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Portugiesische Brotsuppe

oder Wahrhaftigkeit ist nicht immer bekömmlich

I am Mariam Kurth, an actor and writer, living in Berlin


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Indian cow

Portugiesische Brotsuppe

oder

Wahrhaftigkeit ist nicht immer bekömmlich.

von Mariam Kurth

Das Meer betört meine Ohren. Auf der Suche nach Authentizität bin ich diesmal zum Atlantik gereist.

Nun starre ich auf die Teller meiner neu gewonnenen portugiesischen Freunde. Meeresgetier. In bunter Fülle. Es duftet. Der Thunfisch ist hier ein Steak. Nicht aus der Dose, wie ich ihn kenne. Warum habe ich mich nicht überreden lassen?! Thuna, das wäre doch auch was gewesen. Krebse, so rot wie die untergehende Sonne. Aber nein, ich wollte ja Authentizität.

Was hat Brotsuppe mit Authentizität zu tun, frage ich mich und steche in das darauf liegende gelb-schlierende Dotter.

Die Membran platzt, aber nichts tut sich. Alle wünschen sich guten Appetit. Ich wünschte ich wär bei Mac Donalds.

Ich stelle mir vor, es sei Linsensuppe. Die mag ich und die sieht auch aus wie Kacke. Mit Essig und Zucker sogar ein Gedicht. Aber außer Oliven und Brot steht nichts zum Verfeinern auf dem Tisch. Warum auch? Die Gerichte reichen vollkommen.

Die braune Pampe vor mir wirft Blasen. Obendrauf glibbert das Ei - wie das Auge einer marokkanischen Ziege.

In der Wüste hinter dem Atlasgebirge hatte ich schon einmal so ein Vergnügen gehabt, erinnere ich mich und rühre lustlos den Löffel durch die Luft. Damals war es ein Gastgeschenk. Zu meinen Ehren! Hätte es mich nur nicht so angesehen. Lächelnd hatte ich das Würgen unterdrückt und mir die Kugel zwischen die Lippen geschoben. Es hatte ewig gedauert, bis ich die Sehnen durchhatte. Seitdem scheiße ich auf die Ehre. Nur um diese zu retten, waren schon ganze Völker übereinander hergefallen. Aber nun gut, ich hatte es ja überstanden.

Ein neuer Urlaub ist eine neue Chance, hatte ich mir gedacht und war durch das Land am westlichsten Zipfel Kontinentaleuropas gereist.

Und jetzt liegt die Erinnerung vor mir, auf meinem Teller, blubbert ekelerregend hoch, an einem Tisch umringt von lachenden Portugiesen.

Und ich? Bin erneut freundlich, höflich und mache gute Miene zu bösem Spiel. Habe es wiedereinmal selbst verschuldet - das Offensichtliche abgelehnt und nach den typischen Eigenheiten des Landes gefragt.

Langsam zieht sich eine gelbe Bahn durch die Brühe. Ich schiele auf den Muschelberg neben mir und fühle, wie sich eine Träne der Wut zwischen meine Wimpern setzt. Ökopolitisch korrekt essen, ist das Dümmste, was man sich antun kann, will der salzige Tropfen mir sagen. Aber ich ziehe mich zur Raison: Jetzt nur nicht losheulen. Du hast mehr als diesen Schleim hier überstanden. Und bei dem Wort Schleim schiebe ich mir bestätigend den Löffel in den Mund. Die Konsistenz ist die gleiche, wie bei sudanesischem Spinat. Der wird so lange gekocht, bis nur noch die grüne Farbe von seiner Herkunft zeugt. Ich versuche, die Erinnerung zwischen den Zähnen zu zermalmen. Aber da ist nicht viel Kaubares. Es flutscht mir den Rachen entlang und ich schlucke es mit dem Gedanken an Bauchlappensuppe aus Peru herunter. Aber auch diese Erinnerung bahnt sich den Weg in meine Geschmacksknospen. Und ich sehe das Bild auftauchen, wie ich an den mit Neonreklame beleuchteten Restaurants in Limas Straßen vorbei, in einen Hinterhof strebe. Die zahnlose, alte Frau dort rührt in einem großen Topf. Ich verstehe nicht, was sie sagt. Aber ihr lachendes Kopfnicken lädt mich ein, das authentische Gericht zu probieren. Kurz danach hatte ich mich in den interglobalen Fresstempel auf die Hauptstraße zurückgewünscht. Zwischen fettleibigen Touristen mit glücklichen Gesichtern wollte ich sitzen und einladende Hamburger, Schnitzel, Pommes und sogar Spaghetti in mich hineinschmatzen. Und wenn es Mirakuli gewesen wäre- egal!

Die Portugiesen prosten mir zu. Fragen, wie es mir schmeckt und ob ich bei Ihnen probieren will. Aber ich bleibe bei meiner Diät der Authentizität. Obwohl mein Magen sich krümmt und gurgelt: Scheiß doch auch darauf. Ich habe Hunger!

Mirakuli! Das war ein Essen, was ich als Kind schon verabscheute. In diesem Moment aber kommt es mir vor, wie ein Gourmetgericht.

Bei anderen Kindern gab es Rouladen Zuhause, Eisbein und Leber. Sie hatten ihre kochenden Mütter dafür gehasst. Ich aber liebte die Hausmannskost mit Geschichte. Selbst Gekochtes kam bei uns aus der Tüte, Dose oder der Pommesbude.

Hätte meine Mutter doch kochen können! - Ich müsste nicht um die Welt reisen und Authentizität suchen.

Aber sie hatte Wichtigeres vor. Sie schwamm gegen den Strom. War fortschrittlich, modern, rettete Leben im weißen Kittel und lehrte mich den Blick auf das Wesentliche zu richten. Die Wahrheit hinter den Dingen zu suchen, das war ihr Credo.

Die robuste Wirtin erlöst mich von meiner Pein und tauscht den Teller gegen ein Gläschen Medronho. Wahrhaftigkeit ist halt nicht immer bekömmlich. Der Schnaps betäubt wohltuend meinen Magen. Versöhnlich grummelt er vor sich hin, während ich mir fest vornehme, das nächste Mal mit der Masse zu schwimmen und nirgendwo eintauchen zu wollen. Oder gleich zu Beginn einen Schnaps zu bestellen!


 

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