, der das Wort ergriff, erklärte, er sei der Inklusionshelfer meines Inklusionshelfers. Ein anderer schaltete sich ein und sagte, er wiederum sei dessen Inklusionshelfer, der wiederum einen der hier Anwesenden als Unterstützung mit im Raum habe. Zwei erläuterten, dass sie in ihrem Genesungsprozess soweit fortgeschritten seien, dass ihre Inklusionshelfer sich außerhalb des Raums im Schulgebäude aufhielten. Ein weiterer sagte, sein Inklusionshelfer befände sich inzwischen nur noch auf Abruf jederzeit telefonisch zu erreichen, woraufhin dieser Applaus erntete. Ich erfragte die Funktion der Personen, die bisher still schwiegen und erhielt als Antwort, sie seien die Inklusionshelfer der beiden anwesenden Schüler beziehungsweise deren Inklusionshelfer, die wiederum Inklusionshelfer hatten undsoweiter. Letztendlich erfuhr ich, dass sich aufgrund meiner Befindlichkeiten ungefähr einhundertdreißig Personen im Schulgebäude aufhielten, um die ärztlich bewilligte Maßnahme erfolgreich durchführen zu können.

Ich teilte daraufhin dem Arzt mit, dass ich es als unverantwortlich empfände, mich über diese Schritte nicht informiert zu haben und beantragte, die Maßnahme zu einem späteren Zeitpunkt, zu dem mein Gesundheitszustand derartige Überraschungen zuließe, erneut zu versuchen.



Published in: