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Lichtblicke - Die Geschichte eines besonderen Freundes


 

Das Leben ist ein Fluss, der dem Rauschen der Zeit folgt, eine Gesellschaft, die den Zeigern der Uhren hinterherhetzt. Immer schneller, immer weiter, immer höher hinaus. Das Rauschen wird stets lauter und überspült das Wichtigste, die zarten Zwischentöne, die uns zu Menschen mit Herzen machen. Der Bass ist stärker, er vibriert in uns, reißt uns mit sich. Ob wir wollen oder nicht? Doch, wir könnten – öfters innehalten, es umkehren und ihm damit die Macht nehmen. Man muss nur genau hinhören und hinsehen, es wieder lernen. Gesund, leistungsstark, schön, zielorientiert, multitaskingfähig – danach gilt es eine Persönlichkeit zu vermarkten. Die Gedanken meines guten Freundes Max, dessen Lebenserfahrungen ich auf seinen Wunsch hin in einen Roman gepackt habe, schweifen umher in einer Endlosschleife, bis er sie stoppt. Er sitzt in seinem Zimmer, in einem Rollstuhl, der ihn zu seinem Gefangenen macht. Um Max herum tobt das Leben, vor der Zimmertüre, dem Haus, hinter und in seinem Ort. Die meisten Menschen können nicht viel mit ihm anfangen. Aber eines hat er sicher, die Liebe seiner Eltern und Geschwister. Sie sind es, die ihm Ruhe geben vor der Welt, in der auch ihnen schon viel Neid und Hass entgegengeschleudert wurde. Das Haus ist ihre Oase des Friedens. In ihm ist die Welt in Ordnung, trotz des Rollstuhls, trotz der Atemlosigkeit, trotz des Schicksals, das Max damals, als er drei Jahre alt war, nach einem Autounfall fast in den Tod gerissen hat. Wären da nicht zwei Menschen gewesen, die wie aus dem Nichts auftauchten. Still und leise haben sie gehandelt, still und leise sind sie danach wieder verschwunden. Sie brauchten kein Heldentum, keine laute Feier, keinen Dank. Der Junge überlebte dank ihnen. Laut den damaligen Ärzten sollten die Eltern sich wünschen, ihr Junge würde bald sterben aufgrund der starken Verletzungen und vor allem, da er für immer ein schwerer Pflegefall bleiben würde. Aber Max kämpfte und seine Eltern mit ihm. Ein stilles, kleines Leben, aber an Erfahrungen und Liebe so viel reicher als es viele andere erleben. Er hört die Zwischentöne in jedem Lied, welches das Leben spielt, er sieht klar und taucht gern tief. Hinein in das Meer aus Stimmen, die um ihn herum sind, wenn er draußen ist. Dort entdeckt er vieles, was andere schon gar nicht mehr sehen wollen oder können. Sie reden, während er in Stille aufsaugt – das Leben. Und dann gibt es da noch die Träume. Leise geistern sie in seinem Kopf herum, zaubern kleine Filme vor seine Augen, wenn er daran denkt. Vielleicht kann er sie im nächsten Leben leben. Manches hat er aber auch in diesem schon erreicht. Er versucht über Grenzen zu gehen und glaubt daran, dass die Seele nach dem Tod weiter existiert, dass sie das immer tun wird. Max liebt es zu leben, Neues zu erfahren, zu lesen, träumt davon Sport zu machen, zu arbeiten. Er spornt seine Geschwister an, dankt seinen Eltern für alles und freut sich bereits über ein Stück Schokolade wie ein kleines Kind zu Weihnachten. Er liebt Sonnenstrahlen, deren Wärme er nur im Gesicht spüren kann und den wunderbaren friedlichen Gesang von Vögeln. Wenn er spricht, dann versteht man ihn kaum, nur seine Lippen formen die Worte deutlich. Man muss nur genau hinsehen und genau hinhören. Die Welt wäre ein weniger heller und ruhiger, würde man eben öfters einmal innehalten und auch den leisen Tönen und dem im ersten Augenblick Unscheinbaren seine Aufmerksamkeit widmen. Denn das Wichtigste ist und bleibt für die Augen unsichtbar. Mit dem Buch „Hinter den Wolken scheint die Sonne“, das noch nicht veröffentlicht wurde, will Max Menschen Mut machen. Ich bin sehr froh, ihn zu kennen.



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