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Ätzungen: Salzburg und die Kündigung

Eine fiktive Abrechnung.

 

Gerade hatte ich eine enttäuschende, aber zumindest lehrreiche Lesung in Salzburg hinter mir gehabt, aufgrund derer ich nun verstand, warum Bernhard diese verschlafene Stadt, welche alle paar Monate durch den Einzug von Festspielen von einem unerträglichen Mittelmaß an Kunst und einem Bodensatz an Kulturtouristen geflutet wird, so gehasst hatte. Es war eine ambivalente Mischung gewesen über die ich nachdachte, als ich in München Wasser aus einer Plastikflasche über mein Gesicht laufen ließ, um mich wenigstens im Ansatz frisch zu fühlen. Ich litt unter einem ausgeprägten Kater und die Morgensonne schoss mir orange im flachen Winkel in den Rücken. Fünf Stunden Fahrt lagen noch vor mir. Im Bus war die Luft natürlich derart verbraucht, dass ich schnell in einen dämmrigen Schlaf absackte. Doch leider nur kurz - ein Dreiklang, Xylophongeplänkel, Klingeln und Ploppen, überall zwischen den Sitzen spielten die Smartphones eine Symphonie der Disharmonie. Der Busfahrer beschallte uns darüber hinaus unter Zuhilfenahme populärer Radiosender das letzte Drittel der Fahrt mit Ausdünstungen der aktuellen Chartmusik. Als ich in Gießen ankam, war ich dementsprechend äußerst dünnhäutig und die Mittagshitze hatte den bebauten Kessel, der diese im Tal liegende Kleinstadt ist, zum kochen gebracht. Ich saß also auf dem Randstein, umschlagen von meinem der österreichisch-meteorologischen Lage angemessenen, aber nun vollkommen überflüssig gewordenen Schurwollemantel und schmorrte in meinem eigenen Saft, während um mich herum Gutwettergrinsende in ihren kurzen Hosen und Röcken lockeren Schrittes über den glühenden Asphalt spazierten.

Irgendwann fuhr meine Freundin glücklicherweise mit ihrem Kleinwagen an. Zuhause angekommen fühlte ich mich reichlich abgewirtschaftet und – wie man in der allgemeinen Theatralik gerne behauptet – todmüde. Ich hing also mit der Erschöpfung einer schlecht gegossenen Zimmerpflanze über der Sofalehne. Der bisherige Tag hatte sich über mir ergossen wie Teer und auf die Federn musste ich natürlich nicht lange warten, denn da klingelte schon das Telefon. Lustlos sprach hinein und meine Agentur antwortete. Schon dem Tonfall entnahm ich, dass ein ominöses Damoklesschwert an einer sehr dünnen Schnur über dem Gespräch hängen musste. Als meine bisherigen Texte, die ich für sie geschrieben hatte, schließlich ohne Ausnahmen über den grünen Klee gelobt wurden, hatte ich schon den faden Geschmack des sich anbahnenden Komplimentesandwiches auf der Zunge. Mir wurde also auf scheinbar möglichst humane Weise meine Kündigung mitgeteilt. Was natürlich eine Schmäh ist - um Salzburg noch nicht ganz aus dem Blick zu verlieren - denn jemanden mit so billigen Kniffen, wie der positiv gerahmten Hiobsbotschaft zu entlassen, das ist ja an sich schon eine Beleidigung. Aber gut, allzu nachtragend wollte ich auch nicht sein, ist schließlich auch eine undankbare Aufgabe solche Kündigungen zu überbringen, zumal der eigentliche Verbrecher auch nie der arme Knecht oder die bemitleidenswerte Bucklerin am anderen Ende der Leitung ist. Die sind noch hinter diesen monströsen Karren einer Wirtschaft gespannt, der mich gerade wie einen kranken Gaul aussortiert hatte. Ich segnete den Vorgang also in aller Gefasstheit ab und überlegte im Anschluss, wie eine gescheite Rache aussehen könnte. Möglichst bedeutungsschwer, wie man es halt macht wenn einen eine Kündigung erreicht, blies ich den Zigarettenrauch aus dem geöffneten Küchenfenster, da kam mir eine Idee: Meine Agentur lobte gerade literarische Wettbewerbe aus, auf die ich mich aus Zeitmangel eigentlich nicht bewerben wollte. Ich schwang mich zurück auf das Sofa und fing augenblicklich an zu suchen. Denn zusätzlich zu meinem letzten Gehalt wollte ich jetzt die Preisgelder der Wettbewerbe abräumen. Mich zu entlassen sollte weh tun, einen Denkzettel wollte ich ihnen auf die Stirn tackern, sodass sie nie vergessen würden wen sie da entlassen hatten. Während ich also die Geschichten in die Wettbewerbsforen stellte, fing ich zusätzlich an diese kleine Erzählung als meinen letzten Kolumnentext zu verfassen. Ein literarischer Bericht über meine Rache, den ich mir gut bezahlen lasse. Bisher sieht es auch danach aus, als würde mein großer Abgang glücken. Heute Nacht werde ich ruhig schlafen.

Manche mögen hier ein verletztes Künstlerego erkennen, aber so eindimensional würde einem doch der ganze Spaß an der Sache entgehen. 



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